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UIAA Water Repellent Standard: Die neue Zertifizierung für Kletterseile

Kletterseilneulinge kommen zu uns entweder mit ganz konkreten Vorstellungen, weil sie von Freunden gebrieft worden sind oder sich im Internet belesen haben. Oder sie stehen mit großen Fragezeichen auf der Stirn vor unserer Kletterseilwand – und fühlen sich auch schnell mal erschlagen von den vielen unterschiedlichen Bezeichnungen und Abkürzungen, wenn sie uns nach den Unterschieden zwischen den Kletterseilen fragen. Nun kommt eine neue Zertifizierung hinzu, eine weitere UIAA-Norm, nach der die ersten bei uns im tapir auch schon gefragt haben („Da gibt es doch eine neue Norm für Mammutseile …?“). Wir wollen euch an dieser Stelle die Idee hinter der Norm und die Konsequenzen kurz vorstellen.

Die UIAA, Union Internationale des Associations d’Alpinisme, wurde 1932 in Chamonix von 18 Repräsentanten nationaler Alpinistenvereine gegründet. Heute gehört unter anderem zu ihren Hauptaufgaben, Sicherheitsnormen für Bergsportausrüstung zu definieren, wobei die Normen für Zertifizierungen entwickelt werden, um zu gewährleisten, dass die Ausrüstungsgegenstände aufgabenadäquat den daraus resultierenden Belastungen standhalten. Dazu bekommt die UIAA-Unterstützung von Kletterspezialisten und Ausrüstungsfirmen, die viel Zeit, Energie, Hirnschmalz sowie ihr erworbenes Know-how in die Forschung stecken. Das Gros der UIAA-Standards ist angelehnt an EU-Normen (CE oder EN-Normen), mit teils geringfügigen Abweichungen. Sie sind die einzigen länderübergreifenden Standards für Kletterausrüstung.

Warum nun eine neue Norm für Kletterseile, bei der es vordergründig nicht um Haltbarkeit oder Festigkeit, sondern um die Wasseraufnahme von Seilen geht?

Alle Hersteller bieten heute in ihrer Produktrange imprägnierte Seile an. Egal ob Dry, Superdry, Supereverdry, Goldendry, Drycover oder welches Kürzel auch immer sie verwenden – all die Bezeichnungen stehen für eine spezielle Oberflächenbehandlung der einzelnen Fäden (Filamente), um sie wasserabweisend und/oder leichter gleitend bzw. widerstandsfähiger gegen Abrieb zu machen. Alle, die bereits einmal ein imprägniertes Seil genutzt haben, wissen, dass früher oder später die Imprägnierung bei Gebrauch nachlässt. Dabei macht es einen Unterschied, ob die Filamente des Mantels oder der Kern imprägniert worden sind. Wird nur der Mantel behandelt, dann ist die Feuchtigkeitsaufnahme größer, als wenn zugleich auch der Kern imprägniert ist (Feuchtigkeit dringt beim Gebrauch durch den Mantel hindurch in den Kern).

„Wenn ein Seil voller Wasser ist, wird es schwer, dieses in Sicherungen bzw. Sicherungsgeräten zu nutzen“, so Michael Beal von der Firma Beal, einem europäischen Seilhersteller, der gemeinsam mit der UIAA an der neuen Norm gearbeitet hat. Im Eis kann das Seil einfrieren und es ist u.U. unmöglich, dann mit dem Seil zu arbeiten. Es gibt keine nachweisbaren Zahlen, zumindest noch nicht veröffentlicht, dass ein nasses Seil nicht nur schwerer und unhandlicher wird, sondern auch nicht mehr so belastbar ist. Mammut spricht davon, dass ein nicht imprägniertes, mit Wasser vollgesogenes Seil eine reduzierte Belastbarkeit aufweist. Sie gehen von einer Reduzierung der Normsturzzahl auf 30%  aus, während ein vollimprägniertes Seil noch 80% seiner Belastbarkeit behält. Gefrorene Seile halten teilweise nur noch halb so viele Normstürze wie trockene, und einen steif gefrorenen „Kletterstrick“ durch ein Sicherungsgerät zu zwängen, ist eine Qual.

