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Teaserbild: In Arco scheint die Sonne länger  –  ein nicht vollständig aufrichtiger Erlebnisbericht (Teil 2)

In Arco scheint die Sonne länger – ein nicht vollständig aufrichtiger Erlebnisbericht (Teil 2)

Nach einer kurzen, aber dringend benötigten Verschnaupfpause geht es heute weiter mit Teil 2 unseres desolaten Reiseberichtes. Nachdem die Rückmeldungen auf den ersten Teil zwischen völliger Fassungslosigkeit und niederschmetternder Kritik rangieren, wird jetzt hoffentlich alles besser …

Also: Auf geht’s!

Nach einer etwas unruhigen Nacht (ich wurde von nachgerade panischen Angstattacken unzählige Male jäh aus dem Schlaf gerissen, überall an meinem Körper kalte, unaufhaltsam forschende Klauenhände spürend und wachte schließlich frühmorgens zitternd in Embryonalhaltung auf) begingen wir den nächsten Tag mit einem majestätischen Frühstück, dessen genaue Komposition ich Ihnen, liebe Leser, an dieser Stelle aus Pietät gern ersparen möchte. Es ging zumindest nicht besonders vegetarisch zu … Sodann! Auf zu unserem nächsten Projekt!

um nicht als völlige Kaffeefahrt zu enden. Der Via Attrezzata Monte Albano “Ottorino Marangoni“, kurz: Mori-Klettersteig, ist ein Klettersteig der Kategorie D und offensichtlich für mich als blutleeren Einsteiger genau das Richtige, um sich endlich mal wie ein richtiger Mann zu fühlen. Gesagt getan: Klettersteigset angelegt, Helm am Kopp und rein ins Vergnügen! Keine anderthalb Meter über’m Boden stürzte ich direkt das erste Mal ab und stellte so meine beeinträchtigte Bergsportmotorik eindrucksvoll unter Beweis. Es sollte dies nicht die letzte Brenzlichkeit in meiner Performance gewesen sein. Im Laufe des Steiges entwickelte ich ein stetes Zittern sowie krampfhaftes Klammern und erschöpfte in der Folge zusehends. Dankenswerterweise ließ Carsten mich regelmäßig an sein Trinksystem. Da das Mundstück, wie bei Trinkblasen üblich, frontal an seinem Schultergurt montiert war, hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, in gewisser Weise von Carsten gesäugt zu werden. Es war, als ob mir mein großer Freund die Brust gab. Gierig saugend nach oben schauend, sah ich sein gütig grinsendes, beinahe zärtlich auf mich herabblickendes Gesicht. Es war ein relativ entwürdigendes Erlebnis, jedoch fühlte ich mich gleichzeitig seltsam geborgen und mit neuer Zuversicht erfüllt.

Nach mehreren Litern Angstschweiß und der offen zur Schau getragenen Langeweile meiner Kletterkumpanen war der Steig nach 3 Stunden schließlich geschafft. Auf den letzten Metern wurde mir das vollständige Ausmaß meiner Demütigung bewusst: Ich sah, dass Alex gänzlich ohne Klettersteighandschuhe geklettert war!!! Rissiges Gestein und scharfkantige Stahlseile konnten seinen schraubzwingengleichen oberen Extremitäten offensichtlich nichts anhaben. Vermutlich war er sogar die gesamte Zeit völlig freihändig geklettert, um die Felswand nicht zu beschädigen … der Mann ist einfach härter als Hackepeter! Was für ein unfassbarer Kackhauer! Auf diesen Umstand angesprochen, echauffierte sich Alex vehement und teilte uns mit, dass er mitnichten angeben wollte, sondern lediglich öffentlichkeitswirksam auf den Umstand hinzuweisen gedachte, dass ihm schlicht alles viel zu einfach war.

