Baltikum per Rad – Langsamkeit erleben und Grenzen erfahren

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Reiseberichte Europa Baltikum Felix | 10. Oktober 2013

Baltikum per Rad – Langsamkeit erleben und Grenzen erfahren

Im Juli sollte es wieder so weit sein. Eine 3-wöchige Fahrradtour durch die baltischen Staaten ließ mich mal wieder meinen Hausrat auf das Minimalste reduzieren und in die wasserdichten Radtaschen verpacken. Es wurde wieder Zeit, die Sonne auf der Haut zu riechen.

Warum Baltikum

Es war die Sehnsucht nach einem Land frei von den allseits bekannten und verbreiteten Fast-Food-Tempeln sowie Kaufhäusern. Wer also eine Reise durch Länder sucht, die bislang noch nicht so sehr von den westlichen Standards geprägt sind, sollte sich auf ins Baltikum machen. Eile ist jedoch geboten, denn vor allem in den Hauptstädten ist der Wandel spürbar.

Was Sie schon immer über das BALTIKUM wissen wollten

Nach Reisen in die Natur Schwedens und Norwegens wollte ich etwas neues kennenlernen. Eine Fahrt ins Baltikum lag nahe, da ähnlich wie in Skandinavien für jeden das Recht gilt, mit dem Zelt in der Natur zu übernachten. Das wird zwar durch die Balten akzeptiert, aber eine Tradition, wie in den skandinavischen Ländern, ist es bislang noch nicht.
Mit dem Fahrrad startete ich in der litauischen Hafenstadt Klaipeda und radelte zunächst in Richtung Osten. Den Umweg nach Riga habe ich bewusst gewählt, da auf dieser Strecke mit dem Berg der Kreuze eine interessante historische Stätte lag. Begann mit dem Errichten erster Holzkreuze eine stille Form des Widerstandes gegen die sowjetische Besatzung, stellt der Berg heute einen Wallfahrtsort für die Christen da. Der Kryžių kalnas besticht deshalb nicht unbedingt durch die Höhe des Berges sondern durch die Vielzahl an Kreuzen, die durch Gläubige der Welt hier aufgestellt wurden.
Generell sind die 3 baltischen Länder sehr geprägt vom christlichen Glauben, aber auch von der russisch orthodoxen Kirche. Vor allem in Litauen kann man schon mal ausgebremst werden, will man jede Kirche mit dem typischen Holzbau oder den Zwiebeltürmchen fotografieren. Eine weitere angenehme Begleitung waren die vielen Störchennestern, die von bis zu 5 der kinderbringenden Artgenossen beherbergt wurden.
Über die größte Stadt des Baltikums Riga, entlang des europäischen Fernradweg R1, vorbei an herrlichen Ostseestrandsänden, über Pärnu radelte ich zu den beiden größten Inseln Estlands Hiiumaa und Saaremaa. Das Inselhopping über drei Fähren gestaltet sich mit weniger als 15 Euro günstig und verspricht im Landesinneren totale Einsamkeit und wenig Verkehr. Umso erstaunlicher für mich, mit was für einem Ehrgeiz die örtliche Polizei Geschwindigkeitskontrollen durchführte. Abschließend erreichte ich über den direkten Weg Tallinn. Diese Stadt war ihre Reise allein schon wert. Sie lässt sich zwar innerhalb von 2-3 Tagen recht schnell erschließen, ist aber mit ihren mittelalterlichen Türmen und dem hervorragend erhaltenen Stadtkern hübsch anzuschauen. Ein guter Tipp ist die kostenlose Stadtführung direkt neben dem offiziellen Touristenbüro, die täglich 12 Uhr startet. Die Stadtführung wird ausschließlich finanziert durch das “Trinkgeld”, weshalb sich die Stadtführer besonders ins Zeug legen. In dem 2-stündigen Rundgang werden nicht nur stadtgeschichtliche Dinge erläutert, sondern auch Anekdoten und persönliche Geschichten erzählt, was der Stadt eine persönliche und sympathische Note gab.

Generell gilt für Riga und Tallinn, dass man sich eine spezielle Karte besorgen sollte, die von den Einheimischen für Touristen gemacht wurde. Sie beinhaltet fernab von den touristentypischen Orten Tipps, wie z.B. für eine Mittelalterkneipe mit uriger Elchsuppe, einem Restaurant mit riesigen günstigen Pfannkuchen, einzigartige Clubs und Aussichtspunkte, die selbst nur wenige Tallinner kennen. Die Karte sorgt für das Gefühl in dieser Stadt wirklich zu leben und schont den Geldbeutel gleichermaßen.
Für die Rückreise nach Klaipeda nutzte ich die Fernbusse. Züge sollten nicht in Betracht gezogen werden. Sie stellen derzeit keine gute für Radfahrer Option dar. Sie sind unpünktlich, es gibt keine direkte Verbindung nach Riga und sie benötigen für eine kurze Strecke eine Ewigkeit.
Für die Busfahrt sollte man viel Zeit, Einfühlvermögen und Geduld mitbringen. Es kann passieren, dass der Busfahrer einen nicht mitnimmt, weil angeblich der Gepäckraum überfüllt ist. Hier gilt es den Busfahrer höflich zu überreden. Reicht das nicht, sollte man sich dringend einen Vermerk auf dem Ticket geben lassen, mit dem man sein Geld zurückerhält. Dann kann ein neues Ticket für den nächsten Bus gekauft werden.
In Klaipeida angekommen, gönnte ich mir nochmal einen Tag auf der kuhrischen Nehrung. Die Personenfähre bringt einen über die Lagune. Nach der 15-minütigen Überfahrt wäre es empfehlenswert eine Weile zu warten, bis sich die Fußgänger und Radfahrer zerstreut haben, da das unkontrollierte Fortbewegen vieler Touristen auf dem einzigen Radweg nervt. Auf der kuhrischen Nehrung sollte man die Augen offen halten, denn die angepriesenen Naturschönheiten, historischen Häuser oder Denkmäler sind nicht oder nur schlecht ausgeschildert. Darum bin ich auch eher zufällig auf den Parkplatz gestoßen, der mir den Weg zur Todesdüne wies. Sie ist eine der höchsten Sanddünen auf der kuhrischen Nehrung und hat bereits mehrere Dörfer unter sich begraben.
Für meine Rückfahrt nach Kiel erstand ich noch am gleichen Tag mein Ticket in einem Reisebüro in der Nähe des Touristenbüros.

