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Teaserbild: Dreiländereck Albanien, Kosovo, Montenegro: Peaks of the Balkans

Dreiländereck Albanien, Kosovo, Montenegro: Peaks of the Balkans

Dreiländereck Albanien, Kosovo, Montenegro: Peaks of the Balkans

Erst vor wenigen Jahren fertiggestellt, ist dieser Wanderweg im Dreiländereck und ehemaligen Kriegsgebiet Albanien – Kosovo – Montenegro noch ein Geheimtipp. Im Juli 2014 trafen wir in zehn Tagen genau sieben andere Wanderer, und wir wanderten entgegen der Hauptlaufrichtung! Der Trail führt auf zehn Etappen und 192 Kilometern durch eine äußerst abwechslungsreiche, teilweise schroffe, teilweise liebliche Berglandschaft. Verschiedene Reiseanbieter, unter anderem der DAV Summit Club, bieten inzwischen geführte Wanderungen an, Kostenpunkt meist knapp unter 2000€. Informationen darüber, ob und wie sich der Weg auch selbstorganisiert laufen lässt, finden sich leider fast keine. Vielleicht mag mein Reisebericht dem ein oder der anderen als Orientierung dienen.

Warum Albanien

„Lass es sein!“ titelt Die Zeit im Oktober 2014. Und auch die schönen und ausführlichen (sich leider sehr ähnelnden) Berichte in der Süddeutschen Zeitung und im 4-Seasons Magazin machen deutlich: lauft diesen neuen Wanderweg lieber nicht ohne einen ortskundigen Reiseführer. Zu spät, ich war schon da. Wie lässt sich also der Peaks of the Balkans als selbstorganisierte Tour laufen? Mein Reisebericht.

PosierenSchnack mit der PolizeiAusblick auf die kosovarischen Berge

Was Sie schon immer über die PEAKS OF THE BALKANS wissen wollten…

Der Peaks of the Balkans
Und es stimmt, der Weg ist anspruchsvoll. Bergerfahrung ist eine absolute Voraussetzung. Ein Engländer der zuvor einige Zeit im Himalaja unterwegs war, kam zu dem Schluss: „Das hier ist krasser!“ Wenn das auch sicher nicht für alle Himalaja-Regionen gilt, selbst für erfahrene Bergwanderer bietet der Peaks of the Balkans einige Herausforderungen. Das liegt zum einen an den wirklich steilen An- und Abstiegen. Eine Spezialität des Balkans, die so manchem Alpen-Wanderer Muskelkater beschert, der vorallem lange, konstante Anstiege gewohnt ist. Die gibt es hier nicht.
Die Gegend ist rau, es geht abrupt hoch und runter, hoch und runter. Zum Gelände kommt die Orientierung. Die Beschilderung des Weges ist, naja, unterschiedlich. In Albanien wirklich gut, im Kosovo und in Montenegro deutlich verbesserungswürdig. Auch die Karten, die sich in den größeren Städten kaufen lassen, sind nicht wirklich gut: Sowohl mir, als auch den drei bergerfahrenen Briten war es nicht möglich (ohne ständiges Verlaufen), den Weg nur mit Karte, Kompass und Wegmarkierungen zu laufen. Zusätzlich nutzte ich daher noch die auf den Wanderkarten angegebenen GPS Waypoints. Auch wenn meine Open Street Maps-Karte in diesem Gebiet tatsächlich nur Höhenlinien kannte, ging es in dieser Kombination recht gut.

Übernachten
Wer ohne Bergführer unterwegs ist und die Hütteninfrastruktur nutzen möchte, muss sich darauf einstellen, dass die Hütten nicht immer leicht zu finden sind. Sie sind oft nicht als solche zu erkennen und auch nicht ausgeschildert. Auch das Fragen gestaltet sich schwierig. In den meisten Fällen sprechen die Menschen dort nur ihre Muttersprache, man ist also auf Hände und Füße angewiesen. Dennoch lohnt es sich, die ein oder andere Übernachtung auf der Hütte einzuplanen, denn die Gastfreundschaft der Leute ist kaum zu übertreffen (großer Komfort ist allerdings nicht zu erwarten!). Plätze zum Zelten finden sich dagegen meist ohne Probleme. Beim Zelten sollte man allerdings auf die Wasservorräte achten.

Start und Ziel
Die möglichen Start- und Zielpunkte sind in Albanien Theth oder Valbonë (über Shkodra), im Kosovo die Rugova Schlucht (dort wo es die schlechte Pizza gibt, von Peja aus) und Plav in Montenegro. Da sich nur Plav als einzige, direkt am Weg liegende größere Stadt wirklich zum Einkaufen eignet, würde ich einen Einstieg in Albanien oder dem Kosovo empfehlen, um so ungefähr auf halber Strecke Lebensmittel nachkaufen zu können. Zu beachten ist, dass die 10 Etappen bei einer nicht-geführten Tour kaum einzuhalten sind. Ich empfehle auch für geübte Wanderer 14 Tage einzuplanen, wer die ebenfalls empfohlenen ein oder zwei Ruhetage zwischendurch einlegen möchte, dem sogar noch etwas mehr.

