Dein Abenteuer beginnt hier!

Teaserbild: In Arco scheint die Sonne länger – ein nicht vollständig aufrichtiger Erlebnisbericht (Teil 1)

In Arco scheint die Sonne länger – ein nicht vollständig aufrichtiger Erlebnisbericht (Teil 1)

Was gibt es Besseres, als in angenehmer Gesellschaft ein verlängertes Wochenende fern von feinstaubgesättigter Infrastruktur, permanentem Leistungsstress und kollektiver Profilneurose zu verbringen?
Richtig: nichts!
Mal so richtig den Kopf frei kriegen, mal Wind durch die Ohren peitschen lassen, mal den Zebedäus raushängen lassen, mal >ich< sein!
Und wenn grad keine „angenehme Gesellschaft“ verfügbar ist, wieso nicht einfach mit genau den Pennern -… äh, Arbeitskollegen losziehen, die einem schon im Alltag immer so zuverlässig belastend auf die Nerven fallen? Genau, wieso eigentlich nicht?!

So oder ähnlich gingen unsere Gedanken, als wir uns eines Tages zufällig am Grünstreifen vorm Zeltplatz Mitte trafen, in Ermangelung einer stabilen zwischenmenschlichen Beziehung krampfhaft auf der Suche nach einem unverbindlichen Gesprächsthema, ohne aneinander zu geraten. Alternativloser Smalltalk … schwierige Sache, das. Also los:
Kollege 1: „Ey Stefan, lass mal in die Berge fahren!“
Kollege 2: „Meinetwegen.“
Dauerpraktikant: „Kühl, darf ich mitmachen?!“
Kollegen 1 und 2 beide so: „ … Hmmmm.“
Dauerpraktikant: „Nicenstein, ich frag noch Alex, der drückt sich da hinten so verloren in der Ecke rum!“
Kollegen 1 und 2: „Oah muss das sein? Na egal …“
Alex (latent verzweifelt): „Großartige Idee! Aber warum ich?!“

Und schon war unser Spaßquartett komplett! Schnell noch den jeweiligen Familienangehörigen Bescheid gegeben und unter dem daraufhin frenetisch ausbrechenden Jubelgeschrei fix die Koffer gepackt. Der Hinweis, das Ziel der Reise seien ernstzunehmend hohe, bei schlechter Witterung durchaus lebensgefährliche Berggegenden, ließ das intra-familiäre Euphorie-Level erneut einem jähen Höhepunkt entgegenflammen. Unter der langsam verklingenden Ekstase verließen wir sodenn unsere Behausungen und sahen unserem Abenteuer emotional gestärkt entgegen.

da Alex und ich uns mit der Notwendigkeit konfrontiert sahen, auf unser Reisegepäck gänzlich verzichten zu müssen. Proviantmeister Hackepeter-Carsten hatte ein wenig übermotiviert so viel Verpflegung an Bord genommen, dass sich die Vermutung aufdrängte, wir planten eine längere Tour Richtung Mordor, um irgendeinen ominösen Ring in die Feuer des Schicksalsberges zu werfen und Lembas war leider aus. Jede amtliche Lebensmittelnotlieferung der Welthungerhilfe wäre vor Neid erblasst. Der Kofferraum war derart mit Lebensmitteln vollgestopft, dass wir problemlos eine Kohorte Sumoringer für mehrere Wochen hätten mästen können. Zudem hatte sich aufgrund der immensen Fressalien-Dichte ein zünftiges Gravitationsfeld an unserem Heck manifestiert, welches uns im Laufe der Reise vor nicht unerhebliche Komplikationen zu stellen drohte.

Der Kofferraum stellte also einen manifesten Anschlag auf unseren Metabolismus dar. Hackepeter-Carsten hatte offensichtlich tiefe Geborgenheit in dem Gedanken gefunden, dass jeder von uns in den kommenden 4 Tagen bequem im Stande sein sollte, sein Eigengewicht in Form feinster Wurstwaren aus der hauseigenen Produktion der Fleischerei ‘Knötzsch‘ („Wurst von Hand – mit Herz und Verstand“) zu verzehren.
Nachdem wir ein paar Kilo Braten, drei Paletten Dosenravioli, mehrere Säcke Pommes Frites, 2 Expeditionstonnen voll Fürst-Pückler-Eis sowie 3 Liter Gewürzessig und ein halbes Schwein wieder ausgeladen hatten (allerdings nur gegen den deutlich zum Ausdruck gebrachten Widerstand unseres geliebten Proviantmeisters), war es Alex und mir schließlich möglich, wenigstens je einen Toilettenbeutel sowie eine Bauchtasche im Inneren des Wagens unterzubringen. Kurz vor Abfahrt wurde mir dann von der versammelten Mannschaft intensiv ans Herz gelegt, noch eine Wechselhose einzupacken. Ich wehrte mich intuitiv gegen die lächerliche Vorstellung, derart überpackt loszuziehen, hatte ich doch eine verdammte Weltreise MIT NUR EINER HOSE erfolgreich hinter mich gebracht. Wie sich später jedoch herausstellen sollte, war es ein weiser Rat und war ich umso weiser, indem ich ihn annahm. Dergestalt präpariert begannen wir nun also unser Abenteuer.

