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Aber das ist doch alles ziemlich sicher! Oder?

Der DAV Leipzig war im Frühjahr mit der Frage an uns herangetreten, ob wir nicht für ihr Mitteilungsheft mit dem Schwerpunkt Klettern etwas schreiben könnten. Ein Thema war schnell gefunden, endete die Kletterhallensaison im April doch mit einer hitzigen, teil sehr kontrovers geführten Diskussion zum Einsatz von Tubern als Sicherungsgerät. Nachdem eine DAV-geführte Kletterhalle in Hessen als Konsequenz aus einem Unfall, resultierend aus einem Sicherungsfehler, den Tuber in ihrer Halle komplett verboten hatte, schlugen die Wellen extrem hoch. So waren wir auf der Messe in Friedrichshafen extrem gespannt, ob sich erste Konsequenzen auch schon für die kommende Saison (Frühjahr/Sommer 2016) ergeben würden. Zumal ja auch der DAV bereits 2014 eine Unfallstatistik für Kletterhallen veröffentlicht hatte, bei der die Mehrzahl aller Unfälle auf Bedienfehler mit dem Tuber zurückzuführen war.

Doch weit gefehlt: Nach den Neuerungen der Outdoor 2014 gab es in diesem Jahr in Friedrichshafen kaum Innovationen im Bereich der Sicherungsgeräte im Klettern. Okay, wir wissen natürlich, dass es einen besonderen Vorlauf braucht, dennoch haben wir Highlights im Bereich der Sicherungsgeräte vermisst. Deshalb wollen wir an dieser Stelle unseren Beitrag aus dem DAV-Heft, den wir nach Diskussionen im Kreis der kletternden tapire überarbeitet haben, noch einmal aufgreifen,  da sich wohl bis 2016 keine weitgreifenden Veränderungen im Bereich der Sicherungsgeräte ergeben werden.

Sicherungstechniken im Bergsport sind ein altes, heiß und kontrovers diskutiertes Thema. Begonnen hat es vor mehr als 150 Jahren mit Hanfseilen und Schultersicherung. Heute ist das Thema vor allem von Diskussionen zu sicheren, CE-geprüften Geräten, die das Sturzrisiko selbst bei Fehlbedienung minimieren, geprägt.

Dabei ist diese Diskussion um ein Verbot von Tubern an sich nicht neu. Der Kletterhallenverband KLEVER e.V. kündigte bereits für den 1. Januar 2015 an, dass mit dem Tuber nicht mehr geschult werden soll. Sie hatten für ihre Mitglieder, zu denen in Leipzig auch das No Limit und der Kletterturm Mockau gehören, in Auswertung der Unfallstatistik aus ihren Kletterhallen diese Konsequenz gezogen. Ihre Zahlen ähneln denen, die der DAV 2014 veröffentlicht hat. 56% aller Nutzer in den Kletterhallen verwenden einen Tuber, gefolgt vom GriGri mit 14% und dem Click-Up, den 9% nutzen. Smart (7%) und HMS (6%) ordnen sich dahinter ein. Die Tuber sind mit 65% am häufigsten an Seilkletterunfällen beteiligt. Die Empfehlung von KLEVER e.V. geht dahin, Halbautomaten und Autotubes einzusetzen, da diese eine höhere Sicherheitsreserve im Vergleich zu manuellen Sicherungsgeräten wie dem Tuber bieten.

Der KLEVER e.V. war nicht der erste, der eine Tuber-Diskussion angestoßen hat. Seit 2013 setzt sich das österreichische Magazin bergundsteigen immer wieder mit der Thematik auseinander. Der Beitrag „Sind Tuber noch akzeptabel?“ von Flo Hellberg und Chris Semmel (2014) hat in der Klettercommunity zu weit auseinandergehenden Reaktionen geführt.

