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Frieren im Schlafsack?! Was sagen uns eigentlich die Temperaturangaben auf dem Schlafsack?

In der Welt sind wir Deutschen bekannt dafür, dass wir für alles eine Norm brauchen und unser Leben in vielen Belangen streng reguliert ist. Das kann an der ein oder anderen Stelle schon mal nerven. Und seitdem Europa versucht, immer weiter zusammenzuwachsen, vieles vereinheitlicht werden soll, gibt es viele länderübergreifende Normen und Richtlinien, die in unser Leben mal mehr, mal weniger eingreifen. Hinter dem Kürzel EN 13537 verbirgt sich die sogenannte Schlafsacknorm. Und obwohl es sie schon seit 2005 gibt und im Fachhandel kaum noch Modelle (außer Kinderschlafsäcke) zu finden sind, die vor Markteinführung nicht getestet worden sind, fragen uns in der Schlafsackecke bei der Beratung unsere Kunden immer wieder, was sich hinter der Norm verbirgt und wie man die Temperaturangaben interpretieren kann. Denn: Frieren im Schlafsack will niemand auf seinen Touren, egal, ob es auf den Zeltplatz am nahe gelegenen See geht oder die Reise ans Ende der Welt führt.

Beim Kauf stellt sich neben dem Füllmaterial die zentrale Frage, bis zu welchen Umgebungstemperaturen herab man den Schlafsack benutzen kann, ohne zu frieren. An jedem unserer Schlafsäcke hängt ein kleiner, sogenannter „stiller Verkäufer“, der neben Materialangaben auch zwei Temperaturwerte anzeigt. Als ich vor 16 Jahren im tapir angefangen habe, kamen die Temperaturempfehlungen von den Firmen. Große Unterschiede gab es bei den europäischen Marken im Vergleich zu denen aus Übersee, die häufig nach der US-Norm ASTM F1720 geprüft worden sind. Es war schwer, die Schlafsackmodelle untereinander zu vergleichen. Das Normwirrwarr endete 2002, als die EU die EN 13537 für verbindlich erklärte (seit 2005 bindend). Diese legte auf der Grundlage der deutschen Norm DIN 7943-1 (von 1995) die Anforderungen an Schlafsäcke für Sport- und Freizeitaktivitäten hinsichtlich verschiedenster Kriterien fest. So kann man einfach die verschiedenen Modelle anhand der festgelegten Temperaturbereiche miteinander vergleichen.

(Fast) alle Schlafsackmodelle, die neu auf den Markt kommen, werden in den Hohnstein-Instituten in Baden-Württemberg getestet. Die Schlafsackprüfung soll dabei die effektive Wärmeisolation messen und den thermischen Verwendungsbereich bestimmen. Unter definierten Laborbedingungen werden reale Schlafsituationen simuliert und die Daten von Charlene und Charlie, die als Standardfrau (25 Jahre alt, 60 kg schwer, 1,60 m groß) beziehungsweise Standardmann (25 Jahre alt, 70 kg schwer, 1,73 m groß) agieren, erfasst. Bei der Messung wird in der Klimakammer als Ausgangspunkt die thermische Gliederpuppe auf Körpertemperatur erwärmt. Bekleidet ist sie mit langer Unterwäsche und einer Mütze und die Kapuze des Schlafsacks wird komplett zugezogen. Unterschiedliche Sensoren erfassen an verschiedenen Punkten die Temperatur. Nach Auswertung der Daten werden dann die Extrem-, Grenz-, Komfort- und (optional) Maximaltemperaturen der Schlafsäcke ermittelt. Heißt: Der Temperaturbereich eines Schlafsacks wird nach oben hin durch die Höchsttemperatur begrenzt, bei dem der Schläfer stark zu schwitzen beginnt. Nach unten hin begrenzt die Extremtemperatur den Einsatzbereich, wobei die Nacht für den Schlafsacknutzer extrem ungemütlich wird, es eher ums Überleben als um den wohltuenden Schlaf geht. Es wird auch schon mal davon gesprochen, dass die „Normfrau“ eine solche Nacht nicht überlebt. Ausgestattet mit dem Prüflabel kommen dann die Modelle in den Fachhandel.

Auf unseren Schlafsackschildern im tapir haben wir nicht alle vier Temperaturparameter angegeben. Der obere Grenzbereich ist in unseren Augen nur bedingt praxisrelevant: Wird es zu warm und beginnt man in der Nacht zu schwitzen, öffnet man einfach den Schlafsack und weiter geht’s mit „Augen zu und träumen“. Den unteren Extrembereich geben wir im Laden auch nicht an, da es in diesen Situationen dann wahrscheinlich nur noch ums Überleben geht. Wir haben uns entschieden, als „Frauenwert“ die Komfortbereich-Temperatur und für die Männer den unteren Grenzbereich als Referenzwert anzugeben .


So weit die Theorie!

Es ist wie immer im Leben: Zwischen der Labortheorie und den Praxiserfahrungen klaffen auch bei der Schlafsacknorm größere Lücken auf. Das zeigen auch immer wieder die Testberichte aus dem tapir-Testteam. Will man – egal, ob als Mann oder Frau – auf Nummer sicher gehen, sollte man sich eigentlich nur am Komfortbereich, also bei uns an der oberen Temperaturangabe orientieren. Dann sind die Chancen groß, dass es nachts nicht zu unangenehmen Überraschungen kommt oder man vor lauter Kälte nicht zum Schlafen kommt.

So kommt man schnell zu einer Vorauswahl, doch dann sollte es in der Schlafsackdiskussion auch um die vielen anderen Faktoren gehen, die den Schlafkomfort beeinflussen können. Neben der Form und der Größe des Schlafsacks und dem möglichen Einsatz eines Inletts spielen die Isomatte, die äußeren Bedingungen (Höhe, Windexposition, Zelt, Tarp, Boofe oder Schlafen unter freiem Himmel) und, nicht zu vergessen!, die körperliche Verfassung eine mitentscheidende Rolle. Spannend wird es auch im tiefen Winter, wenn es knackig kalt und man mit Zelt auf Tour ist, denn dann können selbst die hochwertigsten Daunenschlafsäcke an ihre Grenzen kommen. Körperschweiß oder Kondensfeuchtigkeit können Daune in ihrer Funktion beeinträchtigen, sodass der Schlafsack nicht mehr optimal wärmen kann. Für mehrtägige Wintertouren empfehlen wir daher einen Vapour Barrier Liner, der den Schweiß nicht an den Schlafsack weitergibt, sondern am Körper hält. Standardisierte Werte zu dieser Schlafkombination hat man bisher im Labor (noch) nicht erfasst. Außerdem hat auch die EU-Norm ihre Grenzen im Hinblick auf die Ausgangswerte: Charlie und Charlene sind immer gut ausgeruht, gut genährt, haben keinen Wein oder Bier am Abend getrunken und gelten als kälteunempfindlich…  Dabei empfindet jeder Mensch Kälte und Wärme anders und geht mit den äußeren Bedingungen auch anders um. All das sollte beim Schlafsackkauf zumindest einmal mit angesprochen werden.

 

 

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