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Nepal ist mehr als Everest, Sherpas & Gebetsfahnen – Im Gespräch mit Dr. med. Arne Drews von Nepalmed

Nepal ist mehr als Everest, Sherpas & Gebetsfahnen – Im Gespräch mit Dr. med. Arne Drews von Nepalmed

Im Juni widmete der tapir einen seiner Aktionstage der Bergregion Nepal. Nepal wird nach wie vor von der Corona-Pandemie hart getroffen, und so haben wir gemeinsam mit dem Verein Nepalmed Spenden zur Unterstützung gegen die Krise gesammelt. Viele Kund:innen haben während des Nepaltages großzügig gespendet und der tapir hat für jeden Kassenbon an diesem Tag nochmal 5 € draufgelegt. Somit sind wir stolz, insgesamt 1.000 € eingesammelt zu haben! Mit diesem Betrag wird Bal Krishna Orgyan unterstützt, ein junger Herzchirug. Mit den 1.000 € können er und Nepalmed das medizinische Personal in den bestehenden 24 Gesundheitsposten rund um Lahan mit Corona-Schutzausrüstung ausstatten. Es werden PPE-Sets, Masken und Handschuhe besorgt, die dazu beitragen werden, die Ansteckungsgefahr etwas zu senken. Wir freuen uns sehr über dieses Ergebnis und wünschen Bal Krishna Orgyan viel Erfolg bei der Umsetzung! Was folgt, ist ein Interview mit einem der führenden Köpfe des Vereins, Dr. med. Arne Drews. Er bietet uns einen Einblick in die Arbeit und die besonderen Herausforderungen von Nepalmed.

Hallo, Herr Dr. Arne Drews und willkommen im tapir. Wir freuen uns, dass Sie uns heute zum Nepal-Tag einen Besuch abstatten. Wie würden Sie die Faszination Nepal jemandem beschreiben, für den die Himalaya-Region noch gänzliches Neuland ist?
Vielen Dank für die Einladung. Ich fahre bereits seit 29 Jahren nach Nepal und was mich besonders fasziniert, ist die Kombination aus grandioser Natur, den sehr herzlichen Menschen und ihrer besonderen Kultur, die so ganz anders ist als das, was ich von zu Hause kenne. Das ist eine Art Dreiklang, wenn man so will.

 

Was finden Sie an der nepalesischen Kultur besonders reizvoll?
Das friedliche Miteinander. Nepal ist lange ein hinduistisches Königreich gewesen; jetzt ist es eine Bundesrepublik Nepal, mit einer Multiparteien-Demokratie und allem was dazugehört. Die insgesamt 30 Millionen Einwohner sind vor allem Hindus, dazu gibt es aber auch noch Buddhisten, eine kleine Gruppe Moslems, Christen und Angehörige anderer Religionen. Das läuft alles friedlich miteinander ab – und so ziemlich jeder feiert den Feiertag des anderen mit. So ist Nepal der inoffizielle Weltmeister der Feiertage. Es wurde mal durchgezählt – in Nepal hat es insgesamt 61 Feiertage. Für die Wirtschaft ist das natürlich eine Katastrophe.

 

Kommt drauf an, welche Wirtschaft …
Sicherlich. Wenn wir schon davon sprechen: Die Haupteinnahmequelle der Nepali sind die Rücküberweisungen von im Ausland arbeitenden Verwandten. In den Arabischen Emiraten zum Beispiel bauen gerade viele Nepali an den Fußballstadien mit. Das ist insgesamt fünfmal mehr als alle anderen Einnahmequellen zusammengenommen und somit ein unglaublich hoher Anteil an der Wirtschaftskraft des Landes. Dann hat Nepal natürlich auch viel Tourismus zu bieten, der sich zu einem weiteren wichtigen finanziellen Standbein der Nepali entwickelt hat. Leider ist er durch die Pandemie vollständig zum Erliegen gekommen. Ansonsten gibt es wenig Industrie, etwas Bekleidungsherstellung und Pharmaindustrie, aber nicht viel.