Nachdem wir uns mit Fettbemme und Mett-Igel gut gestärkt hatten, eruierten wir das weitere Vorgehen. Außer mir waren alle nur mäßig beansprucht und folglich willens, unseren Erlebnishorizont noch ein erhebliches Bisschen zu erweitern. Das nächste Projekt sollte der Sentiero Attrezzato ‘Rio Sallagoni‘ sein, ein Klettersteig in einer dunklen und nassen Klamm. Passenderweise fing es justament auf dem Parkplatz vor dem Einstieg in die Klamm so unglaublich stark zu regnen an, dass Kiemen unmittelbar als eine ziemlich dolle Sache erschienen. Aber wir wollten ja in eine feuchte und düstere Klamm steigen! Was wäre da besser, als wenn die Wetterbedingungen dieses mystische Erlebnis noch komplettieren würden?! Meine 3 Begleiter waren allen Ernstes vollauf begeistert von dieser Klimakatastrophe! Ich hingegen verblieb einigermaßen skeptisch und schlug vor, jetzt mal Spaß beiseite, ein bisschen abzuwarten, um nicht in den sicheren Tod loszuwatscheln, entweder durch Absturz oder aber durch Ertrinken – beim Gehen! „Können die ja nicht ernst gemeint haben“, dachte ich noch, „die bluffen doch!“ Aber weit gefehlt. So schnell, wie die Autotüren aufgerissen wurden und meine „Freunde“ sich in Ihr Verderben zu stürzen bereit waren, konnte ich gar nicht „Scheiße, scheiße, scheiße!“ fluchen. Ich kam nicht umhin, eine gewisse geistige Verblödung zu diagnostizieren, konnte den Gedanken jedoch nicht weiter verfolgen, denn schon ging’s los … und es hat wirklich RICHTIG geregnet. Und es war höllenrutschig! Darüber hinaus herrschte eben nicht nur in den erschütternd umnachteten Gemütern meiner Reisepartner tiefstes Dämmerlicht, sondern auch in der Klamm selbst. Stefan nahm dies siegessicher zum Anlass, sich schwungvoll mit dem Bauch voran frontal auf einen spitzen Felsblock zu falten. Das sah durchaus einigermaßen lustig aus, aber Lachen wäre einfach nicht angebracht gewesen … hab mich trotzdem nicht beherrschen können.

die wir je erlebt haben und leider auch viel zu kurz. In strömendem Regen, einem Trupp transzendierter Kampfmönche gleich an moosigen Felsen entlangzuhangeln, unter uns der reißende Klammstrom und neben uns regenwaldartiger Pflanzenbewuchs: Das hatte schon eine sehr exotische, geradezu unwirkliche und geheimnisvolle Wirkung auf uns. Wir sprachen kaum noch, um die Magie des Ortes nicht durch unser grottendoofes Gefasel zu entweihen. Von Zeit zu Zeit öffneten sich die engen Felswände, um den Blick auf größere Kammern und Lichtungen frei zu geben, in denen das Wasser von allen Wänden rauschte, um sich zwischen wild wuchernden Farnen und Sträuchern in unzählige Bäche zu ergießen und sich schließlich unter unseren Füßen zu einem reißenden Gebirgsbach zu vereinigen. Wir haben uns gefühlt wie inmitten einer Mischung aus Borneo und Pandora; meinten sogar, Spähtrupps bestehend aus brünstigen Orang-Utans und durchtrainierten Na’vi hinter einigen Büschen ausmachen zu können. Und es war auch alles in 3D!