Klettern hat sich stark verändert. Bis Ende der Neunziger Jahre war es noch vom Gedanken an individuelle Freiheit geprägt und die Szene voller teils krasser Individualisten. Klettern ist hingegen heute auf dem besten Weg dahin, eine Massensportart zu werden. Thomas Lammel hat es mal gut auf den Punkt gebracht: In Zeiten, in denen das Sicherheitsbedürfnis immer stärker unser Leben bestimmt, beginnen nun Menschen mit dem Klettern, die das Bewegen in der Vertikalen nicht mehr als Risikosport kennenlernen, wahrnehmen und verstehen. Die technische Sicherheit der Anlagen wird als ebenso selbstverständlich vorausgesetzt, wie das technische Versagen der sicherheitsrelevanten Ausrüstungsgegenstände (Seil, Gurt, Karabiner, Sicherungsgeräte) intuitiv ausgeschlossen wird.


Die jedem Sicherungsgerät beiliegende Beschreibung inklusive der Warnungen wie „Activities involving the use of this equipment are inhherently dangerous. Your are responsible for your own actions and decisions.“ oder „Before using this equipment, you must read and understand all instructions for use.“ werden oft gar nicht gelesen, weil die Geräte ausgeliehen werden. Spätestens nach der Einweisung durch einen subjektiv kompetenten Kletterfreund oder im Kurs sind doch alle Voraussetzungen für sicheres Klettern und Sichern gegeben.
Oder nicht?
Leider gibt es außerhalb der Kurse in den Kletterhallen viel zu wenige Kontrollen, wie gesichert wird. Einerseits haben die Verantwortlichen in den Kletterhallen oft so viel zu tun, dass keine Zeit bleibt, eingewiesenen Anfängern auch weiterhin auf die Finger zu schauen. Auf der anderen Seite kann man sich als Kletternder die Frage stellen: Wie oft sehen wir eigentlich weg, wenn jemand neben uns in der Halle 5 m von der Wand entfernt – vielleicht sogar noch sitzend! – sichert? Wer einmal auf einen Korrekturhinweis hin angemozt worden ist, der unterlässt es wahrscheinlich beim nächsten Mal.

Dabei erfordern die modernen, technisch immer ausgereifteren Sicherungsgeräte von ihren Nutzern hinsichtlich der Bedienung perfekte Kenntnisse – im Gegensatz zu Stichplatte, HMS, Achter oder dem Tuber, deren Funktionsprinzipien beim Sichern einfach zu verstehen waren. Wir möchten an dieser Stelle niemanden missionieren, das steht uns auch gar nicht zu. Allein, wenn ich bei uns im tapir reihum frage, prallen die unterschiedlichsten Meinungen aufeinander. Grundtenor ist, dass man sein Sicherungsgerät beherrschen muss, dass beim Sichern eine Hand immer am Seil sein muss und dass die volle Aufmerksamkeit beim Kletternden ist. Danach findet sich nur noch in kleineren Gruppen ein Konsens. Einig sind wir uns darin, dass Halbautomaten ein Sicherheitsplus bieten. Doch dieses Mehr an Sicherheit kann nicht bedeuten, dass man einem Anfänger einen Halbautomaten ohne intensive und wiederholte Schulung in die Hand drücken sollte. Und ohne ein Auge darauf zu behalten, wenn er sich im Umgang mit dem Sicherungsgerät übt.

Die heute angewandten Sicherungstechniken wurden über Jahrzehnte, oft in Kooperation mit den Sicherheitskreisen der alpinen Verbände, gemeinsam entwickelt. Vorreiter war dabei das klassische alpine Klettern, wobei dort die Risiken eher nicht im Sicherungsfehler zu suchen sind. Beim Klettern im alpinen Gelände geht es eher um objektive Gefahren wie Steinschlag, Wettersturz oder Orientierungsprobleme in der Wand. Beim Sportklettern heute ist die Sturzfrequenz viel höher. Man klettert gerade in Hallen viel öfter an seiner eigenen Leistungsgrenze. Das heißt: Der richtigen Sicherung kommt eine viel größere Bedeutung zu, da das Verletzungsrisiko größtenteils in den Händen des Sichernden liegt.

