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Reisebericht: Pilgern auf dem Camino Primitivo

Reisebericht: Pilgern auf dem Camino Primitivo

Der Camino Primitivo ist ein Fernwanderweg im Nordwesten Spaniens und der älteste Teil des Netzwerkes der „Jakobswege“. Über 330 Kilometer verbindet er
die Hauptstadt der Provinz Asturien, Oviedo, mit der Hauptstadt der Provinz Galicien, Santiago de Compostela. Auf den zwölf bis vierzehn Tagesetappen sind dabei vor allem am Anfang zwischen 600 und 1200 Höhenmeter pro Tag zu überwinden. Der Weg führ durch die westlichen Ausläufer des Kantabrischen Gebirges bis auf Höhen von 1300 Meter über N.N. Circa 50 Kilometer vor dem Ziel geht der Camino Primitivo in ein gemäßigteres Terrain über.

Zum ersten Mal begangen wurde der Camino Primitivo durch den asturischen König Alfons II. im Jahre 830. Am Ende dieser Pilgerfahrt bescheinigte der König einem unbekannten Grab, dass dort der Apostel Jakobus der Ältere liege. Damit begründete er eine religiös-spirituelle Bewegung, die ihre Anziehungskraft bis heute nicht verloren hat und Jahr für Jahr mehrere hunderttausend Menschen anzieht. Der Camino Primitivo ist dabei eine der am wenigsten begangenen Routen. Er gilt mit Abstand als landschaftlich schönste und körperlich herausforderndste Variante, die durch eine hauptsächlich nur dünn besiedelte, sehr ursprüngliche Kulturlandschaft führt, die der Mensch seit der Bronzezeit geprägt hat.

Voller Vorfreude sitze ich im Flugzeug und denke daran, wie ich im vergangenen Jahr versucht habe, den Camino Frances, die viel bekanntere Variante des Camino, zu gehen. Ich musste diesen Versuch nach acht Tagen aufgeben, da ich von Bettwanzen gestochen wurde, die Stichkanäle sich mit Streptokokken entzündeten und ich einen ausgewachsenen Wundbrand im rechten Bein bekam. Vollgepumpt mit Paracetamol trat ich damals die unfreiwillige Heimreise an, die mich schnurstracks in das Uniklinikum Leipzig führte, wo ich eine Woche lang mit Penicillin behandelt wurde. Keine schöne Erinnerung …

Diesmal möchte ich am Ziel ankommen. Meine Ausrüstung habe ich konsequent auf Leichtigkeit optimiert: Mein Rucksack wiegt um die acht Kilogramm, inklusive 2,5 Liter Wasser und Essen. Essen? Ja, ich musste im letzten Jahr feststellen, daß die Spanier fast nur süßes Frühstück anbieten – Marmelade, Butter und nährstoffarmes Weißbrot. Keine gute Grundlage für den Start in den Tag. Also habe ich eine ganze Packung meines Lieblingsmüslis eingepackt, mit dem ich bei Bedarf mein Frühstück aufpeppen möchte. Dazu kommen fünf Tüten Trekking-Food, ein ultraleichter Gaskocher und ein Titanbecher/ -Topf mit 750 ml Fassungsvermögen. Für die Etappen, auf denen keine Verpflegungsmöglichkeit unterwegs besteht, bin ich also vorbereitet.

Nach den passenden Schuhen habe ich lange gesucht und nach einigen Fehlschlägen habe ich mich für Barfußwanderschuhe von Vivobarefoot entschieden. Das geringe Gewicht und der Komfort der Füße im Schuh haben mich beeindruckt. Ob diese Entscheidung die richtige war, sollte sich noch herausstellen.

