Testbericht: 5 Wochen mit dem Hilleberg Kaitum 2 GT im Nordwesten der USA

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planet tapir | 7. Februar 2014

Im Herbst 2013 bot sich mir die Möglichkeit, zu eine 5-wöchigen Reise an die Westküste der USA aufzubrechen, genauer gesagt in die Bundesstaaten Oregon und Washington. Zwei Gründe waren für die Wahl dieser Destination ausschlaggebend: Zum einen sind diese beiden Bundesstaaten angefüllt mit feinster, einzigartiger Wildnis – sowohl was tiefe Wälder, atemberaubende Berge, ausbruchslustige Vulkane, als auch sagenhafte Strände anbelangt (letztere  von einer unfassbaren Schönheit, die den Verstand unmittelbar zu Hirnsuppe verarbeitet und den Betrachter völlig fassungslos und leicht debil grinsend zurücklässt!). Zum anderen ist dort zur besagten Reisezeit (Oktober/ November) absolute Nebensaison, ein Umstand, welcher in meiner Reiseplanung stets von dominanter Bedeutung war und ist. Doch wer die in keinem Reisführer erwähnten Sehenswürdigkeiten für sich allein haben will, braucht vor allem eins: eine hochwertige Hütte! Es ist nämlich – oder besser gesagt natürlich –  so, dass eine spezifische Reisezeit vor allem dann als „Nebensaison“ deklariert wird, wenn das Wetter in dieser Zeit, nun ja, sagen wir mal… bescheiden ist. Sprich: Regen, Schnee, Wind und aus der Wetterlage resultierendes, ungeduldig-unachtsames, bisweilen unzurechnungsfähiges Verhalten des Zeltaufbauers. Da sich in meinem Schrank ein Kaitum 2 GT des schwedischen Zeltweltmeisters Hilleberg befand, machte ich mir darüber keine Sorgen und begab mich unversehens in Richtung Westen. Es folgten 30 intensive Nächte mit viel Wetter.Wie an so vielen Orten auf dieser schönen Erde, an denen das Wetter nicht durch diverse Verordnungen oder eine etwas beständigere Lebensführung der Anwohner reguliert zu sein scheint, gilt für die Westküste Nordamerikas die alte Weisheit: „Wenn Dir das Wetter nicht gefällt, warte 5 Minuten!“. Das Kaitum 2 GT hatte also jede erdenkliche Möglichkeit, sich unter Beweis zu stellen.

Fakten & Daten

Schauen wir zuerst auf die harten Fakten. Das Kaitum 2 GT ist ein Tunnelzelt mit Vorraum und zwei geraden Wänden am Anfang und am Ende des Innenzeltes. Es gewährt somit vergleichsweise viel Platz und Raumkomfort. Neben dem Vorraum am vorderen Ende bietet auch die separat zugängliche, hintere Apsis zusätzlichen Stauraum. Der Innenraum ist mit einer Liegefläche von 220 cm x 140 cm ausgewiesen. Zwar habe ich dies nicht nachgemessen, aber zwei Personen haben mehr als ausreichend Platz in dieser appartementähnlichen Nylon-Baude.

Das Material besteht aus der speziellen Nylon-Legierung von Hilleberg, dem sagenhaften Kerlon. Im Falle des Kaitum 2 GT ist dies in der 1200er Stärke verarbeitet, welches eine ideale Kombination aus Reißfestigkeit und relativ geringem Gewicht garantiert. Es ist beidseitig dreilagig silikonbeschichtet und somit theoretisch ad infinitum wasserdicht. Der Boden überzeugt mit einem 70 Dernier starken Nylon-Gewebe und einer Wassersäule von 5000 mm. Sämtliche Gestängebögen haben einen Durchmesser von 9 mm und kommen aus dem Hause DAC, der ersten Adresse am Platz, wenn es um hochwertige, stabile Zeltgestänge geht. An beiden Eingängen befinden sich große Lüftungsöffnungen, die für die nötige Ventilation sorgen und bei Bedarf geschlossen werden können. Abspannleinen an allen Gestängekanälen sowie den Lüftern sorgen für sicheren Stand bei windigeren Verhältnissen. Sämtliche Details wie Zeltleinenspanner, Reißverschlüsse, Abspannschlaufen und Ösen weisen die für Hillerberg so charakteristische hohe Qualität und Funktionalität auf.