Zurzeit gibt es drei grundlegende Funktionsprinzipien auf dem Markt, wenn sich auch dann die Geräte einzelner Hersteller im Aufbau geringfügig voneinander unterscheiden:

Tuber
Bekannte Modelle: ATC von Black Diamond in seinen unterschiedlichen Ausführungen, Reverso 3 von Petzl.

Tuber mit Bremskraftverstärkung (oft nicht ganz korrekt auch als Autotuber bezeichnet)
Bekannte Modelle: Smart und Smart Alpine von Mammut, ClickUp von Climbing Technology, MegaJul oder auch das Jul2 von Edelrid.
Neu: Ergo von Salewa. Das Ergo-Belay-Prinzip, auf der Outdoor 2014 vorgestellt, ist simpel und in Kooperation mit Chris Semmel vom DAV Sicherheitskreis entwickelt worden. Bei geringem Zug greift die Blockierfunktion. Beim Seilausgeben, möglich ohne unbeabsichtigtes Blockieren, bleibt die Bremshand am Seil, ohne Umgreifen zu müssen.
Neu: Angekündigt ist der Grip von DMM, ein Sicherungsgerät, das auf dem Tuber-Prinzip basiert und das bei Belastung quasi aufklappt und dadurch unten auf das Seil drückt und bremst.

Halbautomaten
Bekannte Modelle: GriGri von Petzel, der Eddy von Edelrid.
Neu: Matik von Camp, beruhend auf dem Konstruktionsprinzip des GriGri. Er zeichnet sich durch seine Anti-Panik-Funktion aus. Heißt: Wenn man den Bügel beim Ablassen zu weit nach hinten zieht, wird der automatische Blockiermechanismus ausgelöst. Damit wird ein ungewolltes und vor allem zu schnelles Ablassen verhindert. Allerdings werden Nutzer, die seit Jahren mit einem GriGri sichern sich vom Handling her komplett umgewöhnen müssen.


Auch bei der aktuellen Diskussion geht es darum, für sich zu klären, welches Sicherungsgerät das beste für die eigenen Belange ist. Welches Gerät lässt sich wie in den unterschiedlichsten Situationen noch immer komfortabel bedienen? Und wie immer gibt es aktuelle und in die Jahre gekommene Lehrmeinungen, Expertentipps, Forendiskussionen und ausführliche technische Anleitungen von den Firmen. Das macht die Auswahl schwierig, egal ob man als Kletternewbie gerade erst angefangen hat oder sich als Kletteroldie umgewöhnen soll, weil das jahrelang genutzte Sicherungsgerät vom Sicherheitsstandard her nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. In dem Zusammenhang erinnern sich vielleicht auch einige unter euch noch an die Umstellung vom HMS auf Tuber, daran, dass die Sicherungshand beim HMS oberhalb, beim Tuber aber unbedingt unterhalb des Sicherungsgerätes zu führen ist…

Wer sich intensiver mit der Materie und den neuen Geräten auseinandersetzen will, dem seien die Artikel „Sicherungsgeräte im Vergleich (bergundsteigen 2/2013) von Chris Semmel,  „Wie sind wir da nur reingeraten?“ (bergundsteigen 3/2013) von Thomas Lammel und „Sicher Sichern“ (DAV Leipzig-Mitteilungen Heft 1-2015) von Barbara Weiner empfohlen, zusätzlich der Kommentar von Peter Brunnert in Klettern 5/2005 zum Thema Redundanzen, der mir persönlich sehr aus dem Herzen gesprochen hat. Zudem hatte Moritz bei uns im tapir-Blog (12/2014) verschiedene Geräte und ihr Handling in Wort und Bild vorgestellt.

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