genauer: dessen höchste Klippe, die Marmolata, sein. Die Fahrt startete gegen 22 Uhr und wir beabsichtigten, bequem durch die Nacht zu brausen. Gesagt, getan! In Stefans bombastischer Angeberkarre fuhr es sich hervorragend – wenn man schließlich das Schamgefühl erfolgreich verdrängt hatte, welches sich ob der zweifelhaften Notwendigkeit, uneingeschränkte sexuelle Einsatzbereitschaft dergestalt zwanghaft repräsentieren zu müssen, unweigerlich beim Betreten eingestellt hatte. Haben wir aber alle problemlos hinbekommen. Besagte Karre, dieses PKW-gewordenen Fruchtbarkeitsversprechen, hatte selbstverständlich Autopilot inklusive Abstandsreglung und so konnte Stefan sich schließlich der definitiv zweifelhaften Leistung rühmen, auf der gesamten Fahrt nur einmal auf die Bremse getreten zu haben … Carsten hatte ein gutes Gefühl!

Die Reise ging zügig von der Hand und so erreichten wir nach ca. 6 Stunden Fahrt einen der Marmolata vorgelagerten Gebirgspass, von dem aus Carsten uns zum Frühstück eine gigantische Aussicht zu präsentieren gedachte. Wir möchten an dieser Stelle noch einmal alle ausdrücklich unseren Dank an Carsten für diese wahrlich imposante Idee zum Ausdruck bringen! Was du uns möglich gemacht hast!

Zwei geschlagene Stunden haben wir auf einer klitzekleinen, in einer Kurve auf einem brüchigen Felsvorsprung gelegenen Ausweichbucht ausgeharrt, mühselig im Halbschlaf gehalten von gehetzten Träumen, die irgendwie alle von defekten Handbremsen handelten, von eisiger Bergluft und lebloser Leere umgeben, die in ihrer kompakten Hoffnungslosigkeit lediglich übertroffen wurde von diffus im Geiste aufflackernden, trostlos-fatalen Vorahnungen das baldige Ende unserer körperlichen Existenz betreffend, nur um WAS zu sehen?!
…-…
Nichts!
Na genau, dem Himmel ein gutes Stück näher und umgeben von mächtigen Bergflanken nebst (schon wieder!) fruchtbaren Tälern sahen wir einzig und ausschließlich: gar nichts! Zumindest nichts von dem, was da war. WAS wir sahen entsprach so ziemlich dem, was ich unter ‘grauer Suppe‘ verstehen würde. Ein wahrhaft unvergessliches Schauspiel! Darauf jetzt bitte zur Feier, lieber Carsten, eine ordentliche Wurst!

Gut, nachdem wir die Sinnlosigkeit dieses Teils unseres Unterfangens schlussendlich eingesehen hatten, ging es weiter Richtung Marmolata zum Einstieg in unsere erste Tour. Dort angekommen wurde uns ziemlich schnell klar, dass auch dieser Teil unserem offensichtlich gewählten Reise-Motto ziemlich genau entsprach: sinnlos. Die Wolken hingen so tief im Tal, dass wir unmittelbar in tiefe Schwermut verfielen und die Sicht tendierte weiterhin nahezu gen Null. Zudem setzte nun noch ein unsagbar ermutigender Dauerregen ein. Die Glückshormone schossen uns förmlich aus allen Poren. Vielleicht war’s aber auch Wutschweiß. Oder Wurstschweiß …?