Wieder in unserem Lager angekommen, war uns die totale Erschöpfung in die bemitleidenswerten Visagen gemeißelt. Zeit für ein kollektives Dusch-Happening! Das gemeinsame Duschen belebt nachweislich Geist und Körper, stimuliert die emotionale Bereitschaft und stärkt die individuelle Resilienz! Selbstverständlich gingen wir jeder in eine eigene Kabine. Aber simultan! Dort trat in meinem Fall deutlich zu Tage, wie zerstört ich wirklich war. Ich entledigte mich unter großer Anstrengung meiner Klamotten, wobei dies fast an dem damit verbundenen, mir unverhältnismäßig hoch erscheinenden Aufwand zu scheitern drohte. Benommen trat ich unter die Dusche ins wohlig-warm herabbrausende Nass, um zu regenerieren. Doch irgendetwas stimmte ganz und gar nicht, fühlte sich seltsam und ungewohnt an … das Wasser lief mir zwar spürbar an den Beinen herab, jedoch weigerte es sich dabei, meine Haut auf gewohnte Weise zu berühren. Nach kurzer Überwindungsarbeit beschloss ich, meinen Blick nach unten zu senken, um der Sache widerwillig auf den Grund zu gehen …

und da sah ich des Rätsels Lösung: Ich hatte meine Hose noch an!

Hatte ich irgendwie vergessen auszuziehen. Ohne Mist!

In diesem Moment nun offenbarte sich die große Weisheit meiner Kameraden, welche mich ermahnt hatten, eine Wechselhose mitzunehmen. Ich verneige mein Haupt in Demut ob ihrer Weitsicht und ihrer menschlichen Größe! Am Ende blieben also auch von diesem Tag nur gute Erinnerungen zurück. Toller Tag, tolle Touren, tolle Wurst!

zum Gruppenfrühstück, hatte ich doch in der Nacht einen Entschluss gefasst. Ich wartete, bis Carsten sein erstes Marmeladenbrötchen und Alex und Stefan ihren Bohnensud intus hatten. Meine Gefährten solcherart stabilisiert zu wissen, verschaffte mir die notwendige Sicherheit und ich teilte meine Entscheidung entschlossen der Gruppe mit: Ich würde beim für heute geplanten letzten Klettersteig aussetzen, da ich mich körperlich und mental nicht in der Verfassung wähnte, erneut derart existenzielle Belastungen zu verkraften wie am Vortag. Mit klaren und deutlichen Worten gestand ich meine Schwäche ein, jedoch nicht, ohne darauf zu bestehen, dass die anderen bitte keine Rücksicht auf mich nehmen mögen und die Tour wie geplant durchziehen sollten.

Das Verständnis und Mitgefühl, welches mir darauf hin entgegenschlug, war überwältigend! Auch jetzt noch scheitert mein begrenzter Verstand daran, dies in begreifbare Worte zu fassen. Zu Beginn wurde meine Entscheidung schlicht ignoriert und auch nach mehrmaligem, penetranten Insistieren fühlte ich mich absolut nicht wahr-, geschweige denn ernst genommen. Dann schließlich zeigten sich erste Anzeichen dafür, dass mein Anliegen zumindest registriert wurde: Es begannen die subtilen Verunglimpfungen und Beschimpfungen, mittels derer sowohl meine Männlichkeit als auch meine charakterliche Eignung generell in Frage gestellt wurden. Da war wirklich alles dabei, von der ironisch angebotenen Kuschelumarmung bis hin zur ultimativen Kränkung, welche einen nicht näher benennbaren Zusammenhang zwischen meiner Unterhose und expansivem Harndrang postulierte. Freunde für’s Leben eben!

Wir sind dann alle nicht gefahren, da meine Begleiter unerwarteter Weise eine äußerst fragwürdige und gleichsam unangebrachte Solidarität an den Tag legten. Wenn einer nicht kann, können alle nicht! Dies beinhaltete blöderweise, mir von Stund an wortreich und mit nachdrücklicher Vehemenz mein Versagen vorzuhalten sowie mir auf sehr direkte, nicht gerade geistreiche Art und Weise Vorwürfe an den Kopf zu werfen, den erbärmlichen Ausgang unserer Klettertour betreffend.

Nun gut, sind wir also ziellos ein bissl durch die Berge gefahren und waren schließlich irgendwo in einem verlassenen Bergdorf wippen … die völlige Eskalation!