Sie erwähnten, dass Sie bereits viele Jahre in Nepal unterwegs sind. Wie kam es dann zur Gründung von Nepalmed?
Meine ersten Reisen als Medizinstudent führten mich wegen Praktika nach Nepal. Da habe ich erste Kontakte zu den Krankenhäusern vor Ort aufgebaut. Nach dem Studium dachte ich mir als junger Assistenzarzt damals: “Du kannst nicht immer nur reden, du musst jetzt auch mal selber was machen für die Menschen.” So habe ich im Jahr 2000 mit Freunden Nepalmed als Verein gegründet. Wir sind jetzt also schon 21 Jahre alt! Seit letztem Jahr gibt es auch eine Nepalmed Stiftung, die als eine Art Geldbörse für den e.V. fungiert. Sprich, der Verein setzt Projekte um, und die Stiftung ist für das Fundraising zuständig. Angefangen haben wir damals mit 13 Mitgliedern, jetzt sind wir schon 660!

Das sind sehr viele Mitglieder. Haben Sie einen Überblick darüber, wo die Mitglieder alle herkommen?
Wir haben natürlich eine starke Basis hier in Leipzig und Grimma, wo wir angefangen haben. Der Vorstand kommt aus den verschiedensten Bundesländern. Die meisten Mitglieder stammen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch in Irland, den Philippinen und den USA haben wir vereinzelte Unterstützer. In der UK gibt es auch einige Engagierte, daher haben wir mittlerweile auch Nepalmed UK gegründet. Außerdem steht Schweden mit auf der Liste der Länder, wo das Interesse an Nepal immer weiter steigt.

 

Wie arbeitet Nepalmed vor Ort?
Das Gesundheitssystem ist zentriert auf die Großstädte, wo auch die meisten Krankenhäuser liegen. Sobald man dann aus der Stadt rausgeht, stößt man gewissermaßen an die Grenzen des Gesundheitssystems. Wir wollen helfen, im ländlichen Raum das Gesundheitswesen aufzubauen und kooperieren dafür mit Distriktkrankenhäusern und Sanitätsposten. Wir unterstützen vor Ort finanziell, helfen bei der medizinischen Ausbildung und haben sogar ein richtiges Trainingskabinett für Erste Hilfe eingerichtet, wo z. B. Lehrer, Wachmänner und Leute aus der Stadtverwaltung eine grundlegende Erste-Hilfe-Ausbildung bekommen. So wird ein medizinisches Grundwissen in die Breite getragen.

 

Das Ganze ist also ziemlich nachhaltig gedacht. Sie bringen also nicht nur punktuell Ärzte nach Nepal, sondern auch Know-how, das dann langfristig dort bleibt.
Ja genau, das ist ganz wichtig. Es geht darum, dass die Nepali sich letztendlich medizinisch selbst versorgen können. Ganz konkret zeigen wir auch, was wichtig für den nachhaltigen Aufbau eines Krankenhauses ist. Angefangen von Frischwasserversorgung, Wasserfilterstationen, Bau von Toiletten – solche grundlegenden Dinge sind sehr wichtig. Wir sind in Nepal also praktisch nur Berater, die Nepali bauen am Ende alles selbst.

 

Ihr medizinischer Hintergrund spielt da sicher eine entscheidende Rolle.
Unbedingt. Als Lungenarzt sind beim Toilettenbau meine Kompetenzen natürlich beschränkt, aber ich muss einfach die richtigen Leute zusammenbringen. Seit einigen Jahren (seit 2008) kann ich in Nepal Lungenfunktionskurse geben. So sind jetzt schon über 250 Ärzte und Schwestern trainiert worden. Also: Wie erkenne ich Asthma, chronische Bronchitis, wie benutze ich die entsprechenden Geräte und so weiter.

 

Ist Asthma in Nepal so verbreitet?
Ja, schon ziemlich. Das hat vor allem mit den soziokulturellen Gegebenheiten in den ländlichen Regionen zu tun. In den traditionellen Hütten gibt es eine Feuerstelle in der Mitte, es wird stundenlang gekocht und alle schlafen um das Feuer herum. Das ist eine riesige Partikelbelastung und Ursache für Asthma und chronische Bronchitis. Auch hier geht es einerseits wieder darum, Wissen weiterzugeben – zum Beispiel, dass rauchende Öfen in Hütten für die Lunge problematisch sein können; und zum anderen darum, gleich Lösungsvorschläge anzubieten und umzusetzen. Daher haben wir eine Kampagne für rauchfreie Öfen unterstützt. Zusammen mit einer NGO vor Ort sind mittlerweile um die 10.000 rauchfreie Öfen entstanden.

