Vom Mythos des Mythos von La Sportiva

avatar
planet tapir Simone | 7. März 2014

Kletterschuhe von heute haben manchmal nur eine Halbwertszeit von einer Saison. Ist der Schuh endlich richtig eingeklettert und die Sohle dünn gerubbelt, dann stellt der ein oder andere Kletterer und Boulderer fest, dass die Stagnation der eigenen Performance vielleicht doch auch am Schuhwerk liegen mag. Konsequenz: Ein neuer Kletter- oder Boulderschuh muss her. Natürlich mit der neuesten Gummimischung, der perfekt vorgeformten Ferse, mit der es sich gut hooken lässt und naja, die Zehenbox darf auch einen netten Downturn haben. …

Und dann kommen sie zu uns in die tapir-Kletterecke. Und weil auch tapire vor der Sucht nach Neuem nicht wirklich gefeit sind, begeben sie sich für Euch auf die Jagd nach den angesagten Kletterschuhmodellen, damit Ihr sie bei uns an der Wand auch einmal testen könnt.

Mitten in unserer Kletterschuhwand hat sich ein Modell festgesetzt, das schon viele Nachfolger überleben durfte. Vor allem Boulderer schauen gern über ihn hinweg. Doch getreu dem Motto ‘Totgesagte leben länger’ begleitet er uns seit der Rosa-Luxemburg-Straße. Also eine gefühlte Ewigkeit. Man könnte auch von einem Mythos sprechen.


Dieser Kletterschuh von La Sportiva hat in den vergangenen mehr als 20 Jahren durchaus auch einmal ein Face-Lifting hinter sich gebracht. Und manch Kletteroldie hat viele Touren im Mythos durchgestiegen und durchlitten. Immerhin gibt es ihn schon seit 1991. Zwar ist er auch nicht mehr ganz so lila, ist bei allen Veränderungen aber sich und dem, was er können soll, treu geblieben.  Damit fällt es zwar schwer zu behaupten, dass er auf der Höhe der Zeit ist, was seine technischen Features angeht. Doch genau das macht auch seinen Reiz aus. Weil auch immer mehr Frauen am Fels unterwegs sind, gibt es ihn seit ein paar Jahren auch in der schmaleren Frauen-Schuh-Variante.

Übrigens: Fußmimosen, die häufig in der männlichen Kletter-Einsteigerwelt zu finden sind, fühlen sich in ihm genauso wohl, wie Sandstein-Reibungskletterfreaks.

Doch was macht seinen Nimbus auch heute noch aus? Warum ist er nicht in der Versenkung verschwunden?

Für viele ist dieser Klassiker noch immer ein echtes Allroundtalent unter den Kletterschuhen, wenn es nicht in den Achterbereich aufwärts im Sportklettern geht. Abgesehen von seiner Gummimischung (zurzeit: 4mm Vibram X2Edge bei den Männern und X2Grip bei den Frauen): Der Mythos hat einen ganz eigenen Schnitt, bei dem v.a. die fehlende aggressive Ferse auffällt. Da freut sich die Achillessehne, weil kein Druck auf sie ausgeübt wird. Überstehende Fersenbeine fühlen sich auch nicht zu stark eingeengt. Die um die Ferse laufende Schnürung reicht bis weit nach vorn in die Fußspitze. Für die einen: Viel zu viel Schnürungs-Gedöns, das dauert zu lange beim Anziehen. Für die anderen: Eine gut durchdachte Konstruktion, um den Schuh perfekt an den Fuß anzupassen. Da der Schnitt eher wenig asymmetrisch ist, fällt es auch nicht schwer, ihn länger am Fuß zu behalten, zumal das weiche Lederfutter aus Kalbsämischleder innen für einen hohen Tragekomfort auch in alpinen Mehrseillängentouren steht.


Der Mythos ist aber nicht nur ein Schuh für Einsteiger. La Sportiva hat ihn auch mit einer 1,1 mm starken Zwischensohle ausgestattet. Das heißt: Auch ambitioniertere Kletterer können ihre Freude an ihn haben, bietet der Mythos doch einen hervorragenden Kompromiss zwischen Sensibilität und Reibung, wenn es nach draußen an den Naturfels geht.

Auch in meiner Klettertruhe wartet ein Mythos auf seinen ersten Einsatz in diesem Jahr – will mal wieder raus in den Sächsischen Sandstein. Es war mein zweiter Kletterschuh (1994), nachdem ich mir bei Hudy-Sport mein erstes Paar Schuhe (Bufo) viel zu eng gekauft hatte.


Ich habe ihn schon überall mit hingeschleppt: Vom Yosemite über die Alpen an den Gardasee bis hin zu seiner Kletterheimat Elbsandsteingebirge. Und als uns im vergangenen Sommer ein Italiener leichtfüßig auf der Via Ferrata Pisetta überholte, kamen auch bei mir wehmütige Erinnerungen hoch. Als ich vor vielen Jahren erstmals auf ihm unterwegs war, zierte auch der Mythos meine Füße und sorgte auf den teils abgespeckten Tritten für den notwendigen Halt.

Mein Mythos hat in den letzten 20 Jahren schon Nachfolger kommen und gehen gesehen und bereits eine Neubesohlung hinter sich. Zurzeit steht er in unmittelbarer Konkurrenz zu einem Evolv-Schuh. Doch wir wissen: Nicht nur bei tapiren geht der Trend eh zum Zweit- oder Drittschuh und meine Füße freuen sich immer wieder, wenn sie in Reibungstouren bequem und trittsicher im Mythos unterwegs sind.

PS: Falls sich jemand wie wir auch fragen sollte, warum nicht nur beim Mythos, sondern auch beim Katana oder Miura unterschiedliche Sohlen zum Einsatz kommen…  Wir haben bei La Sportiva einmal nachgefragt! Die kreativen Köpfe in Ziano di Fiemme wollten die Frauenspezifik beim Kletterschuhbau nicht nur auf die Passform (Schuhbreite etc.) einschränken, sondern das Ganze etwas weiter fassen. Frauen sind auch in der Regel leichter, üben somit, wenn sie ihren Fuß im Fels oder an der Wand platzieren, weniger Druck aus. Deshalb sind die Frauenschuhe nicht nur im direkten Größenvergleich marginal leichter (dünneres Leder, dünnere Innensohle), sondern der Gummi ist auch etwas weicher. Haben wir doch glattweg einmal nachgewogen: Der Frauenschuh (Gr. 36) wiegt 8 g weniger als der Männerschuh…

Weiterschmökern:


Kommentar-Feed Kommentar schreiben oder Trackback einrichten

Vorheriger Eintrag
Nächster Eintrag

Kommentar schreiben