Testbericht: Schlafen wie auf Wolke 7 im Helium 400 von Mountain Equipment

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planet tapir Anne | 17. März 2017

Nach einem Schlafsack habe ich ungefähr genau so lange gesucht wie nach dem perfekten Kocher. Es ist eben nicht so leicht, ein Modell zu finden, dass alle Ansprüche zu einem annehmbaren Budget erfüllt. So landete ich schließlich hoch zufrieden im Classic 500 von Mountain Equipment und verbrachte darin zahllose Nächte – bis mir der Schlafsack gestohlen wurde. Für die tapir-Testtour bekam ich das neue, für die Saison 2017 überarbeitete Modell des Helium 400 zugeteilt, ebenfalls von Mountain Equipment. Wie würde sich der neue Schlafsack im Vergleich zu meinem alten schlagen? Und würden mich die neuen Features überzeugen?

Unboxing

Mit meinem Classic 500 in Erinnerung, konnte ich es kaum erwarten, mich mit dem Helium 400 vertraut zu machen. Erste Eindrücke in chronologischer Reihenfolge:
“Oh, toll, ein wasserdichter Kompressionssack mit Rollverschluss!”,

“Ist der Aufbewahrungssack wirklich quaderförmig?”,

“Ja, ist er! Großartig – endlich eine sinnvolle Lösung für das Luxusproblem “Ich habe mehrere Schlafsäcke, die sich wegen der zylindrischen Form der Aufbewahrungssäcke nie stabil lagern lassen.”“,

“Das Außenmaterial fühlt sich super leicht und geschmeidig an.”,

“Ich liebe die Farben.”

Hard Facts

Der Helium 400 Women ist ein leichter 3-Jahreszeiten-Schlafsack von Mountain Equipment, einem Hersteller, der seit über 50 Jahren Outdoor-Equipment entwickelt und demzufolge reichlich Konstruktionserfahrung vorweisen kann. Bis +3 °C/ -3 °C (leicht fröstelnde vs. weniger fröstelnde Menschen oder auch: Komfort- vs. Limit-Temperatur) ist er ausgelegt und bringt mit 845 Gramm in der Regular-Variante erfreulich wenig Gewicht auf die Waage. Die Frauenschlafsäcke kommen von diesem Hersteller in zwei verschiedenen Größen: Regular kann von Menschen bis 170 cm Körpergröße genutzt werden, Long ist ausreichend für eine Körpergröße bis 185 cm. Für mich mit 166 cm war die erste Variante damit ideal! Die Schulterbreite von 75 cm und eine Fußboxbreite von 50 cm innenseitig ist bei beiden Längenvarianten gleich.

Dieser Schlafsack wärmt mit 367 Gramm (Long: 385 g) bester Entendaune in 90/10er-Mischverhältnis und mit 700 cuin Bauschkraft. Sie ist, so ist es für Mountain Equipment üblich, nach dem Down Codex zertifiziert. Mehr dazu weiter unten!
Durch die Slant-Box-Wall-Baffle-Konstruktion bleibt die isolierende Füllung an Ort und Stelle. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich eine Schrägkammer-Bauart. Von Moutain Equipment ist dies zwar die simpelste Daunenkammern-Lösung, aber sie erfüllt voll und ganz ihren Zweck: Durch die schräge, sich überschneidende Anordnung werden Wärmebrücken verhindert. Zugleich braucht diese Variante weniger Material als beispielsweise V-Kammern, was den Schlafsack (bei ansonsten gleichen Parametern) leichter macht.

Außenmaterial und Futterstoff sind aus einem leichten 20D-Nylongarn gefertigt, das selbstverständlich daunendicht ist, weiterhin aber auch die Körperwärme gut hält, sehr strapazierfähig, gut komprimierbar und sogar stark windabweisend ist. Somit lässt sich darin auch mal ohne Zelt oder Biwaksack draußen übernachten, so lange es nicht allzu feucht ist.

Bei der Regular-Variante kann man die Reißverschlussseite wählen; größere Menschen können zwei Helium 400 Long leider nicht koppeln – hier gibt’s nur linke Reißverschlüsse.

Konstruktionsbesonderheiten

Bei so viel Erfahrung im Schlafsackbau, wie sie Mountain Equipment mitbringt, ist es nur logisch, dass der Helium 400 Women mit ein paar begeisternden Detaillösungen aufwartet.

Die Kapuze ist in 5, die anatomisch geformte Fußbox in 4 separate Kammern unterteilt. Was nach Detailversessenheit klingt, hat einen nicht zu unterschätzenden praktischen Nutzen, denn durch die größere Zahl an Trennstegen wird gerade an diesen empfindlichen Schlafsack-Partien die Dauenmigration verhindert und somit eine gleichbleibend hohe Isolationsleistung sichergestellt.

Ein Wärmekragen ist beim Helium 400 selbstverständlich integriert. Bei niedrigeren Temperaturen ist ein solcher essentiell, um ein Entweichen der Körperwärme zu unterbinden. Er ist separat über ein Zugband einstellbar und wird zusätzlich mit einem flachen Magnetverschluss fixiert. Dieser war eins meiner Highlights bei diesem Schlafsack – Begründung folgt unten.

