Dein Outdoor-Abenteuer beginnt hier!

Teaserbild: Testbericht: Boreals Neuauflage vom Mutant

Testbericht: Boreals Neuauflage vom Mutant

Es könnte einem über die Jahre der Gedanke kommen, dass in Bezug auf Kletterschuhe nun wirklich das letzte Wörtchen gesprochen ist. Aber wie es bei einer aufstrebenden Sportart so ist, gibt eine Innovation der anderen die Klinke in die Hand. Die neuste heißt nun also Friction-Skin und kommt von Boreal. Ob diese neue „Klebehaut“ wirklich taugt und was die neue Auflage des Boreal Mutant wirklich kann, habe ich versucht, mit einem Testschuh herauszufinden.

Der Aufbau

Zunächst hätte ich nicht gedacht, dass es die Spanier doch noch schaffen, einen Schuh zu bauen, der sich mir derart an den Fuß schmiegt. In der Front ist der Kletterschuh breit und in der Ferse schmal, wie ich mir das eigentlich für meinen Fuß vorstelle. Eine anspruchsvolle, aber moderat gehaltene Aggressivität in Sachen Downturn und Vorspannung rundet das Modell ab. Tendenziell würde ich sagen, dass der Mutant in die Kerbe des Ozone QC von Ocun oder des Vapor V von Scarpa schlägt. Nur kommt der neue Boreal mit einem Single-Velcro und ist ansonsten ein Slip-In-Schuh, was ihn äußerst komfortabel, aber straff um den Fuß sitzen lässt. Die dreigeteilte Sohle wird im Mittelfuß durch ein grünes, diagonales Band stabilisiert, das ebenfalls für eine Kraftübertragung in Richtung Fels sorgt. Der Sohlengummi ist feinstes Boreal  Zenith und die Ferse gut eingummiert – beides wirkt mehr als solide. Das Obermaterial ist aus beschichtetem Leder mit einem Stretcheinsatz gefertigt und schmiegt sich gut an. Ich werde später noch genauer auf die Eigenschaften eingehen.

An wen richtet sich dieser Schuh?

Dabei hilft es, den Blick darauf zu richten, dass der Mutant in seiner jetzigen Form keine komplett neue Erfindung, sondern eine Neuauflage ist. Aber was wurde verändert/ verbessert?

  1. Boreal hat beständig an der Ferse gearbeitet und sie verbessert, sodass diese auch an meinen hinten eher schmalen Fuß passt.
  2. Das Boreal FS Quattro wurde durch die Boreal High-End-Sohle Zenith ersetzt, die noch mehr Halt verspricht.
  3. Der Schuh hat auf der Zehenbox eine Art Gummibeschichtung bekommen, welche bei Toehooks für mehr Reibung sorgt.

Der Schuh richtet sich damit für mich ganz eindeutig an eine Generation Kletterer/ Boulderer, die mehr mit einem Kletterschuh macht, als nur die Spitze an die Wand zu bringen. Flächige Toehooks und Heelhook-Einsatz sind für den Mutant keine Fremdsprache, sondern im Konzept vorgesehen. Dies in der Verbindung mit der eher breiteren Bauform, die selbst Scarpa und viele La-Sportiva-Modelle in den Schatten stellt, ergibt eine ernsthafte Alternative für die etablierten Modelle im Performancebereich.

Klettern

Im Alltag trage ich normalerweise eine EU 41,5. Bei Boreal ergibt sich somit für mich mit perfekter Passform die Größe UK 6,5. Die UK 6,0 ginge noch, aber der Vorteil des unerheblich besseren Sitzes wird durch den Nachteil der doch erheblichen Schmerzen locker wieder wettgemacht. In der richtigen Größe ausgewählt ist der Mutant, wie viele Modelle dieses Jahr, ein Schuh (eventuell wegen der Single-Velcro-Aufbauten mit Stretchkomponenten?), der aus der Box heraus passt.

Getestet habe ich den Kletterschuh im Fränkischen Jura, das klassischerweise ein eher boulderlastiges Sportklettergebiet von Weltklasseformat ist. Somit hatte ich die Möglichkeit, den Schuh vielseitig zu prüfen.

  1. Spitzenantritt

Die Spitze sitzt an der richtigen Stelle und ist auch für filigrane fränkische Lochkletterei geeignet. Der Antritt ist intuitiv und das Zenith-Sohlengummi sorgt für die nötige Reibung an der Wand.