Nun hört man ja oft von spirituellen Meistern, der Weg sei das Ziel. Das Erleben der Aktivität selbst, und nicht das Ziel, auf welches sie gerichtet ist, sei das eigentliche Ziel, die wahrhafte Erfahrung. Also einfach hoch und Spaß haben – auch wenn da nichts ist. Und vielleicht ist es ja wirklich gerade die asketische Erfahrung, nach einem harten, kalten, steilen, langen und entbehrungsreichen Aufstieg in eben jenes Nichts zu schauen und damit das gesamte  Unterfangen mit dem Gefühl beenden zu müssen, das Verlangte nicht erreicht zu haben, welche zur nächsten Erkenntnisstufe führt. Im Angesicht absoluter Entsagung offenbart sich erst der endgültige Sinn der Schöpfung?

Möglich.

Jedoch waren wir hier nicht auf dem Jakobsweg unterwegs. Wir wollten nicht weiser werden und nicht aus unserem Scheitern – und eventuell bzw. sicher aus unserem individuellen Unvermögen –  lernen. Wir wollten einfach ’nen verdammten Gletscher sehen!

Des Weiteren sahen wir uns durchaus realistisch mit der Möglichkeit konfrontiert, keinen Fuß an den Fels zu bekommen, weil es an sämtlichen Wänden glitschiger zugehen würde als in einem Aalarsch. Nachdem wir uns unter dem Vordach einer unbewohnten Pension (also hoffentlich unbewohnt, da wir unseren Ärger überaus wortreich artikulierten) unter Zuhilfenahme mehrerer Zentner Wurst neue Zuversicht angegessen hatten, stiegen wir wieder in Stefans Phalluskombüse und düsten mit unersättlicher Kopulationsbereitschaft gen Gardasee.

Nach weiteren zweieinhalb Stunden unterhaltsamer Fahrt kamen wir in schließlich in Arco an.

in unmittelbarer Nähe zum Gardasee, allerdings nicht in Uferlage. Dafür ist sie von unzähligen einschüchternden Felswänden umgeben, an denen sich zahlreiche Kletter- und Klettersteigrouten in allen erdenklichen Schwierigkeitsgraden finden lassen. Arco ist das gelobte Land für Kletterfreunde – und das Mekka und das El Dorado gleich mit. Entsprechend gut ausgestattet ist die touristische Infrastruktur. In der Hauptsaison ist Vorbuchen obligatorisch, aber in unserem Fall war es kein Problem, unangemeldet auf einem der beiden örtlichen Campingplätze unterzukommen. Dort schlugen wir unsere Heimstadt für die kommenden Tage auf, ein in völligem Kontrast zu seiner Potenzkutsche stehendes … Baumwollfamilienzelt. Eine unglaublich komfortable Hütte für Campingnomaden wie uns! 3 Schlafkabinen, ein großer Vorraum sowie ein großzügiges Vordach und der für Baumwollzelte so charakteristische unschlagbare Klimakomfort (ich sage nur: 4 Mann und zentnerweise Wurstwaren …). Apropos Schlafkabinen: Wie dem scharfsinnigen Leser unmittelbar aufgefallen sein dürfte, war das eine Kabine zu wenig … folglich waren also nur 2 Reiseteilnehmer zumindest formal vor körperlichen Übergriffen geschützt. Die 3. Kabine teilten sich Alex und ich – wir schienen auf dieser Reise wirklich ununterbrochen den Hauptgewinn gezogen zu haben.

welcher uns jedoch mit einer fantastischen Aussicht sowie einem tiefenentspannten Abstieg durch mediterrane Olivenhaine und die Altstadt von Arco entlohnte. Selbstredend war dabei auch ein Gelato nebst Espresso für jeden drin! Innerhalb kürzester Zeit war uns allen unbeschreiblich mediterran zumute. Zwischendurch haben wir uns dann noch mit einer degenerierten Ziege angefreundet … das Vieh hatte im Laufe seines Lebens offensichtlich viel zu wenig Kontakt gehabt und eine elementare Gestörtheit ausgeprägt.

Abends gab es lecker Nudeln mit ordentlich Knoblauch und nach einer längeren Diskussionsveranstaltung vorm Zelt, welche die schwere intellektuelle Beschädigung sämtlicher Anwesenden eindrücklich illustrierte, war es schließlich Bettzeit.

Geteilte Kabine – geteilte Freude? Ich war also, wie bereits erwähnt, dem Alex zugeteilt worden. Und so empfing mich dieser, als ich nichtsahnend vom Klo in den Schlafsack steigen wollte, in der Kabine. Er war offensichtlich komplett nackt, die privateren Regionen seines an völlig unerwarteten Stellen mit Muskeln bepackten Körpers notdürftig-lasziv mit einem Schlafsack bedeckt. „Komm ruhig herein“, so seine vielversprechenden Worte an mich, „… aber geschlafen wird später!“

Fortsetzung folgt!

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