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Teaserbild: 24 x 16 km russische Historie: Kloster und Gulag

24 x 16 km russische Historie: Kloster und Gulag

24 x 16 km russische Historie: Kloster und GulagSeptember 2002: Nach einigen Tagen Sankt Petersburg (völlig unrussisch, aber trotzdem sensationell!) flogen wir nach Archangelsk und von dort auf die Solovetzki-Inseln. Wir blieben 10 Tage und kämpften uns dann mit einem kleinen Kahn durch`s raue Weisse Meer nach Kem (immer nahe an der Seekrankheit!). Von Belomorsk aus befuhren wir dann zwei Tage lang den Weißmeer-Ostsee-Kanal bis nach Povenez, wo der Kanal über sechs Doppelschleusen ca. 120 Höhenmeter in der Onegasee „absteigt“. Von dort ging es in mehreren Etappen mit Bus und Zug nach Petersburg zurück.

Warum SOLOVETZKI-INSELN

Zufall. Wir wollten eigentlich auf einer Karelien-Tour das Kloster Valaam im Ladoga-See besuchen. Bei der Recherche im web hat dann irgendeine Suchmaschine die Solovetzki-Inseln zutage gefördert. Von den krassen Gegensätzen, die die Inseln im Weissen Meer prägen, ging eine Faszination aus, der wir uns nicht entziehen konnten: Landschaftliche Schönheit und jahrhundertealte progressive Tradition des Klosters auf der einen und Gulag und Vernichtung aller Werte auf der anderen Seite. Wer nur ein wenig vorinformiert und bereit ist, Spuren auch zu suchen, der kann diese Spannung auf den Inseln wirklich unmittelbar erleben.

Der Axtberg: Leuchtturm, Karzer, Kirche, HinrichtungsortProvisorische Ikonostase auf AnserPilzefinden mit Traktor: Sergej(ganz links) und Nastja(rechts)

Was Sie schon immer über die SOLOVETZKI-INSELN wissen wollten…

Wie denn nun: Solovetzki oder Solovki ?
Keine Ahnung. Offiziell „Solovetzkije Ostrowa“, also „Solovetzki-Inseln“ (in deutschen Veröffentlichungen sieht man auch die Schreibweisen „Solowezki“ und „Solowecki“). Gebräuchlicher ist aber „Solovki“. Es spricht sich einfach besser…

Und da kann man einfach so ohne Reisegruppe hinfahren?
Obwohl uns bewußt ist, das in Rußland Individaultourismus keine Tradition hat, waren wir doch erstaunt, diese Frage auch immer wieder von Russen zu hören. Scheinbar wissen selbst viele von ihnen noch nicht, wie relativ frei man sich mittlerweile in ihrem Land bewegen kann. Zwar ist „Kundenfreundlichkeit“ nicht gerade eine Erfindung der russischen Schalterbediensteten, aber wenn ich ein Bahnticket oder ein Hotelzimmer will, kann ich auch in Rußland als einzelner West-Touri ganz normal und mit hoher Erfolgswahrschein-lichkeit zum Fahrkartenschalter oder zur Hotelrezeption gehen.

Der beste Ort für eine Kapelle: Solovki-Airport, rechts der Der Axtberg: Leuchtturm, Karzer, Kirche, HinrichtungsortProvisorische Ikonostase auf Anser

Brauche ich auf den Solovki ein Zelt?
Nein, aber es erhöht die Erlebnismöglichkeiten. Solovki hat auf 1000 Einwohner 4 Hotels und etliche Pivatquartiere. Betten-Engpässe dürfte es zeitweise im Juli/August geben, dann empfiehlt sich Reservierung (direkt in den Hotels). Rechnen Sie mit erheblich höheren Preisen als im Lonely Planet angegeben. Rechnen Sie nicht mit Toilette und Dusche im Zimmer. Die gibt`s für einige Zimmer zusammen auf dem Korridor.

Reservierung? Machen da wirklich so viele Leute Urlaub?
Na ja, nicht im klassischen Sinn: Die meisten Solovki-Besucher sind russische Pilger. Seit Anfang der 90er Jahre leben und arbeiten wieder Mönche im Kloster auf der Hauptinsel und Solovki ist auf dem besten Weg wieder das zu werden, was es über Jahrhunderte war: eines der wichtigsten Zentren der Russisch-Orthodoxen Kirche.

Kann auch der normale Touri an Gottesdiensten teilnehmen?
Wer seinen Eintritt bezahlt hat, kann sich im Kloster frei bewegen. Schilder oder verschlossene Türen markieren die „verbotenen“ Bereiche. Nach der jahrzehntelangen „Fremdnutzung“ sind aber erst zwei Kirchen zumindest von innen wieder so restauriert, dass sie die alte Pracht wiedergeben. Wir mußten den Gottesdienst in einer dieser Kirchen vorzeitig verlassen: aus Konditionsschwäche! Im Gegensatz zu den oftmals betagten Pilgerinnen und Pilgern konnten wir nach vier Stunden einfach nicht länger stehen… Das Dauerstehen während des Gottesdienstes schien uns bereits als eine Art Buße gedacht. Zuvor waren wir von unserer „Nachbarin“ einfach an die Hand genommen worden, damit wir zur rechten Zeit immer am rechten Fleck standen.