Neu und begeisternd ist das Einfügen einer elastischen Naht auf circa halber Schlafsacklänge. Dieses Prinzip ist uns tapiren und erfahrenen Outdoor-Fans z.B. schon von den Exosphere-Modellen von Deuter bekannt. Der große Vorteil: Ob in Ruhelage oder in Bewegung – der Schlafsack bleibt immer eng am Körper. Während die Stretch-Nähte bei Deuter durchgehend verarbeitet sind, trennt eine einzige davon den Helium 400 sozusagen in zwei Teile, Ober- und Unterkörper. In der Praxis hat sich das für mich fußkalte Person wirklich bewährt. Die hervorragende Fußbox sorgte in Verbindung mit der abgetrennten Untersektion für schnell warme Füße.

Nicht zuletzt lief der Reißverschluss mit Einklemmschutz flüssig. Einen leicht divenhaften, verklemmten Reißverschluss habe ich bei meinem Classic-Modell so manches Mal verfluchen müssen; beim Helium 400 konnte ich harmonisches Zippergleiten bejubeln.

Mit dem Helium 400 Women unterwegs

Sicher lässt sich nach einer 3-tägigen Testtour kein umfassendes Urteil über ein Produkt fällen. Gerade beim Schlafsack stellen sich ein paar Qualitätsfragen, die sich erst nach längerer Zeit beantworten lassen: “Wie beständig ist die Bauschkraft, wie stabil die Daune?”, “Läuft der Reißverschluss auch nach 1000 x Öffnen und Schließen noch flüssig?”, “Ist der Kompressionssack sinnvoll dimensioniert?” …
Was sich jedoch auch nach wenigen Nächten feststellen lässt, ist, ob der Schlafsack ausreichend warm hält und ob die Detaillösungen praktikabel sind.

Beides lässt sich kurz und bündig mit “Ja!” beantworten.

Die Nächte mit ca. 4 °C haben den Helium 400 zwar nicht an seine Grenze gebracht, aber es war so mollig warm darin, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass er auch bei -3 °C noch die versprochene Leistung bringt. Genutzt habe ich ihn mit einer langen, aber dünnen Kunstfaser-Unterhose, 600er-Wollsocken von Woolpower und einem Woll-Oberteil von Kari Traa. Als Unterlage diente eine Synmat UL von Exped.
Wie oben schon beschrieben hat sich die Elastiknaht in der Schlafsackmitte bestens bewährt, denn die untere Körperpartie kam deutlich schneller auf Wohlfühltemperatur als ich es bisher gewohnt war. Die Position der Naht ist zwar gewöhnungsbedürftig für Menschen, die beim Schlafen ihre Arme seitlich am Körper ausgestreckt parken – dann reibt sie nämlich am Handrücken. Ich verschränke sie meist am Oberkörper und so gab es nix zu meckern.

Service für Vergessliche: selbstschließender Wärmekragen mit Magnetverschluss

Ich gestehe: Wenn ich abends noch lange am Lagerfeuer gesessen habe und dann müde ins kalte Zelt krieche und nur darauf warte, dass durch den Schlafsack eine einschlafkompatible Wohlfühltemperatur hergestellt wird, dann ziehe ich zwar bestenfalls die Kapuze zu, vergesse aber meist den Wärmekragen. Und hier hat mich Mountain Equipment wirklich begeistert: Jeden Morgen bin ich aufgewacht und der Wärmekragen war verschlossen! Wie oben erwähnt, ist seit 2017 hier ein Magnetverschluss (Lode Lock™) verbaut. Dieser schließt sich also – die Erfahrung bestätigt das – selbstständig! Toll!

Für ein gutes Gewissen: Zertifizierung nach dem Down Codex®

Sich für ein Daunenprodukt zu entscheiden, hieß zumindest für mich als Vegetarierin, einen Bruch mit der persönlichen Ethik zu forcieren. Ein bisschen erleichtert wurde die Entscheidung durch den Down Codex®, mit dem seit 2014 ALLE Produkte von Mountain Equipment, die mit dem tierischen Isolationsmaterial ausgestattet sind, zertifiziert sind. Vertrauensvolle Grundpfeiler dieses Siegels sind:
- Unabhängigkeit der Prüfinstituionen (kein gekauftes Siegel oder Verlassen auf Zusicherungen der Zulieferer),
- Regelmäßigkeit der Audits (mindestens alle 3 Jahre),
- Audits ohne vorherige Anmeldung.

Dass die Daunen nicht aus Lebendrupf stammen, kein Nebenprodukt der Stopfleberproduktion sind und zumindest basale Tierschutzrichtlinen seitens der Zuliefererfarmen beachtet werden, erleichtert die Wahl eines Mountain-Equipment-Produkts. Weiterhin entscheidend für mich: Wenn ich mich schon gegen mein Gewissen für ein Daunenprodukt entscheide, möchte ich zumindest sichergehen, dass es mich lange und zuverlässig begleitet. Das hat mein Schlafsack getan (bis er mir gestohlen wurde …) und anhand der Verarbeitung des Helium 400 bin ich sicher, dass auch dieser Schlafsack ein treuer Freund für das Outdoor-Leben sein kann!

Weiterschmökern:


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