Nepal wurde dieses Jahr von der Corona-Pandemie ziemlich hart getroffen. Dr. Olaf Rieck hat dazu einen lesenswerten Beitrag geschrieben. Letztlich sind Sie ja auch deswegen hier im tapir. Wie würden Sie Nepals aktuelle Situation beschreiben?
Nepal steckt gerade mitten in der zweiten Welle, die vor allem von der Delta-Variante aus Indien ins Land getragen wird. In Nepal sind 40 % der Corona-Tests positiv, bei uns sind es zum Vergleich viel weniger, so um die 0,1 %. Das bedeutet also eine unglaublich hohe Fallzahl – und dabei wird dort natürlich auch viel weniger getestet als hier. Die Leute müssen also versorgt werden.

 

Wie gehen Sie da genau vor?
Wir waren die vergangenen Monate dabei, uns mit den Behörden, dem Gesundheits- und dem Auslandsministerium abzustimmen, damit die Hilfen z. B. sofort durch den Zoll kommen, ohne dort erst einmal zwei Monate festzuhängen. Wir haben viel Katastrophenhilfe geleistet, sprich, Sauerstoffkonzentratoren, Masken und Desinfektionsmittel geschickt. Außerdem finanzierten wir eine 100-Betten-Quarantänestation, damit die Leute, die sonst zu Hause mit 8-10 Verwandten in einem Raum leben, entsprechend in Quarantäne können und auch mit Essen versorgt werden. Das fand auch das nepalesische Gesundheitsministerium explizit sehr gut und war sehr dankbar.

 

Beeindruckend. Das ist eine ganze Menge, was da auf die Beine gestellt wird!
Dafür haben wir Partner, ohne die es nicht ginge. Die Großen sind Nepalmed in Nepal, der Club 50 und das Matrika Eye Center in Kathmandu. Letztere haben zum Beispiel die Quarantänestation gebaut.

Was ich mich oft bei Vereinen frage: Wie wird sichergestellt, dass das gespendete Geld auch wirklich da ankommt, wo es gebraucht wird? Wie handhaben Sie diesen finanziellen Aspekt?
Wir haben ein finanzielles Konzept und mittlerweile auch 21 Jahre Erfahrung, wie man das am besten angeht. Unsere Mitglieder und Spender sehen, dass wir einen wirklichen Abdruck in Nepal hinterlassen und unterstützen uns daher gern. Wir haben deutsche und nepalesische Projektkonten. Die Abrechnung läuft über eine nepalesische Steuerberaterin aus Kathmandu. Sie sammelt Belege und wir bekommen vorab schon Fotografien der Belege, wenn etwas in Nepal eingekauft wurde. Sie sammelt dann alles und hebt es für die nepalesische Steuerbehörde auf. Dann bekommen wir die Belege zugesandt, damit wir auch hier in Deutschland transparent sind.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ja, sicher. Jedes Projekt wird detailliert geplant und besprochen. Wenn beispielsweise in einem Krankenhaus eine Röntgenanlage mit Spannungsstabilisator und digitaler Bildverarbeitung gebraucht wird, bekommen wir von den Händlern in Kathmandu Kostenangebote. Wir prüfen die Angebote und überweisen schließlich den Betrag direkt, ohne Zwischenschritte. Dadurch werden zusätzliche Kosten gespart und die Ware ist schon im Land in Nepal. Kein Transport, kein Zoll, und die lokalen Händler werden gestärkt.

 

Arbeiten Sie bei Nepalmed ehrenamtlich?
Bei uns findet alles ehrenamtlich statt. Mediziner, Kassenprüfer, der Steuerberater: Alle arbeiten komplett ohne Bezahlung.

 

Das ist auch nicht selbstverständlich. Ziemlich gute Sache!

Wenn sich jemand, außer mit einer Spende, persönlich engagieren möchte – welche Möglichkeiten hat sie oder er dann? Haben Sie ein Austauschprogramm oder Ähnliches?
Absolut. Wir bringen gerne westliche Medizinstudent:innen nach Nepal, wenn sie dort ein Praktikum machen möchten. Wir haben sechs Partner, mit denen wir in Nepal kooperieren. Nepal steckt gerade mitten in der zweiten Corona-Welle, daher haben wir die Austauschprogramme gerade pausieren lassen – nächstes Jahr sollte es aber wieder klappen. Es gibt viele deutsche Organisationen, die sich mit der Bildung in Nepal beschäftigen; wir setzen allerdings einen vorwiegend medizinischen Schwerpunkt. Ein Großteil unserer Arbeit besteht aus Wissenstransfer mit Kursen und Konferenzen, die wir anbieten. Wer sich für das Übermitteln von spezialisiertem medizinischem Wissen berufen fühlt, ist bei uns jederzeit willkommen!