  1. Die Ferse

Im Gegensatz zu Fontainebleau ist das Frankenjura nicht für seine heftigen Heelhook-Mantle bekannt. Dafür sind die zu behookenden Kanten deutlich schärfer, aber auch kleiner. Der Mutant antwortet auf diese Anforderung mit reichlich Gummi im hinteren Bereich. Hier bedurfte es bei mir einer kurzen Eingewöhnungsphase, da ich ansonsten eher schlichte Fersenkonstruktionen gewohnt bin. Ist dieses Gefühl hergestellt, wird man vom Schuh mit einem absolut sicheren Gefühl belohnt. Da wackelt nichts, nicht einen Millimeter.

  1. Der Toehook

Auf den Toehookbereich lohnt es sich hier etwas genauer einzugehen, da er einfach nicht alltäglich ist und eine echte Innovation zu sein scheint. Dazu sollten wir uns aber zunächst die Gründe für Gummi auf der Zehenbox vor Augen führen.

I     erhöhte Reibung beim Einsatz des Materials auf der Zehenbox

II    verhindert Schmerzen beim Toehooken scharfer Kanten oder Nasen

III  sorgt für Stabilität in der Passform in der Zehenbox

Punkt I kann ohne Weiteres unterschrieben werden: Logischerweise erzielt der Mutant mit seiner Zehenboxoberseite mehr Grip als ein Schuh ohne Toehook-Bereich. Ob die Reibung vergleichbar mit einem Gummipatch ist, kann ich schlecht einschätzen, ich würde erstmal sagen: anders.

Bei Punkt II müssen hingegen Abstriche gemacht werden. Ich würde sagen, der Mutant toehookt sich gefühlsecht. Eigentlich wie ein Schuh ohne Toehookbereich, nur mit etwas mehr Reibung. Echten Schutz an richtig scharfen Kanten gibt es nicht.

Hiermit erkauft sich der Schuh aber bei Punkt III eine Eigenheit. Letztlich ist die Passformstabilität immer von zwei Seiten zu betrachten: Es gibt die Art Vertikalsportler, die einen Schuh kaufen, weil er den Fuß in einer Art verformt, die sich irgendwie positiv auf das Klettern auswirkt. Diese Zielgruppe erwartet natürlich von einem Schuh, dass dieser den Effekt so lange wie möglich aufrechterhält. Der Mutant hingegen richtet sich an die Menschen, die gerne einen engen Schuh haben, aber es zu schätzen wissen, dass der Schuh noch arbeitet und sich an den Fuß anpasst. Sei es durch das Eintragen oder flexible Materialien. Mit der Lederbeschichtung, die der Mutant als Toehook-Finish bekommen hat, ist hier also ein Kompromiss eingeschlagen worden. Der Schuh fühlt sich einfach wesentlich geschmeidiger an als ein Schuh mit technischen Toehook-Patches und bringt dieses Feature in Hinblick auf die Reibung trotzdem in gewisser Weise mit.

Folgendes ist also anders:

Das Gefühl ist direkter am Felsen, was von Vorteil, aber auch von Nachteil sein könnte.

Der Schuh passt sich dem individuellen Fuß eher an, was von Vorteil und von Nachteil sein könnte.

Die Haltbarkeit des Bereichs ist beschränkt, zumindest ist dies mein Eindruck. Dies betrifft wahrscheinlich eher Draußenathleten an schroffem Gestein, aber die Beschichtung hat nicht das ewige Leben.

 

Fazit

Nach meinen Testerfahrungen im Fränkischen Kalkstein würde ich dem Boreal Mutant eine absolute Probierempfehlung aussprechen. Zenith-Gummi und Kalkstein scheinen auch unter speckigen Voraussetzungen gute Freunde zu sein und lassen in Sachen Reibung keine Wünsche offen. Der Sitz ist trotz (oder wegen) der Single-Velcro- und Slip-In-Konstruktion saugend. Wer also einen eher breiteren Fuß mit schmaler Ferse hat und ansonsten gern beim Scarpa Vapor V oder bei den Ocùn-Modellen landet, bekommt hier eine Alternative aufgezeigt, die im Perfomance-Bereich definitiv ihre Berechtigung hat.

 

 

3 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weiterschmökern

Testbericht: der neue Oxi von Ocùn

Moritz 29. April 2016

Testbericht zum Ozone QC von Rock Pillars

Moritz 27. November 2012

Testbericht: Kletterschuh Rebel QC von Rock Pillars

Moritz  8. Mai 2014

Testklettern mit dem Shark 2.0 von Mad Rock

Moritz 11. November 2013

Aufsteiger der Woche: Hurricane von Boreal

Simone 29. September 2016