Verpflegung
Verpflegen kann man sich unterwegs schon, aber sehr einseitig. Bei den Schäfern kriegt man weißes Brot, weißen Käse und frische Kuhmilch. Immer wieder. Sogar zum (seltenen) Bier abends gab es Kuhmilch (lauwarm mit dicker Haut, zum Auslöffeln aus einer flachen Schale) und weißen, sehr frischen Käse. Hier wird einem auch in Erinnerung gerufen, dass die mehrfach behandelte Milch, die wir heute im Supermarkt bekommen, mit frischer Kuhmilch nur noch wenig zu tun hat.
Menschen mit Laktose-Intoleranz sei von einer Reise dringend abgeraten. Ich würde empfehlen, die Route so zu planen, dass das montenegrinische Plav (als größte, auf dem dem Weg liegende Stadt) auf halber Strecke liegt. Dort gibt es ausreichend Geschäfte und Supermärkte, um sich mit Lebensmitteln aller Art einzudecken.
Durch Milch hat übrigens niemand von uns eine Magenverstimmung bekommen. Statt dessen von der Pizza im kosovarischen Rugova Camp, dem einzigen ernstzunehmendem Hotel auf dem Weg…

Die WandergruppeAbendlicher Ausflug zum GletscherseeFoto mit albanischer Flagge

Die Wanderguppe 
Eine interessante Reisegruppe fand sich in der albanischen Hauptstadt Tirana zusammen. Drei junge albanische Frauen Mitte zwanzig, Nicolo, ein Italiener und ich, außerdem noch Nona, eine rüstige albanische Kettenraucherin um die fünfzig. Kennengelernt hatte ich Nicolo in Vuno, einem Dorf im Nirgendwo an der albanischen Küste. Hier gibt es nichts, keine Partys, keine Stadt, keine Einkaufsmöglichkeiten, nur Ruhe, Meer, Olivenhaine und nette Menschen – im vielleicht gemütlichsten Hostel der Welt.
Nicolo war auf dem Weg nach Tirana, um dort seine albanischen Freunde zu treffen und ich schloss mich ihm spontan an. Vier Frauen, die in einer patriarchal geprägten Gesellschaft, in der Bergwandern nur Verwunderung auslöst, alleine in die Berge aufbrechen, das ist höchst ungewöhnlich. Ihre männlichen albanischen Freunde hatten alle abgesagt, und so wurde ich freudig in die Gruppe aufgenommen.
Mit Bussen und einem Taxi erreichten wir unseren Ausgangspunkt in Valbonë. In der ersten Unterkunft gab es köstliches Abendessen, frisches selbst gebackenes Fladenbrot, Milch und weißen Käse (den wir dort noch zu schätzen wussten). Außerdem Zigaretten und Raki. Dank Nona würden wir in Folge jeden Zivilisationskontakt zum ausgiebigen Rauchen, Kaffee und Raki trinken nutzen.

Gemeinsame Kommunikation
In den nächsten Tagen zeigte sich, dass die Orientierung mit Karte und Kompass schwierig war. Und die Verständigung über die richtige Route noch schwieriger: Mit Nicolo sprach ich Englisch, mit Juri etwas französisch, mit Ladi etwas Englisch, mit Nertila und Nona teilte ich keine Sprache. Allerdings sprachen alle Albanerinnen etwas italienisch, und so konnte Nicolo mir wiederum ins Englische übersetzen.
Gemeinsam am Berg brenzlige Situationen entscheiden und Rücksicht auf die Schwächsten nehmen, wurde so allerdings zur Herausforderung. Nona beansprucht zunächst aufgrund ihres Alters und ihrer Bergerfahrung ganz klar die Führung für sich und hielt Diskussionen für überflüssig. Nachdem sich ihre Kenntnisse in den Bergen dann als doch nicht so berauschend herausstellten und wir meist in die falsche Richtung liefen, ging die Führung dann doch nach und nach auf mich über. Letztlich war es vermutlich die beste und sicherste Lösung. Aber neben den Bergen wurde die interkulturelle Verständigung zur spannendsten Herausforderung der Reise.

Die Tour
Nach zwei Tagesetappen trafen wir in Dobërdol ein, und lernen dort Manol kennen, um dessen Hütte herum nachts die Hunde kläffen und der in allen erwähnten Reiseberichten portraitiert wird. Und damit kann ich bestätigen, dass er beim Wandern gerne albanische Volksmusik über sein Smartphone hört. Leider sprach er, wie die meisten Menschen hier, kein Wort Englisch und ich war wieder froh, mit Albanern unterwegs zu sein. Und wenn ich dachte, ich sei nach einigen Monaten auf Wanderschaft nun körperlich topfit: Mit einem albanischen Hirten brauche ich nicht versuchen, es aufzunehmen. Als Manol uns Abends noch zu einem eiskalten Gletschersee führt, kommen wir nur keuchend hinterher, während Manol fröhlich voran springt.
Nachdem wir die Grenze zum Kosovo überquert haben, wird die Beschilderung deutlich schlechter und ich bin froh, dass ich mich über GPS immer wieder versichern kann, dass wir in die richtige Richtung laufen. Da wir die Tagesetappe an diesem Tag nicht mehr schaffen würden, entschließen wir uns, nun die erste Nacht im Freien zu verbringen.

