Mit mir befinden sich noch einige andere Wanderer und Pilger auf dem Trail. Menschen aus Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, USA, Australien, England, Irland, China, Japan, Südkorea und natürlich Spanien. Die Stimmung ist ausgelassen, freundlich, aber auch konzentriert. Man merkt, dass dies nicht nur Spaziergänger sind, die zum ersten Mal eine Fernwanderung unternehmen. Zum Beispiel Alain, 63, aus Frankreich. Er trägt Kompressionsstulpen an den Waden, was ihn für mich irgendwie als erfahrenen Fernwanderer kennzeichnet. Und tatsächlich erfahre ich von ihm, dass er regelmäßig die Weitwanderwege Europas begeht. Letztes Jahr hat er die kompletten 100 Etappen des Franzikusweges von Frankreich nach Rom gemeistert. Von einigen anderen höre ich, dass es ihr vierter, fünfter, sogar elfter Camino ist. Es ist eine der „Stärken“ dieses Weges, dass man hier eine besondere Form von Community erlebt, die bestimmt ist durch die Vielfalt der Nationen und den individuellen Geschichten derjenigen, die diesen Weg gehen. Den Grad des Kontaktes zu anderen kann man aber immer selbst bestimmen. Niemand ist dazu gezwungen mit anderen Konversation zu betreiben.
In den ersten drei Tagen genieße ich die traumhaft schöne Landschaft, die immer wieder mit neuen Überraschungen aufwartet. Sei es der Perspektivwechsel hinter der nächsten Kurve, die Quelle, die aus dem Berg sprudelt – und aus der man bedenkenlos trinken kann – die dicht bewachsenen Wälder, durch die das Licht sich Bahn bricht, ein mehrere Meter hoher Wasserfall neben dem Weg, die vielen Hohlwege – ich liebe Hohlwege! Es könnte fast ein sorgenfreier Spaziergang sein. Fast? Ja …
Meine Barfußschuhe sind auf weichem Boden unschlagbar, sobald es jedoch auf Asphalt oder Felsen geht, spüre ich jedes Steinchen und jede Härte durch die dünnen Sohlen. Nach spätestens 20 km mahnen mich meine Füße, die Strecke für heute zu beenden und es wird anstrengend, wenn es noch weitergeht. Blasen habe ich keine, aber die Fußsohlen brauchen dann unbedingt Erholung.
In Tineo, dem Ende der dritten Etappe, fällt mir ein, dass ich noch gar keine Gaskartusche für meinen Kocher habe. Ich recherchiere im Internet, wo man in Spanien am besten Gaskartuschen kauft und lese mit Erschrecken, dass in Spanien Klickkartuschen üblich sind. Mein Kocher hat aber einen Schraubanschluss. Was tun? Etwas ratlos durchstreife ich den sehr kleinen Ort und sehe plötzlich einen asiatischen Gemischtwarenladen. Ich versuche mein Glück und tatsächlich finde ich in den endlosen Regalen dieses Ladens Schraubkartuschen. Ich bin happy!
Am vierten Tag dann die kurze Etappe zur Erholung bis kurz vor den Einstieg in die „Hospitales-Route“. Ich breche wie immer morgens 7 Uhr auf und es geht gleich steil einen Wirtschaftsweg am Waldrand entlang durch den Frühnebel, der hier besonders dick ist. Zwei Stunden später blicke ich auf den Nebel im Tal, über mir der strahlende Sonnenschein, um mich herum sattes Grün.
Die Herberge, die ich mir für heute ausgesucht habe, ist eine sehr kleine Unterkunft, in der nur zehn Personen Platz finden. Und sie ist eine sogenannte Donativo, ein Herberge ohne feste Preise auf Spendenbasis. Diese sind selten geworden, da dieses Spendensystem in den letzten Jahren vermehrt missbraucht wurde. Am Tor des alten Bauernhofes begrüßt mich Silvia, die Hospitalera, die Herbergsmutter. Sie ist Italienerin, 64, hat den Camino in fast allen Varianten begangen und man merkt an ihrem Habitus und der liebevoll eingerichteten Herberge, dass ihr das Wohl der Wanderer und Pilger eine Herzensangelegenheit ist. Die Herberge ist voll belegt mit Pilgern aus Mexiko, Slowenien, Australien, Deutschland, Italien und England. Am vollbesetzten Esstisch der Herberge tauschen wir uns aus über das Erlebte der letzten Tage und warten gespannt darauf, was uns Silvia als „Community-Dinner“, als gemeinschatliches Abendessen, servieren wird. Es ist früher Abend und draußen zieht ein ganz besonderes Wetterphänomen dieser Gegend auf: Nebel, der so dick und dicht ist, dass er sich an allem niederschlägt und dicke Tropfen bildet. Er wird sich über Nacht halten bis in den Morgen hinein.
Silvia überrascht uns mit den besten Bruschetta, die ich je in meinem Leben gegessen habe und einem nicht weniger gut schmeckendem Linsengericht.
Da ich viel darüber gelesen habe, dass man die Hospitales-Route nicht bei schlechtem Wetter gehen sollte, frage ich Silvia, ob sie es für ein Risiko hält, den Weg morgen zu gehen. Sie schaut mich groß an und sagt: „Nein, überhaupt nicht. Du kannst die Hospitales-Route immer gehen!“ Was dann folgt, ist ein großes Plädoyer für den Glauben in die eigenen Stärken und dass man sich nicht so sehr abhängig machen soll von diesen und jenen Informationen. Ich bin sehr beeindruckt von ihrer Rede. Sie macht sehr viel Mut. Auf diese Art und Weise seelisch und körperlich gestärkt, geht es ins Bett.
Der nächste Morgen ist noch nebelverhangen, als wir uns alle gemeinsam nach einem kurzen Frühstück – mein Müslivorrat ist schon merklich geschrumpft – auf den Weg machen. Der Aufstieg auf den Bergkamm ist nicht schwer im alpinen Sinn – es gibt keine ausgesetzten Wege oder gar Kletterstellen -, aber vor allem im oberen Drittel äußerst steil und mit viel Geröll ausgestatt. Oben auf dem Kamm, der vom Nebel wie von einer grauen Masse überspült wird, erwartet mich eine Graslandschaft mit knorpeligen, vereinzelt stehenden Bäumen, die vom Wind geformt wurden und … Wildpferden! Eine Gruppe von vielleicht 30 Tieren steht in 100 Metern Abstand, die aber kaum Notiz von den Menschen nehmen, die an ihnen vorbei in dieser kargen und surrealen Landschaft ihren Weg nehmen. Mehr als zwei Stunden zieht sich der Weg über den Kamm. Kurz vor dem Abstieg beginnt sich der Nebel aufzulösen. Ein Rastplatz mit Bänken und Tischen kommt in Sicht und ich finde, das ist eine gute Gelegenheit, um meinen Kocher einzusetzen. In der Wartezeit ziehe ich alles an, um mich im starken Wind hier oben vor der Auskühlung zu schützen: Fleece, Daunenweste, Regenjacke als Windbreaker. Das Essen kommt genau richtig.
Kommentar schreiben