Ich lande pünktlich auf dem Flughafen von Oviedo, der direkt am Meer liegt. Das Wetter war in den letzten Tagen sehr regnerisch und auch heute ist der Himmel bewölkt bei 16 Grad. Die Vorhersage sieht für die nächsten Tage jedoch vielversprechend aus. Milde, aber keine heißen Temperaturen und kein Regen. Ideal fürs Wandern. Weiter geht es mit dem Bus nach Oviedo. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde und endet am Busbahnhof der Stadt. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg zu meiner vorreservierten Herberge, die direkt neben der Kathedrale der Stadt liegt und damit am ursprünglichen Ausgangspunkt des Camino Primitivo. Zu meinem Erschrecken besteht mein Quartier aus einem zwölf Quadratmeter kleinem Raum mit vier Doppelstockbetten, keiner Lüftungsmöglichkeit und einer quitschenden Tür. Jetzt noch was Neues suchen? Nein. Ich bleibe hier, versorge mich mit etwas frischem Obst fürs Frühstück und versuche dann, Ruhe und Schlaf in meinem Bett zu finden, was nur schlecht gelingt, da zur stickigen Luft die Schnarchgeräusche meines „Untermieters“ kommen, die selbst meine Silikonohrstöpsel mit Leichtigkeit durchdringen.
Am nächsten Morgen breche ich nach einem kurzen Frühstück – Müsli mit Obst – auf und begebe mich auf die erste Etappe des Wegs. Gekennzeichnet ist er durch steinerne Wegweiser, die das Symbol des Jakobsweges, die Jakobsmuschel, gelb auf blauen Grund zeigen, oder durch schlichte, gelbe Pfeile an Hauswänden, Steinen, Holzpfählen, Laternen … Sehr schnell verlasse ich die Innenstadt und die Außenbezirke von Oviedo und finde mich in der zwar bewirtschafteten, aber trotzdem ursprünglich anmutenden Berglandschaft Asturiens wieder. Mit der Ausnahme von Apfelanbau wird hier ausschließlich extensive Weidewirtschaft betrieben. Der Weg führt über schmale Pfade und Wirtschaftswege durch bunt blühende Wiesen, die von niedrigen Steinmauern begrenzt werden. Am Horizont sieht man die Gipfel des Kantabrischen Gebirges. Kein schlechter Ausblick. Für die ersten drei Tage habe ich moderate Etappen mit etwas über 20 Kilometern geplant, dann einen Erholungstag mit 15 Kilometern. Auf diesen wird die Königsetappe des Camino Primitivo folgen, die „Ruota de Hospitales“ mit 30 Kilometern Länge und 1200 Höhenmetern im Anstieg, die über einen Höhenkamm führt und wo zwischen Start- und Endpunkt keine Infrastruktur zur Verpflegung existiert. Aber noch ist es nicht soweit und ich versuche, einen Gehrythmus zu finden. Meine Trekkingstöcke habe ich zu Hause gelassen, einerseits, um Gewicht zu sparen, aber andererseits auch, weil ich mich irgendwie durch sie behindert fühle und unfrei. Ich bereue meine Entscheidung nicht.

Mit mir befinden sich noch einige andere Wanderer und Pilger auf dem Trail. Menschen aus Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, USA, Australien, England, Irland, China, Japan, Südkorea und natürlich Spanien. Die Stimmung ist ausgelassen, freundlich, aber auch konzentriert. Man merkt, dass dies nicht nur Spaziergänger sind, die zum ersten Mal eine Fernwanderung unternehmen. Zum Beispiel Alain, 63, aus Frankreich. Er trägt Kompressionsstulpen an den Waden, was ihn für mich irgendwie als erfahrenen Fernwanderer kennzeichnet. Und tatsächlich erfahre ich von ihm, dass er regelmäßig die Weitwanderwege Europas begeht. Letztes Jahr hat er die kompletten 100 Etappen des Franzikusweges von Frankreich nach Rom gemeistert. Von einigen anderen höre ich, dass es ihr vierter, fünfter, sogar elfter Camino ist. Es ist eine der „Stärken“ dieses Weges, dass man hier eine besondere Form von Community erlebt, die bestimmt ist durch die Vielfalt der Nationen und den individuellen Geschichten derjenigen, die diesen Weg gehen. Den Grad des Kontaktes zu anderen kann man aber immer selbst bestimmen. Niemand ist dazu gezwungen mit anderen Konversation zu betreiben.