Weiterschmökern:


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Short Cuts Baltikum

Beste Reisezeit:

...ist als Fahrradfahrer ganz klar der europäische Sommer. Ich habe während meiner Tour im Juli/August nur Sonnenschein und Temperaturen um 25 Grad erlebt, begleitet mit wenigen nächtlichen Regenschauern. 



Anreise:

...mit dem Zug ging es an die deutsche Küste. Es gibt 2 Fährverbindungen. Von Travemünde fährt aller 2 Tage eine Fähre nach Klaipeda/Litauen. Die Fähre von Kiel aus, ist praktischer, da sie nach täglich nach Klaipeda verkehrt. Bei einem flexiblen Rückreisedatum ist sie deshalb sicherlich auch besser geeignet.



Einreise:

...Visabestimmungen gibt es keine. Der Personalausweis genügt völlig.



Sprache:

...die Sprachen Litauens und Lettlands unterscheiden sich gering. Will man landestypische Gesprächsfloskeln bieten, stellt Estland aufgrund der Ähnlichkeit zum Finnischen wohl die schwerste Hürde dar. Sie zählt zu den drei am schwersten zu erlernenden Sprachen der Welt. Glücklicherweise genügte vor allem bei den jungen Balten Englisch. Da der Anteil an russischer Bevölkerung in den Staaten hoch ist, bieten sich sicherlich auf Russischkenntnisse an. Die Sprache wird jedoch von den Einwohnern aufgrund der Vergangenheit mit gemischten Gefühlen aufgefasst. 


Geld:

...kann überall abgehoben werden. Mit Visa oder Maestro-Card zu zahlen ist üblich. Ich empfehle die DKB, da diese ein kostenloses Konto anbietet, mit dem gebührenfrei Geld überall auf der Welt abgehoben werden kann. Beachtet unbedingt, dass die Automaten erst das Geld liefern und dann die Karte. Da es in Deutschland umgekehrt ist, ist mir die deutsche Routine am Schalter zum Verhängnis geworden und ich vergaß die Karte mitzunehmen. Zum Glück geschah das während meiner Rückreise. Damit war der Verlust zu verschmerzen. Die drei Länder Litauen, Lettland und Estland gelten als günstig. Aufgrund der Nähe zum finnischen Nachbarn habe ich jedoch Estland ein weniger teurer empfunden. Mit der Einführung des Euros ist Estland sicherlich am einfachsten zu bereisen. In den nächsten Jahren sollen Lettland und Litauen folgen.

wwwo beginnen

social-hostel
Sehr schönes und günstiges Hostel in der Nähe des Stadtzentrums Tallinns.

couchsurfing

Vor allem in Litauen war es für mich einfach, Gastgeber zu finden. Ein Geheimtipp ist für mich Roumoualdas in Klaipeda. Wer hier mit der Fähre ankommt, sollte diesen Mann anschreiben. Er ist gebehindert, aber nicht minder hilfsbereit. Seine Devise lautet jetzt sich die Welt in sein Haus einzuladen. Die 300 Gäste in 7 Jahren sprechen für sich. Vor allem Fahrradfahrern gegenüber ist er aufgeschlossen und er gibt reichlich Tipps für die Tour.

Baltikum

Nicht vergessen

  • Zelt: Mein neu erworbenes Rejka Antao III light möchte ich nicht mehr missen. Die Mischung aus Preis-Leistung, Zeltgröße und -gewicht stimmt. Die Feuertaufe hat es in Haapsalu bestanden. Ein schweres Unwetter konnte dem Zelt nichts anhaben.
     
  • Handtuch: Waren auf den vergangen Touren noch klobige Kuschelhandtücher meine Begleiter, ist das PackTowl mein neuer Favorit geworden. Gerade das Handtuch ist ein Gegenstand der über Nacht am schlechtesten trocknet. Das PackTowl verhindert aber eine schnelle Geruchsentwicklung, trocknet schnell und ist abhängig von seiner Größe gut zu verstauen.
     
  • Klickies: Ich genieße schon seit längerem das gute Fahrgefühl mit der Pedale über die Schuhe direkt verbunden zu sein. Einige waren auch mit Latschen oder Sandalen unterwegs, doch ich bevorzuge diese Variante.

Literatur

Ehrlich gesagt habe ich weder Literatur noch Karten verwendet. Die Karten, die ich verwendet habe, bekommt man bei den Touristenbüros. Eine gute empfehlenswerte Karte habe ich während der Tour für eine andere getauscht. Die kommt aber aus der Schweiz :)