Ein Unterschied 
Kurzzeitig bin ich geschockt von der Ausrüstung meiner albanischen Freunde. Zwar befanden sich in den Rucksäcken Feuchttücher und eine große Albanienflagge (die bei jeder Gelegenheit für ein Fotoshooting genutzt wurde und bei mir einiges an Befremdung auslöste).
Regensichere Zelte waren aber nicht vorhanden, und das, wo an diesem Abend ein Gewitter in der Luft zu liegen schien. Dazu muss man anmerken, dass Bergsport in Albanien kaum existent ist. Selbst in der Hauptstadt Tirana ist es fast unmöglich, grundlegende Ausrüstungsgegenstände wie Zelt, Kocher und Schlafsack zu bekommen. Einen Outdoor-Laden gibt es in ganz Albanien nicht. So hatte Nicolo für Juri ein Zelt und einen Schlafsack bei Aldi in Deutschland besorgt, mit der Prämisse, dass beides zusammen nicht mehr als 50€ kosten dürfe – das Durchschnittseinkommen in Albanien beträgt unter 300€/Monat. Allerdings war das Zelt recht schwer und so wurde das Außenzelt einfach zu Hause gelassen. Im Sommer bräuchten wir das ja nicht. Ich war sehr froh, dass wir in zehn Tagen nur strahlenden Sonnenschein hatten und auch an diesem Abend das befürchtete Gewitter ausblieb.

In Montenegro angekommen
Nach zehn Tagen Wanderung erreichten wir schließlich das montenegrinische Plav, zu deutsch „blau“. Schon von weitem aus den Bergen kann man den so unbeschreiblich blauen Plavske Jezero funkeln sehen. Der See wird von großen Wassermengen aus den umliegenden Bergen gespeist und wechselt sein komplettes Wasser in hoher Geschwindigkeit — das Wasser ist daher eiskalt und glasklar und eine willkommene Abkühlung nach dem anstrengenden Abstieg. In Plav mussten sich Nicolo und ich dann auch schon von unseren albanischen Freunden verabschieden, da sie nur zehn Tage für die Wanderung zur Verfügung hatten. Den Streckenabschnitt zwischen Plav und Valbonë müssen wir uns daher für ein anderes Mal aufbewahren. Während die Albanerinnen sich auf den Nachhauseweg machen, bleiben Nicolo und ich noch eine Nacht in Plav und schauten das WM-Halbfinale Deutschland-Brasilien bis es am nächsten Tag weiter nach Podgorica geht.
Noch ein letzter Tipp zu Plav: Das Hotel direkt am See ist verlassen. An der Südwestseite des Sees gibt es aber einen kleinen Campingplatz (der auch günstige Zimmer vermietet). Hier empfiehlt es sich unbedingt, essen zu gehen. Für Campingplätze eher ungewöhnlich, aber hier wird verdammt gut gekocht.

Zuletzt: Grenzformalitäten
Es ist offiziell verboten, die Grenzen zwischen Albanien, Kosovo und Montenegro an nicht-offiziellen Stellen zu überschreiten. Das geht natürlich auf einem grenzüberschreitenden Wanderweg nicht, und deswegen gilt es vor Antritt der Wanderung hochkomplizierte bürokratische Formalitäten zu erledigen. Der Grenzübertritt, der Zeitraum und anderes muss vorher angemeldet, dann eine pro-Forma Strafe bezahlt werden und nachdem die Wanderung beendet ist, muss man sich sofort bei der Polizei vor Ort melden.
Das übernehmen normalerweise die Reiseveranstalter, bei einer selbst organisierten Tour muss man sich selbst kümmern. Die Albanerinnen und Nicolo hatten dieses komplizierte und langwierige Prozedere gewählt, was uns auch die Ankunft in Plav nicht versüßte. Zunächst mussten wir viel Zeit auf der Post- und Polizeistation verbringen. Da ich ja spontan zur Gruppe dazugestoßen war, hatte ich natürlich nicht die Zeit, mich zu kümmern und habe daher einfach auf meinen deutschen Pass vertraut. Tatsächlich hat sich auch niemand bei meiner Ausreise aus Montenegro darüber beschwert, dass ich keinen Einreisestempel im Pass hatte.
Deswegen meine Empfehlung (natürlich auf eigene Gefahr): spart euch den nicht unerheblichen Aufwand. Mit deutschem Pass wird es mit allergrößter Sicherheit keinerlei Probleme geben. Die Polizei vor Ort weiß um die Wichtigkeit des gerade entstehenden Tourismus dort und wird den Pass oder Personalausweis ohne Probleme akzeptieren. Für Menschen, die nicht das Privileg eines deutschen oder westeuropäischen Passes haben (wie meine vier albanischen Mitreisenden) empfiehlt es sich natürlich unbedingt, die offiziellen Formalitäten einzuhalten.

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