In den ersten drei Tagen genieße ich die traumhaft schöne Landschaft, die immer wieder mit neuen Überraschungen aufwartet. Sei es der Perspektivwechsel hinter der nächsten Kurve, die Quelle, die aus dem Berg sprudelt – und aus der man bedenkenlos trinken kann – die dicht bewachsenen Wälder, durch die das Licht sich Bahn bricht, ein mehrere Meter hoher Wasserfall neben dem Weg, die vielen Hohlwege – ich liebe Hohlwege! Es könnte fast ein sorgenfreier Spaziergang sein. Fast? Ja …

Meine Barfußschuhe sind auf weichem Boden unschlagbar, sobald es jedoch auf Asphalt oder Felsen geht, spüre ich jedes Steinchen und jede Härte durch die dünnen Sohlen. Nach spätestens 20 km mahnen mich meine Füße, die Strecke für heute zu beenden und es wird anstrengend, wenn es noch weitergeht. Blasen habe ich keine, aber die Fußsohlen brauchen dann unbedingt Erholung.
In Tineo, dem Ende der dritten Etappe, fällt mir ein, dass ich noch gar keine Gaskartusche für meinen Kocher habe. Ich recherchiere im Internet, wo man in Spanien am besten Gaskartuschen kauft und lese mit Erschrecken, dass in Spanien Klickkartuschen üblich sind. Mein Kocher hat aber einen Schraubanschluss. Was tun? Etwas ratlos durchstreife ich den sehr kleinen Ort und sehe plötzlich einen asiatischen Gemischtwarenladen. Ich versuche mein Glück und tatsächlich finde ich in den endlosen Regalen dieses Ladens Schraubkartuschen. Ich bin happy!

Am vierten Tag dann die kurze Etappe zur Erholung bis kurz vor den Einstieg in die „Hospitales-Route“. Ich breche wie immer morgens 7 Uhr auf und es geht gleich steil einen Wirtschaftsweg am Waldrand entlang durch den Frühnebel, der hier besonders dick ist. Zwei Stunden später blicke ich auf den Nebel im Tal, über mir der strahlende Sonnenschein, um mich herum sattes Grün.
Die Herberge, die ich mir für heute ausgesucht habe, ist eine sehr kleine Unterkunft, in der nur zehn Personen Platz finden. Und sie ist eine sogenannte Donativo, ein Herberge ohne feste Preise auf Spendenbasis. Diese sind selten geworden, da dieses Spendensystem in den letzten Jahren vermehrt missbraucht wurde. Am Tor des alten Bauernhofes begrüßt mich Silvia, die Hospitalera, die Herbergsmutter. Sie ist Italienerin, 64, hat den Camino in fast allen Varianten begangen und man merkt an ihrem Habitus und der liebevoll eingerichteten Herberge, dass ihr das Wohl der Wanderer und Pilger eine Herzensangelegenheit ist. Die Herberge ist voll belegt mit Pilgern aus Mexiko, Slowenien, Australien, Deutschland, Italien und England. Am vollbesetzten Esstisch der Herberge tauschen wir uns aus über das Erlebte der letzten Tage und warten gespannt darauf, was uns Silvia als „Community-Dinner“, als gemeinschatliches Abendessen, servieren wird. Es ist früher Abend und draußen zieht ein ganz besonderes Wetterphänomen dieser Gegend auf: Nebel, der so dick und dicht ist, dass er sich an allem niederschlägt und dicke Tropfen bildet. Er wird sich über Nacht halten bis in den Morgen hinein.
Silvia überrascht uns mit den besten Bruschetta, die ich je in meinem Leben gegessen habe und einem nicht weniger gut schmeckendem Linsengericht.

Da ich viel darüber gelesen habe, dass man die Hospitales-Route nicht bei schlechtem Wetter gehen sollte, frage ich Silvia, ob sie es für ein Risiko hält, den Weg morgen zu gehen. Sie schaut mich groß an und sagt: „Nein, überhaupt nicht. Du kannst die Hospitales-Route immer gehen!“ Was dann folgt, ist ein großes Plädoyer für den Glauben in die eigenen Stärken und dass man sich nicht so sehr abhängig machen soll von diesen und jenen Informationen. Ich bin sehr beeindruckt von ihrer Rede. Sie macht sehr viel Mut. Auf diese Art und Weise seelisch und körperlich gestärkt, geht es ins Bett.