 

Ist der Verein auf eine medizinische Richtung festgelegt oder kann man unabhängig vom Fachbereich bei Ihnen mitmachen?
Wir sind für jeden medizinischen Bereich offen. Unfallchirurgie und Zahnmedizin werden gesucht. Wir unterstützen gerade auch den Zoo von Patan – den einzigen Zoo des Landes – mit dem Aufbau der ersten veterinärmedizinischen Station. Da wäre Unterstützung auch gut. Physiotherapie ist immer gefragt, Erste-Hilfe-Kurse auch. In vielen medizinischen Sparten lassen sich also Spezialisten einsetzen.

 

Da gibt es also viele Möglichkeiten.
Auf jeden Fall. Es ist aber vielleicht wichtig zu sagen, dass das am Ende nicht immer so abläuft, wie man es sich im Westen vielleicht vorstellt. Wir erfinden das Rad nicht neu; tatsächlich gehen wir nicht raus in das letzte entlegene Tal, wo kaum jemand wohnt, sondern wollen möglichst viele Menschen erreichen. Also sind wir vornehmlich in dörflichen Zentren und Distriktkrankenhäusern und in den Großstädten aktiv. Es gibt dabei immer einen nepalesischen Partner, den wir bei seiner Arbeit unterstützen.

Super! Ich danke Ihnen für das Gespräch. Gibt es noch etwas, das Sie erwähnen möchten?
Ja, gerne. 2017 haben wir unseren eigenen Verlag gegründet, da mehrere Mitglieder in unserem Verein Bücher schreiben und wir auch die Nepal-Kalender herstellen, die Ende des Jahres ja auch bei tapir verkauft werden. Und ich schreibe die Nepal-Krimis, die man im Nepalmed-Shop kaufen kann. Alle Einnahmen davon wandern direkt in die Stiftung.

 

Spannend. Wie kam es zu den Krimis?
Nun, diese Krimis sind alle echte Geschichten. Rückkehrer aus Nepal haben oft dieselben Dinge aus Nepal im Kopf. Everest. Sherpas …

 

… Gebetsflaggen.
*lacht* Ja, genau. Dabei gibt es im ganzen Himalaya ungefähr 180.000 Sherpa; bei einer Bevölkerung von 30 Millionen Nepali ist das nur ein kleiner Teil der Gesellschaft. Es gibt also noch eine ganze Menge mehr über das Land zu erzählen. Wenn ich in Nepal die Zeitung aufschlage, die Kathmandu Post oder Himalayan Times, dann gibt’s da die tollsten (und schlimmsten) Geschichten. Ob vom Bürgerkrieg oder der Yarsagumba-Ernte im April/Mai, wenn ein Dorf gegen das andere um das Ernterecht kämpft.

 

Oha. Was ist Yarsagumba?
Das sind kleine Raupen, die im Boden leben und die von einem Schimmelpilz befallen werden. Der Pilz tötet die Raupe, bis nur noch ein kleiner Teil oben aus der Erde herausschaut. Den suchen die Einheimischen. Ein Kilogramm wird für 20.000 US Dollar als Potenzmittel nach China verkauft – unglaublich viel Geld. So ist der Berghang natürlich Gold wert. Ja, und aus der Geschichte ist dann mein erster Krimi geworden: „Das Gold des Himalaya“. Außerdem spreche ich regelmässig mit einem nepalesischen Polizeigeneral, der in Wiesbaden zum Kriminalisten ausgebildet wurde. Der lässt ein wenig durchblicken, wo die echten Themen liegen, die die Menschen und die Polizei beschäftigen.

 

Das klingt ziemlich abgefahren. Dann wünsche ich Ihnen, dass noch viele Geschichten entstehen und Nepalmed weiterhin viel Gutes in Nepal tun kann. Vielen Dank für das Gespräch!
Ja, gerne. Und auch vielen Dank!

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