Faszination Eisklettern

Prognose für unseren Ausflug ins Pitztal im Februar: Es wird richtig nass und kalt im Schatten – also eigentlich genau das Richtige für Frauen. Es wird spiegelglatt werden und jeder, dem man es erzählt, fragt nach: Ist das nicht gefährlich? Und betrachtet man alle Randbedingungen zusammen, dann ist Eisklettern eigentlich das Letzte, was Menschen im Winter gern tun möchten…

Was macht diese Faszination denn aus – warum zieht es Jahr für Jahr so viele Bergsteiger zum Klettern in der Vertikalen ins Eis? Einer der Gründe ist sicherlich, das die Natur die Eisfälle jedes Jahr aufs Neue formt. Und selbst über die Saison hinweg ändern sich die Verhältnisse im Eis von Tag zu Tag. D.h., die Temperaturverhältnisse und damit auch die Eisverhältnisse bestimmen den Routenverlauf, die Schwierigkeit bzw. den Grad des Gefährlichseins einer Route. Und innerhalb einer Seillänge kann man beim Beklettern unterschiedlichste Eisformen erleben. Mal ist es hellblau – richtig durchscheinend – dann milchig weiß. Mal bildet es einen massiv erscheinenden Vorhang, dann wiederum entstehen fragile Säulen. Und mal splittert das Eis großflächig ab, weil es durch niedrige Temperaturen spröde geworden ist, dann wiederum greift die Haue fast problemlos beim ersten Schlag.

2010 nach mehrjähriger Abstinenz ins Pitztal zurückgekehrt, liesen wir uns schnell von der Faszination wieder anstecken. Es ist wie ein Virus. Der Föhn der letzten Wochen machte mir vor Abfahrt ein bisschen Sorgen, aber der hat ums Pitztal einen kleinen Bogen gemacht. Stand im letzten Jahr Schraubensetzen und Mixklettern im Vordergrund, ging es in diesem Jahr nach einem Tag Einklettern am Fallebachfall auf eine Mehrseillängentour durch den Stillebach. Alfred, unser Bergführer, blickt von seinem Haus direkt auf den Wasserfall und kann so gut einschätzen, ob objektiv gesehen, die Bedingungen als machbar einzuschätzen sind.

Beim Toprope-Klettern am ersten Tag bekamen die beiden Eis-Neuen eine Einführung in die unterschiedlichen Klettertechniken, während Sandra und ich an unterschiedlichen Eisstrukturen uns ausprobieren konnten. Darüber hinaus gab es – nebenbei und immer hochinteressant – Informationen zum Standplatzbau, Kurzseilgehen und parallellem Klettern bzw. Nachholen an Halbseilen. Und als Vorbereitung für den eigenen Vorstieg: wie setzt man Schrauben beim kaltem/ spröden Eis, bei mehrfach aufgetauten, weißem Eis mit eher weicher Konsistenz und wie baut man Eisuhren. Sicherheit ist auch beim Eisklettern ein Thema vor und gerade Redundanz z.B. beim Standplatzbau wichtig. Warum dies so ist, konnten wir am zweiten Tag erleben. Erstmalig kletterten wir im strahlenden Sonnenschein in den oberen Seillängen. Beim Abbau des letzten Standplatz konnten wir die obere Schraube mit der Hand rausziehen – die Sonne hatte ganze Arbeit in der Stunde geleistet, während der die Schrauben im Eis waren.

Wieder kam auch in diesem Jahr unterschiedliches Material zum Einsatz, sowohl was die Eisgeräte, als auch Steigeisen und Schraubentypen angeht. Mit meinen Tourensteigeisen war ich in diesem Jahr nicht ganz so glücklich, denn es stellte sich im steileren Eis nicht das Standgefühl ein, wie mit einem Steileis-Steigeisen mit zwei zusätzlichen Frontzacken. Jeder von uns hatte am Ende der beiden Tage seine Lieblingsgeräte gefunden. Nach wie vor faszinieren mich v.a. die Eisgeräte mit dem selbstgebauten Holzschaft, auch wenn es daran immer noch etwas zu verbessern und zu basteln gibt. Sie sind z.T. etwas schwerer als andere Äxte, aber sie liegen bei mir einfach gut in der Hand. Wie gehabt kletterten wir ohne Handschlaufen – ein immerwährendes Diskussionsthema beim Eisklettern, bei dem es wohl kein absolutes Richtig oder Falsch geben wird. Befürworter schwören u.a. auf die Entlastung, wenn man die Hand in einer Ruheposition in die “Schlaufe hängen” kann. Beim Setzen (oder Lösen) von Eisschrauben kann es zu Problemen kommen. In der Seilschaft neben uns wollte der Letzte die gesetzten Schrauben wieder mitnehmen und kam im steilen Gelände trotz Schnell-Klick-Arretierung nicht von seinem Eisgerät weg – es kostete ihn neben Nerven sichtlich viel Kraft, sich während seiner “Lösungsversuche” mit der anderen Hand zu halten.

Weil es wieder richtig schön war im Pitztal – bleibt am Schluß eigentlich nur festzuhalten: Schade, das die Alpen immer noch so weit weg sind. Aber wenn das mit den Wintern und den kalten Temperaturen hier im Osten in den nächsten Jahren so weitergeht, wer weiß, an welchem Wasserfall in der Nähe wir uns ausprobieren können.

Weiterschmökern:


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