Der nächste Morgen ist noch nebelverhangen, als wir uns alle gemeinsam nach einem kurzen Frühstück – mein Müslivorrat ist schon merklich geschrumpft – auf den Weg machen. Der Aufstieg auf den Bergkamm ist nicht schwer im alpinen Sinn – es gibt keine ausgesetzten Wege oder gar Kletterstellen -, aber vor allem im oberen Drittel äußerst steil und mit viel Geröll ausgestatt. Oben auf dem Kamm, der vom Nebel wie von einer grauen Masse überspült wird, erwartet mich eine Graslandschaft mit knorpeligen, vereinzelt stehenden Bäumen, die vom Wind geformt wurden und … Wildpferden! Eine Gruppe von vielleicht 30 Tieren steht in 100 Metern Abstand, die aber kaum Notiz von den Menschen nehmen, die an ihnen vorbei in dieser kargen und surrealen Landschaft ihren Weg nehmen. Mehr als zwei Stunden zieht sich der Weg über den Kamm. Kurz vor dem Abstieg beginnt sich der Nebel aufzulösen. Ein Rastplatz mit Bänken und Tischen kommt in Sicht und ich finde, das ist eine gute Gelegenheit, um meinen Kocher einzusetzen. In der Wartezeit ziehe ich alles an, um mich im starken Wind hier oben vor der Auskühlung zu schützen: Fleece, Daunenweste, Regenjacke als Windbreaker. Das Essen kommt genau richtig.

Derart gestärkt nehme ich den Abstieg vom Kamm unter meine Füße, der wieder mit sehr viel rundgeschliffenem Geröll ausgestattet ist. Meine Fußsohlen freut es nicht sonderlich, aber die Pause hatte ich ja gerade erst. So geht es weiter über noch einen kleinen Kamm, bis nach 25 km die erste Ortschaft in Sicht kommt, Berducedo. Viele beenden ihre Etappe hier. Ich jedoch gönne mir hier nur ein alkoholfreies, dunkles Bier, ein „Tostado zero zero“. Im fünf Kilometer weiter entfernten La Mesa existiert eine relativ neue und sehr gut bewertete, große und private Herberge, in der ich reserviert habe – und ich werde nicht enttäuscht. Glücklich und geschafft beende ich meine heutige Etappe und gönne mir im Restaurant ein dreigängiges Menü, nachdem ich, wie fast jeden Tag, meine Wäsche per Hand gewaschen habe. Zufrieden hülle ich mich in meinen Schlafsack.

Unter den Pilgern und Wanderern auf dem Camino gibt es folgenden Spruch: „Der Camino gibt dir das, was du brauchst, nicht, was du willst.“ Am zehnten Tag meiner Reise beschert mir der Camino einen ungeplanten Ruhetag in Lugo, der ersten größeren Stadt auf dieser Strecke. Seit drei Tagen sind die Temperaturen merklich gestiegen, in der Herberge der letzten Nacht stand die heiße Luft im Zimmer, dazu kam eine knüppelharte Matratze. Insgesamt habe ich vielleicht drei Stunden geschlafen und nur mit Hilfe meiner Camino-Playlist in Spotify die etwas mehr als dreißig Kilometer nach Lugo abgerissen. Meine Füße zeigen mir den Mittelfinger und so beschließe ich, einen Tag Pause zu machen. Allerdings lohnt sich das auch. Die Stadt Lugo wurde 14 v. Chr. auf Befehl des römischen Kaisers Augustus gegründet. Die Altstadt ist von einer zwanzig Meter hohen und acht Meter breiten Mauer aus dem 3. Jh. vollständig umschlossen. Auf dieser Mauer kann man spazieren gehen und hat einen wunderbaren Blick über die gesamte Stadt. Dass die Lugeser stolz auf ihr römisches Erbe sind, merkt man an jeder Ecke. Paradox, wenn man bedenkt, dass die Kultur dieser Region keltischen Ursprungs ist und ja bekanntlich die Römer und die Kelten miteinander im Clinch lagen.