Der UIAA geht es bei ihrer neuen Zertifizierung auch um die Vergleichbarkeit der Seile. Ein Kletterseil bekommt dann das neue Dry-UIAA-Zertifizierungskennzeichnung, wenn es folgendes Kriterium erfüllt:

Bei dem Test wird das Seil so präpariert, als wenn es mehrerer Tage hintereinander genutzt worden wäre. Dabei wird durch einen standardisierten Testaufbau v.a. Abrieb provoziert. Das trockene Seil wird gewogen. Im Anschluss daran wird das Seil 15 Minuten „gewässert“ (2 Liter Wasser/min) und wieder gewogen.

Bei diesem Verfahren geht es um den Gewichtsunterschied zwischen dem nassen und dem trockenen Prüfmuster, der nach den Gewichtsmessungen prozentual errechnet wird. Um das Water-Repellent-Zertifikat zu erhalten, darf die absorbierte Menge Wasser nicht größer als 5% sein. Ein unimprägniertes Seil nimmt etwas 50% seines Gewichts an Wasser auf, normal imprägnierte Seile (Seile mit einer Oberflächenimprägnierung) zwischen 20 und 40% ihres Eigengewichts. Ein Seil, das nach der „Wässerung“ unter der 5%-Hürde bleibt, bekommt am Ende die neue Zertifizierung “UIAA Water Repellent”.

Natürlich sagt die neue Norm noch nichts aus über Langlebigkeit und Haltbarkeit eines Seiles. Die Lebensdauer ist noch von anderen Kriterien abhängig. Ich denke da z.B. an die unterschiedlichen Webarten. Es geht wohl auch nicht immer nur um einzelne „Spitzenwerte“. Mammut sagt beispielsweise explizit dazu, dass die „Herstellung eines Seiles immer ein Kompromiss zwischen hoher Normsturzzahl und geringem Gewicht, respektive kleinem Fangstoß und geringer Dehnung ist.“

Die neue Norm zeigt, dass sich nicht nur die UIAA, sondern auch Firmen Gedanken machen über die Einsatzgebiete ihrer Ausrüstungsgegenstände und über mögliche Verbesserungen. Durch das neue Label werden Kletterseile ein Stück vergleichbarer und es wird aufgeräumt im Abkürzungsdschungel der  Firmen.

All jene, die eher im Feuchtnassen kletternd unterwegs sind, dürften dann mit den Seilen, die der neuen Norm entsprechen, einer sichereren Handhabung  wieder etwas näher kommen. Das gilt auch für alle, die im Alpinen unterwegs sind, wo es schnell auch einmal zu Wetterwechseln bis hin zu Wetterstürzen kommen kann. Alle anderen, die eher in Mittelgebirgen, Steinbrüchen oder in Hallen kletternd unterwegs ist, werden wohl kaum in die Situation kommen, ihre Seile mehr als 15 Minuten der Nässe auszusetzen. Das heißt: Man muss nicht sofort das Seil austauschen, wenn spätestens ab Frühjahr 2015 die neue Norm für Kletterseile greift.

PS: Wen es interessiert: Die ersten Firmen arbeiten heute schon mit dem Siegel. Edelweiss und Beal haben schon immer auch einen Teil der Seile so imprägniert, dass nicht nur die Fasern, sondern auch der Kern einer entsprechenden Behandlung unterzogen wird. Bei Edelweiss werden Seilfasern sowohl im Kern als auch im Mantel einer Supereverdry-Behandlung unterzogen. Diese Seile übertreffen bereits heute den neuen Water-Repellent-Standard, da ihre Testergebnisse zwischen 0,8 und 1,4% erreichen und somit die 5%-Hürde locker unterbieten. Gleiches gilt für Beal. Deren Golden Dry-Imprägnierung, gekoppelt mit einer speziellen Cover Dry-Behandlung, verhindert schon jetzt die Wasseraufnahme und minimiert das Risiko, dass diese Seile bei kalten Witterungsbedingungen gefrieren. Die erreichten Testwerte liegen unter 2%, das heißt, dass auch diese Beal-Seile jetzt schon das UIAA-Water-Repellent Siegel haben.

Mammut wird ab kommendem Jahr Dry-Seile herausbringen, die auf der Grundlage der Kombination der hauseigenen, dann weiterentwickelten Coated-Core-Techology und Coated-Sheath-Technologie den Seilkern als auch den  Seilmantel getrennt voneinander thermisch behandeln und veredeln. Davon versprechen sie sich eine geringe Wasseraufnahme von nur 1% gemäß des neuen Testverfahrens.  Und wir sind uns sicher: Andere Firmen werden folgen und die Sicherheitsreserven der Kletterseile wieder ein Stück erweitern.

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