Nach diesem, für uns alle deprimierenden Ende unserer Gefährtenschaft waren wir durch die Bank weg dankbar, die Angelegenheit nicht künstlich in die Länge ziehen zu müssen und traten apathisch die Heimreise an. Also nochmal rein in die Schnittenkutsche und das Gaspedal bis zum Asphalt durchgedrückt. Ich durfte fahren, welch zweifelhafte Ehre. Das Auto summte und ruckelte leicht über italienische Autobahnen und Carsten und Alex fielen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters augenblicklich in einen tiefen, koma-artigen Schlaf. Dieser wurde nur ab und zu unterbrochen von nicht definierbaren, unwürdigen Röchellauten, wenn sie sich mal wieder an ihrem eigenen Speichel verschluckt hatten. Stefan spielte auf seinem Gameboy.

Ohne weitere Zwischenfälle passierten wir die Grenze und verbrachten die restlichen Stunden in angestrengtem Schweigen und mühsam unterdrückter Feindseligkeit. Bei der Verabschiedung schüttelten wir uns förmlich die Hände, wobei wir jeder den Blick des anderen mieden. Unendliche Leere und tiefe Trostlosigkeit machte sich in jedem von uns breit. Sollte es wirklich so enden? Unversöhnlich zerstritten, resigniert und bis ins Mark verbittert?! Nein, so DURFTE es nicht enden! Und so setzten sich in den peripheren, affektbezogenen Regionen unserer Hirne zärtliche Prozesse in Gang, Kuschel-Neurotransmitter wurden an Zuneigungs-Synapsen gekoppelt, die Amygdala rotierte wie bekloppt und Endorphin überall. Archaische Instinkte induzierten das Verlangen nach Harmonie und kollektiver Verbundenheit. Unser gesamtes limbisches System sabotierte die mühsam kultivierte gegenseitige Antipathie. Der unbedingte Wille zur Gruppenumarmung drang aus den Freud‘schen Untiefen unseres Bewusstseins nach oben und gewann in uns allen die Oberhand. Und schließlich, plötzlich, einfach so: fielen sie von uns ab, die Aversionen und Frustrationen, der Ekel und die Mordgedanken. Wir waren wieder Freunde, Gefährten, durch’s Schicksal Verbundene.

Wir waren wieder: frei!

Es war ein nachgerade metaphysischer, astraler Augenblick übernatürlicher Reinheit und Glückseligkeit. Eine explosive Erleuchtung und kristallene Erkenntnis. Eine unbegreifliche Zufriedenheit und Freude emanierte in unseren Herzen, eine pulsierende Wärme erfüllte unsere Brust und ein Leuchten ging von uns aus in die dunkle und kalte Welt. In meditativer Ekstase hielten wir inne und ließen die Zeit und den Raum um uns herum passieren. Der Moment währte wohl nur einen Atemzug lang, aber auf einer anderen Daseinsebene währte er ewig und ein Teil dieses Moments, das war uns immanent bewusst, würde auf immer in unserem Leben wirken.

Schließlich glitten wir wieder hinab in die Wirklichkeit, blinzelten ins fahle Licht desolater Straßenlaternen und fühlten, wie die Kälte des Abends in unsere Glieder und der Smog der Großstadt in unsere Lungen vordrang. Es roch nach Verwesung und Hoffnungslosigkeit. Wir waren wieder zurück.

Wir rappelten uns mühselig auf und fühlten uns verlassen und verstoßen. Aber nur kurz, denn gleich darauf erfasste uns ein schwaches, sakrales Echo der vergangenen Erfahrung, die uns zuteil geworden war. Und auch wenn dieser kurze Nachhall, dieses kosmische Zittern in seiner Intensität nur einen Bruchteil dessen reaktivierte, was wir soeben zu erleben berufen waren, so erzeugte es in uns doch ein tiefe Kraft und Gewissheit, die nie wieder von uns weichen sollte.

So nahmen wir schließlich in schweigender Demut mit wissenden Blicken voneinander Abschied.

Aber nochmal fahr ich mit DENEN nich weg!

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