Erst zwei Kirchen restauriert? Und sonst? Ruinen?
Der Erhaltungszustand der zahlreichen Kirchen und Klöster auf den Inseln ist unterschiedlich – aber es gibt kein Haus, das nicht restaurierungsbedürftig wäre. Teilweise sind es wirklich schon Ruinen, teilweise fehlt auch „nur“ die kirchliche Innenausstattung. Viele Gebäude sind (oft wegen Baufälligkeit) nicht zugänglich. Völlig verkehrt wäre es, sich auf die grafischen Darstellungen der Bauten zu verlassen, die auf der unten empfohlenen Solovki-Karte abgebildet sind: Das sind entweder Bilder aus der Vergangenheit oder aus einer fernen Zukunft nach der Restaurierung. Die Aufgabe des Wiederaufbaus ist gigantisch, aber es gibt Zeichen der Hoffnung: Pilger helfen mit Arbeitsstunden und „Neue Russen“ mit Spenden aus ihrem, teilweise gigantischen, Vermögen.

Wohin muß man gehen, wenn man Spuren des Gulags finden will?
Zuallererst in`s Museum, dass sich im Kloster befindet. Es ist eines der wenigen russischen Museen, die sich schon kritisch mit (zumindest diesem Teil) der Sowjetzeit auseinandersetzen. Obwohl der Westbesucher eine englische Übersetzung der Kommentare manchmal heftig vermißt, vermittelt die Darstellung viel vom Gegensatz zwischen der damaligen russischen Propaganda und der Wirklichkeit im Lager. Außerhalb des Museums gibt es in der Siedlung, auf dem ehemaligen Hinrichtungsplatz, einen Gedenkstein. Ansonsten keine weiteren offiziellen Hinweise auf die allgegenwärtigen Spuren: Das Café (hervorragende selbstgemachte Beljaschi und eine immer freundliche Kellnerin Lena!)eine ehemalige Lagerbaracke in unmittelbarer Nähe der früheren Lagerkommandantur. Die Treppe vom Axtberg hinunter: Restauriert mit Hilfe einer norwegischen Firma – auf der Tafel, die darüber Auskunft gibt, kein Hinweis auf den von Solschenizyn beschriebenen Treppensturz der Häftlinge. Das Gefängnisgebäude auf dem Gelände der Bungalowsiedlung der Touristen-Agentur „Solovki-Tour“: Eine unbeachtete Ruine. Am meisten beeindruckt hat uns aber ein Gespräch mit einem Mönch in der Kirche des Sviato-Troitzky-Klosters auf der Insel Anser. Er wies uns auf Löcher in der Kirchenwand hin, die in der Lagerzeit die Balken für zwei zusätzliche Zwischendecken trugen, damit die Kirche – buchstäblich bis unter die Decke – vollgestopft werden konnte mit Gulag-Häftlingen. Nun bemüht sich eine Handvoll Mönche, die zerstörte Kirche wieder herzurichten – und tatsächlich finden vor der mit einem Tuch und zwei gedruckten Ikonen improvisierten Ikonostase wieder Gottesdienste statt.

Und wenn mich Kirchen, Klöster und Gulag nicht interessieren?
Wer nördliche Landschaft mag, kommt voll auf seine Kosten: Seen und Wälder wechseln sich ab mit Tundra und Gegenden, die fast wie angelegte Steingärten wirken. Das Licht ist teilweise magisch! Allein die Hauptinsel soll etwa 400 Seen und Teiche haben, von denen einige von den Mönchen durch Kanäle miteinander verbunden wurden und dadurch auch Paddeltouren ermöglichen. Im Hotel „Prijut“ kann man Fahrräder zur Erkundung der Insel ausleihen. Über einen von Mönchen errichteten Damm kommt man mit den Rädern auch auf das seit Jahren unbewohnten Muksalma und kann dort Tage in totaler Einsamkeit verbringen. Das wird ansonsten schwer, denn die russische Gastfreundschaft funktioniert auch auf den schon stark vom Tourismus geprägten Inseln noch wunderbar – dem Kennenlernen folgt garantiert bald die Einladung. Dort lernt man dann die Nachbarn kennen…

Sind die Solovetzki-Inseln ein Tekking-Ziel?
Dafür sind sie wirklich zu klein, aber für einen Zelturlaub mit etlichen Ortswechseln sind sie trotzdem gut. Wer Zelten will, braucht eine Genehmigung von der örtlichen Wald-Verwaltung, die ihren Sitz in der Hauptsiedlung hat. Unsere Erfahrungen mit der russischen Bürokratie ließen uns nichts Gutes erwarten – doch weit gefehlt! Der Vorsitzende (der wie viele andere Russen in der ehemaligen DDR seinen Wehrdienst abgeleistet hatte) erwies sich als freundlicher Mann, der uns nicht nur die besten Zeltstellen auf der Karte markierte, sondern uns auch noch verriet, wo wir für unseren Kocher auf der tankstellenlosen Insel am besten das Benzin(!) herbekämen. Na ja, er wollte halt verhindern, dass wir ein Lagerfeuer machen. Wir zahlten pro Nacht und Nase 12 Rubel für die Genehmigung – was etwa 40 Cent entspricht. Natürlich wollte das Papier nie irgend jemand sehen, aber wir hatten ein Erlebnis mehr und haben ruhiger geschlafen.

Ist ein Urlaub dort teuer?
Die Übernachtungen in den Hotels sind für russische Verhältnisse schon recht teuer (natürlich Ausländerpreise!). Dabei bekommt man im „Prijut“ und im „Solo“ noch eine akzeptable Gegenleistung, anders als im „Petersburgskaja“, das sich im Gebäude des Exkursionsbüros befindet. In den mittlerweile zahlreichen Lebensmittelläden sind die Preise etwas höher als auf dem Festland, aber man bekommt alles Nötige zu für uns eher freundlichen Preisen. Das absolute Schnäppchenparadies war das schon erwähnte Café: freundliche Bedienung, leckeres russiches Essen und super-preiswert! Das bleibt garantiert nicht mehr lange so.

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