Im hiesigen Intersport kaufe ich mir ein Paar Trekkingsandalen und hoffe, dass sich mit diesen der Zustand meiner Füße etwas bessern wird. Meine Tourenplanung ist jedoch durch den nicht geplanten Ruhetag vollkommen über den Haufen geworfen. Meinen Rückflug habe ich vorab gebucht und mir wird etwas schwindlig, wenn ich die Tageskilometer ausrechne, die ich gehen muss, um Santiago pünktlich zu erreichen. Habe ich mir mit meiner Planung ein zu enges Korsett geschnürt?
Mit diesen und ähnlichen Gedanken starte ich am nächsten Morgen die bis dahin längste Tagesetappe mit 33 Kilometern. Der Charakter der Landschaft ändert sich, sie wird etwas flacher, es gibt keine steilen Rampen mehr, die mich noch in den letzten Tag einiges an Kraft gekostet haben. Das macht Mut! Auch das Wetter ist wieder etwas kühler geworden. Meine Füße halten durch und ich erreiche am späten Nachmittag mein Etappenziel As Seixas. Noch 66 Kilometer nach Santiago. Die müsste ich nach meinem selbstgesteckten Plan in den nächsten zwei Tagen hinter mich bringen. Anstrengend, aber machbar.
Nur leider merke ich am nächsten Tag, dass die Erholung meiner Füße nicht von langer Dauer war. Jeder Schritt schmerzt an den Fußsohlen, egal ob in den Sandalen oder meinen Schuhen und so schaffe ich es aus eigener Kraft nur noch bis Melide, wo sich der Camino Primitivo mit seinem großen Bruder, dem Camino Frances, vereinigt. Hier entscheide ich mich dafür, das letzte Stück nach Santiago mit dem Bus zu fahren. Für manche ein No-Go, aber in diesem Fall gebe ich der Vernunft den Vorzug. Ich habe in den letzten zwölf Tagen alles gegeben und muss mich nicht dafür schämen, dass die Umstände so sind, wie sie sind.
Und so erreiche ich Santiago de Compostela zwar anders als geplant, aber nicht weniger glücklich. Auf dem Platz vor der Jakobuskathedrale, dem Endpunkt dieser Reise, herrscht ein beständiges Kommen von Pilgern, die ihre Rucksäcke in die Luft werfen und sich dann erschöpft auf das Pflaster legen und tief durchatmen. Ich treffe viele wieder, die mich auf diesem Weg für eine kurze oder auch längere Strecke begleitet haben. Wir tauschen uns aus, lachen und beschließen, den letzten Abend bei gutem Essen und Wein zu verbringen. Für mich ein passender Abschluss.

Mein Fazit: Wer im Frühjahr eine kleine Fernwanderung durch eine wunderschöne, ursprüngliche Landschaft unternehmen möchte, mit dem Bonus einer kommunikativen und sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft Gleichgesinnter, ist auf dem Camino Primitivo bestens aufgehoben.

Der gesamte Camino Primitivo kann als ein Hütten- oder Herbergstrekking absolviert werden. In jedem größeren Ort gibt es eine kommunale Herberge (Albuerge Municipal), die dem Wanderer einen Platz im Doppelstockbett im Schlafsaal zum Preis von 8 bis 10,- € offeriert. Fast immer gibt es eine Küche mit Herd, einen Kühlschrank und eine Mikrowelle zur Selbstverpflegung. Voraussetzung zur Benutzung ist der Besitz eines Pilgerausweises („Credencial del peregrino“). Dies ist ein Stempelheft, das zum Nachweis der gelaufenen Strecke dient und am Ende des Weges im Pilgerbüro in Santiago de Compostela benötigt wird, um seine Pilgerurkunde in Empfang zu nehmen, sofern man dies möchte. Diesen Pilgerausweis erhält man in den Pilgerbüros der großen Städte oder vorab über diverse Jakobusgesellschaften in Deutschland. Stempeln kann man in jeder Herberge sowie in den meisten Cafés und Bars. Mitunter sind diese Stempel wahre grafische Kunstwerke, die Herberge in Grado hat sogar ein dickes Siegel mit Wachs …

Alternativ gibt es, selbst in den kleinsten Ortschaften, private Hostels. Diese bieten ebenfalls Plätze in Doppelstockbetten, Küchen zur Selbstverpflegung oder ein einfaches Drei-Gänge-Menü zum Abend und ein – fast immer süßes – Frühstück. Die Übernachtung kostet hier ca. 20,- €, das Abendessen 15 bis 18,- € und das Frühstück 6,- €.

Mittlerweile hat sich die Praxis etabliert, die privaten Herbergen einige Tage im Voraus zu buchen. Kommunale Herbergen können nicht vorgebucht werden.