Soweit die Theorie.

Anders als meine Heizdecke mit lebenslanger Garantie hat sich das Kaitum 2 GT jedoch auch in der echten Welt mehr als bewährt! Bis zu 3-tägige, sintflutartige Regenfälle haben weder das Außenmaterial noch das Bodenmaterial bezüglich der Wasserdichtigkeit an seine Grenzen bringen können. Orkanartige Stürme verursachten zwar die ein oder andere schlaflose Nacht, nicht aber den geringsten Abzug in der Haltungsnote bei meinem Kaitum 2 GT. Die Abdeckungen der Reißverschlüssen hielten den Wassermassen stand und auch die Nähte, die bei einem silikonisierten Zelt idealerweise vor dem Erstgebrauch durch den Endverbraucher mit Sil-Net abgedichtet werden sollten – was ich geflissentlich unterlassen hatte – hielten dicht.

Aufbau & Handhabung bei Dauernutzung

Der Aufbau ist denkbar unkompliziert und auch bei Wind und Wetter ohne Weiteres zu bewerkstelligen. Da das Innenzelt eingehängt ist, müssen lediglich vier Gestängebögen eingeführt und sämtliche Schlaufen durch Heringe mit dem Erdboden in Verbindung gebracht werden. Sollte es währenddessen zu sehr stürmen, empfiehlt es sich, das Zelt gleich zu Beginn an einer Seite (vorn oder hinten) im Erdreich zu verankern, bevor es aufgerichtet wird.

Besonders lobend zu erwähnen ist aber vor allem die Belastbarkeit und Widerstandsfähigkeit dieses Zeltes. Sowohl das Material selbst als auch Reißverschlüsse und Abspannleinen wurden von mir auf nahezu gotteslästerliche, die Würde des Zeltes exzessiv missachtende Art und Weise malträtiert. Trotz meiner geballten haptischen Unfähigkeit blieben alle anderen Belastungszonen rissfrei und intakt. Obwohl ich fahrlässigerweise kein Footprint mitgenommen hatte, vermochten es weder scharfkantige Steine noch Unmengen Tannenzäpfchen den Zeltboden zu perforieren. Es bleibt mir an dieser Stelle daher nur, über alle Maßen enthusiastisch auf die definitive Robustheit und schwindelerregend hohe Verarbeitungsqualität des Kaitum 2 GT hinzuweisen. Dieses Zelt ist in der Tat generationenkompatibel und sollte in jedem Testament Erwähnung finden!

