Testbericht zum Namgyal Jacket von Sherpa und die große Frage: Gelingt ein Revival der Fleecejacken?

avatar
planet tapir tapir aktuell | 27. Januar 2017

Bei all dem Hype, der regelmäßig um futuristische Materialien und technische Neuentwicklungen im Outdoorsegment erzeugt wird, ist es vielleicht manchmal ganz beruhigend, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es auch früher schon einfach gutes Zeug gab. Da gab es zum Beispiel mal eine Zeit, da ging absolut gar nix ohne eine ordentliche Fleecejacke!

Wenn man nun diesbezüglich unter freiheitsliebenden Reise- und Wanderfreunden eine kleine Umfrage startet, so zeigt sich, dass sich dieses Kleidungsstück noch in nahezu jedem Ausrüstungsfundus findet. Allerdings ist es wohl ein wenig in Verruf oder Vergessenheit geraten. Zumindest wird es gefühlt nicht mehr ganz so oft erwähnt, wenn es so um die angesagtesten Teile der neuen Saison geht. Warum aber ist das so?

Vielleicht liegt dies am leicht limitierten Funktionsumfang eines Fleeces, der in Anbetracht all der Innovationen und Materialrevolutionen etwas antiquiert und unprofessionell wirkt? Oder weil es inmitten hochfunktionaler Merinowoll-Synthetik-Unterwäsche, atmungsaktiver Hybridisolationsjacken und ultraleichter Hardshells schlicht überflüssig geworden ist? Vielleicht soll die Rate der Menschen reduziert werden, die regelmäßig die Trekking-Läden frustriert verlassen, weil ihr Wunsch nach einem „Flekke“ nicht befriedigt werden konnte (da gibt’s ‘ne Dunkelziffer …)? Oder ist es einfach nicht mehr fesch?

Woran es auch liegen mag: Das Fleece wartet in jedem Fall dringend auf ein Revival! Ein Projekt, welches Sherpa nun möglicherweise zu verwirklichen im Stande ist! Die Outdoorprofis aus Nepal haben mit dem Namgyal Jacket bewiesen, dass das Rad nicht unbedingt neu erfunden werden muss, wenn stattdessen seine immer schon vorhandenen intrinsischen Stärken neu betont werden können. Diese charismatische Fleece-Woll-Jacke vereint so ziemlich alles, was ich mir für meine nächste Auszeit als Holzfäller in der sibirischen Tundra vorstelle! Oder in Grönland – hauptsache Holzfällen mit Weitwinkelausblick!

Auf der Innenseite ist das Namgyal Jacket mit warmem und weichem Fleecematerial ausgestattet. Dieses isoliert nicht nur gut, sondern leitet Transpirationsnässe, die z. B. bei episodisch stattfindenden Baumstammweitwurf-Eskapaden entstehen kann, schnell vom Körper weg. Auf der Außenseite wird es durch ein relativ derbes Wollmischgewebe komplementiert. Dieses isoliert noch besser, ist einigermaßen windabweisend und ganz leicht wasserabweisend. Außerdem erzeugt es eine grundlegend solide und ehrliche Optik.


Die Passform ist etwas weiter gehalten und steht damit in angenehm-krassem Gegensatz zur mittlerweile so weitverbreiteten Bodyshape-Fit-Ideologie gängiger Funktionstextilien. Der Tragekomfort ist angenehm, allerdings darf man von dem etwas massiveren Material nicht zu viel Elastizität erwarten. Auch die Konfektionierung ist nicht übermäßig auf bewegungsintensive akrobatische Manöver hin konzipiert. Die Bewegungsfreiheit ist daher allenfalls wohlwollen mit „ausreichend“ zu beschreiben. Dafür entlohnen ein wertiger Frontreißverschluss aus Metall sowie widerstandsfähige Flachnähte den an einer zeitlosen, gediegenen Jacke interessierten Interessenten (Fleece-Euphoriker).

Nun ist das Namgyal Jacket also zugegebenermaßen ein wenig schwerer als andere Fleecejacken. In Kombination mit dem etwas, nun ja, restriktiveren Tragekomfort ist es daher für anspruchsvolle Trekkingtouren nicht ganz so perfekt geeignet. Das Namgyal Jacket ist aber auch einfach kein so extrem zieloptimierter, hypertechnischer Leistungsbolide. Es ist vielmehr die Wohlfühljacke für’s winterliche Alpenvorland, wenn keine Milch mehr da ist und ein 5-minütiger Spaziergang durch den friedlich zugeschneiten Wald zum örtlichen Krämerladen ansteht. Oder wenn für den gemütlichen Kaminabend in der skandinavischen Blockhütte noch etwas Feuerholz gespalten werden muss. Oder wenn mitten im schlimmsten Orkan der Verlierer der letzten Strip-Poker-Partie mit einem löchrigen Gammelkahn in die den sicheren Tod verheißende, tosende See rausfahren muss, um die Verankerung der geliebten Bohrinsel zu lösen, damit diese in den zerstörerischen Wellenfluten nicht zerbirst!

Na gut, für den letzten Fall ist es vielleicht doch nicht ganz die richtige Jacke … aber welche wäre das schon?!

Wie dem auch sei: Zu unverdächtigen Anlässen in winterlichen Gefilden steht einem vielleicht nicht immer der Sinn nach hochfunktionalen, futuristischen High-Tech-Jacken, sondern eher nach einer etwas gemütlicheren, entspannten, aber dennoch warmen Obertrikotage. Auch wer aufrichtige und hochwertige Alltagsbekleidung zu schätzen weiß, bei der neben ästhetischen Kriterien auch einige funktionale Aspekte nicht unbeachtet bleiben sollen, sollte guten Gewissens zu einem oder gleich zwei Namgyal Jackets greifen! Mit diesem unaufdringlichen, gut kombinierbaren Klassiker ist der winterliche Arbeitsalltag in urbanen Gefilden genauso abgedeckt wie die abendliche Regenerationsphase nach einem harten Abfahrtsski-Abenteuer. Oder die Komparsenschaft im nächsten Christmas-Edition-Marshmallow-Werbespot von Walt Disney.

 

 

Weiterschmökern:


Kommentar-Feed Kommentar schreiben oder Trackback einrichten

Vorheriger Eintrag
Nächster Eintrag

Kommentar schreiben