Beste Reisezeit

Mitte Mai bis Mitte Juli und September bis Mitte Oktober

Anreise

Flug mit Lufthansa von Frankfurt nach Flughafen Oviedo (Asturias) und zurück je 2 h, Bus nach Oviedo alle 30 Minuten.
Bustransfer von Santiago de Compostela zurück zum Flughafen mit Fernbus.

Fortbewegung vor Ort

Das Busnetz innerhalb Spaniens ist vorbildlich ausgebaut und verbindet auch kleinere Ortschaften. Der größte Anbieter heißt „alsa“ und wenn man die App von alsa auf ein deutsches Mobiltelefon installiert, ist diese sogar auf Deutsch und die Suche nach Verbindungen sehr leicht. Begehrte Fernverbindungen wie die Fahrt von Santiago zurück zum Flughafen Asturias sollte man vorbuchen.
Befindet man sich in sehr kleinen Orten ohne Busanbindung, hat man immer noch die Option auf Taxiunternehmen, die meist ihre Visitenkarten in den Herbergen hinterlegen. Eine gute Orientierung über mögliche Verbindungen hatte ich immer über „rome2rio“, auch wenn die Abfahrtszeiten nicht immer gestimmt haben.

Geld

Kartenzahlung ist gern gesehen und fast überall möglich. Aber eben auch nur fast. Manche Herbergen verlangen Bargeld und es ist deswegen ratsam, 200 bis 300,- € in bar mitzuführen. Geldautomaten gibt es in Oviedo, Tineo, Lugo, Melide und Santiago de Compostela.
Das Preisniveau im Supermarkt entspricht ungefähr dem deutschen. Milchprodukte, Obst und Gemüse sind etwas teurer. Die Preise in den Restaurants sind im Vergleich zu Deutschland günstiger, das Pilgermenü mit drei Gängen inkl. Wein, das vielerorts für 15 – 18,- € angeboten wird, zeugt davon. Wer konsequent als Selbstversorger in den kommunalen Herbergen schläft, kommt mit 20,- € pro Tag aus. Ein Einzelzimmer in einer Pension kostet ca. 40 – 50,- €.

Sprache

Englisch ist unter den Spaniern nicht sehr weit verbreitet und man kann sich damit nur bedingt verständlich machen. Ein paar Redewendungen in spanischer Sprache sind deswegen sehr hilfreich und wenn das Gegenüber merkt, dass man sich etwas Mühe gibt und an Sprache und Kultur interessiert ist, hat man den Status des „Touristen“ überwunden und wird sehr herzlich behandelt.

Recherche vorab

Informationsquellen waren für mich hauptsächlich gronze.com sowie das deutsche Pilgerforum daspilgerforum.de sowie diverse Kollektionen auf komoot mit Streckenvarianten.

  • Ohropax! Wer die vergisst, wird in den Herbergen keinen guten Schlaf haben. Der Profi geht sogar noch weiter und schirmt sich auch optisch ab: Man belegt das untere Bett in der Doppelstockkoje und hängt dann dünne und leichte Seidentücher so in das obere Bettgestell, dass man sein eigenes „Abteil“ hat.
  • Sehr glücklich war ich über das kleine Fläschchen Olivenöl und meinen kleinen Salzstreuer, die zusammen mit etwas Weißbrot über Heißhungerattacken hinweggeholfen haben.
  • Sehr hilfreich waren auch kleine Portionspäckchen mit Elektrolytlösung. Man verliert eben nicht nur Wasser durchs Schwitzen, sondern auch Salze, die damit sehr leicht ersetzt werden können.
  • Meinen Göffel hab ich auch fast täglich benutzt.
  • Super praktisch war ebenso mein faltbares Sitzkissen: So konnte ich überall Rast machen, ohne erst nach Feuchtigkeit schauen zu müssen.
  • Vermisst habe ich gute Schuhe, mit denen ich die Belastung durch die mehr als 20 Kilometer täglich gut hätte aushalten können. Hier heißt es: testen, testen, testen, auch mit Gewicht und nicht nur auf dem Spaziergang. Mehr als die Hälfte meiner Mitwanderer waren mit Trailrunnern unterwegs und diese sind für diesen Weg auch vollkommen ausreichend.

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