Aber…

Beruhigenderweise gibt es jedoch auch von einigen Unzulänglichkeiten zu berichten. So ist das Kaitum 2 GT mit einem Gardemaß von 5,05 Metern Länge kein Zelt für Minimalisten oder Fans kleinflächiger Felsvorsprünge. Auch das Gewicht liegt mit 3,6 kg etwas über der für Zweipersonenzelte möglichen Gewichtsobergrenze. Zwar resultiert dies nicht nur aus dem komfortablen Platzangebot, sondern auch aus der Wintertauglichkeit und der hohen Verschleißfestigkeit des Zeltes, aber wer daran keinen Bedarf hat, kann getrost zu einem puristischeren Model greifen. Schlussendlich ist intensiv darauf hinzuweisen, dass trotz zweier großer Belüftungsöffnungen die Kondensation der zwar einzige, aber nicht wenig  wirkmächtige Faktor ist, der Feuchtigkeit im Inneren des Zeltes verursacht. Bei mäßiger bis nicht vorhandener Windstärke und Temperaturen um die 0 °C wird es so nass, dass vor jedem Abbau eine komplette Abtrocknung des inneren Außenzeltes vorgenommen werden muss. Zu diesem Zwecke habe ich bereits nach 2 Tage ein eigenes Handtuch abgestellt. Die hohe Luftfeuchte ist leider aufgrund des bis zum Boden herab gezogenen Außenzeltes, das das Zelt gegen Schneeverwehungen schützt, nicht zu verhindern. Bei warmen Temperaturen merkt man zwar nicht allzu viel davon, da der Temperaturunterschied zwischen Umgebung und Zeltinnenraum nicht sehr hoch ist. Bei Temperaturen um die 0°C ist der Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur jedoch signifikant höher und das Außenzelt mutiert zu einer äußerst effektiven Kondensationsebene. Wird es dann jedoch noch kälter, verschwindet das Problem wieder. Bei einer im Februar 2013 absolvierten Wintertour fiel mir dieses Kondensationsproblem nicht so eindeutig auf, da sämtliche Nässe sofort gefror und der feine Schneestaub nicht weiter störte. Im Endeffekt lässt sich also diesbezüglich resümieren, dass bei niedrigen Temperaturen mit einem höheren Kondensationsaufkommen zu rechnen ist. Dies habe Ich jedoch aufgrund der sehr überzeugenden, restlichen Eigenschaften des Kaitum 2 GT völlig ergeben in Kauf genommen. Wer nicht trocken putzen will, sollte grundsätzlich eher den Kauf eines gut belüfteten 3-Jahreszeiten-Zeltes in Erwägung ziehen.

Fazit

Spielen Langlebigkeit, Stabilität, Wasserdichtigkeit und Raumkomfort bei der Zeltwahl die entscheidende Rolle, dann gibt es meiner Ansicht nach kein besseres Zelt als das Kaitum 2 GT von Hilleberg. Das Gewicht von 3,6 kg lässt sich mit der nötigen Einstellung und dem passenden Rucksack gerade noch so durch die Pampa schleppen und meistens ist in den nicht asphaltierten Gegenden, die sich abseits der Massenmenschhaltungen erstrecken, genug Platz für ein etwas längeres Schlafgemach. Das Zelt widersteht nahezu jeglicher rücksichtslosen und fahrlässigen Behandlung, ist mit Handschuhen ebenso effizient zu bedienen wie ohne und besticht mit hochfunktionalen Detaillösungen sowie hochwertigster Verarbeitungsqualität. Und sollte die soziale Verantwortlichkeit beim Herstellungsprozess eine Rolle spielen: Hilleberg lässt seine Zelte von 32 hochkompetenten Schneiderinnen in Estland herstellen. Jede Näherin hinterlässt nach der Fertigung ein Schildchen mit Ihrem Namen im Zelt, sodass auch die persönliche Dimension ausreichend Beachtung findet.

Ich denke, dass bei weniger anspruchsvollen Touren das Kaitum 2 GT ein „bisschen zu viel“ ist. Sobald es jedoch lange und intensiv nach draußen geht und mit herausforderndem Wetter zu rechnen ist, kann Ich dieses Zelt bedenkenlos und guten Gewissens wärmstens empfehlen!

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Kommentare

  1. avatar
    1
    freiluft | 30. Juni 2014, 13:24

    es türmen sich gar schon die Berichte über Hillebergs wundervollen Zeltfuhrpark, leider jedoch kränkeln diese meist an einer von zwei Unstimmigkeiten.
    denn entweder handelt es sich dabei um das falsche Modell, bzw. die nicht gesuchte Variante (wie in meinem Fall das 2er, inkl. GT vom Kaitum) oder die Berichte sind alles andere als brauchbar.

    da freut es daher umso mehr, wenn man dann doch mal einen wirklich guten Bericht zum exakten Modell lesen darf, so wie es hier der Fall ist.

    vielen Dank hierfür und alles Gute weiterhin!

    freiluft

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