Active Shell: Die hochatmungsaktive Membran von Gore-Tex® im Langzeittest

avatar
planet tapir | 8. April 2014

Vor ungefähr drei Jahren ging ein Raunen durch’s Land und man erzählte sich hinter vorgehaltener Hand, dass die Jungs von Gore-Tex® an einem neuen Laminat basteln würden, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. Wasser- und winddicht sollte es selbstverständlich sein, dazu abriebfest, vor allem aber so atmungsaktiv wie kein anderes zuvor. Active Shell hieß diese für den außergewöhnlich umtriebigen Gebrauch konzipierte Membran und der Name war Programm – offensichtlich! Keine Frage, das mussten wir uns genauer ansehen! Also vergeudeten wir keine Zeit mit umständlicher Höflichkeit und fragten direkt an der Quelle nach einem Testobjekt. Dieses kam auch prompt, um sich uns zu stellen.

Was sich hinter dem Namen Active Shell verbirgt

Active Shell bezeichnet die Membran, die von vielen Herstellern in diversen Versionen und Modellen verarbeitet wird. Die Jacken unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ausstattungsdetails, also z.B. der Anzahl der Taschen, möglicher Verstärkungen im Brust- und Schulterbereich und ob eine Kapuze angebaut ist oder nicht. Da ein Active Shell in erster Linie so leicht und komprimierbar wie möglich sein soll, werden die beiden seitlichen Einschubtaschen oft weggelassen und durch eine Napoleontasche ersetzt. Ein Kordelzug im Saum und verstellbare Bündchen an den Ärmeln komplettieren in den meisten Fällen den Ausstattungsumfang.


Das Besondere an Regenjacken mit Active-Shell-Laminat ist die einzigartige Kombination von Eigenschaften, die sich sonst nur entweder in Softshells oder Hardshells finden lassen. Die Hosen und Jacken sind zu 100% wind- und wasserdicht, dabei aber sogar atmungsaktiver als die meisten Softshells und deutlich langlebiger als beschichtete Regenjacken. All dies erreicht Gore-Tex® durch eine völlig neue Herstellungsweise: Die 3 Lagen (Oberstoff, Membran, Futterstoff) werden vor allem durch Hitze und Druck und unter Verwendung deutlich weniger Klebepunkte miteinander verbunden. Dies und der dezidiert dünne Stoff machen die Active Shell-Regenjacken jedoch auch weniger robust als die meisten anderen Funktionsregenjacken.

Anwendungsbereich

Aufgrunddessen eignen sie sich vor allem für Unternehmungen, bei denen absoluter Wetterschutz höchste Priorität hat, es aber unter einem Hardshell oft zu schnell zu Hitzestau kommt bzw. es einfach zu viel wiegt. Gemeint sind die sogenannten High-Pulse-Aktivitäten wie Trailrunning, sportliche Radtouren, ambitioniertes Jogging etc. Gleichzeitig sind Active-Shell-Jacken absolute Minimalisten, sie sind unglaublich leicht und atemberaubend klein verpackbar. Sie kommen somit auch für alle Wanderfreunde in Frage, die in Gebieten unterwegs sind, die das dauerhafte Tragen einer Wetterjacke nicht erfordern, aber mit sporadischen intensiven Regengüssen aufzuwarten wissen.

Zweieinhalb Jahre mit einer Active Shell-Jacke unterwegs: Erfahrungswerte

Um es gleich vorab zu sagen: Die Active-Shell-Technik hielt von Beginn an, was sie versprach. Unsere Testjacke wurde massiver Beregnung und intensiver Aktivität ausgesetzt. Weder drang von außen Nässe ein, noch bildete sich aufgrund hoher Anstrengung Kondensationsfeuchtigkeit im Inneren der Jacke aus. Entsprach die Wasserdichtigkeit in etwa unseren hohen Ansprüchen an Gore-Tex®-Materialien, so übertraf die Atmungsaktivität bzw. die Geschwindigkeit des Feuchtigkeitstransportes unsere kühnsten Erwartungen! An dieser Stelle ist daher eindeutig zu verkünden, dass eine Regenjacke mit verarbeiteter Active Shell tatsächlich die atmungsaktivste und am wenigsten schweißtreibende Wetterschutzschicht auf dem Markt ist. Sogar die meisten Softshells kommen da nicht mehr mit.


Wie aber sieht die Sache nach über 2-jähriger Benutzung aus? Was nützt eine Jacke, die zwar klein und leicht ist, aber bereits nach wenigen Monaten die Hufe streckt? Dies ist der Grund für das relativ späte Erscheinen dieses Testberichtes: Wir wollten auch die zeitliche Dimension mit einbeziehen. Nach einer breiter angelegten Testgruppe zu Beginn behielt und trug unser Proband seine Active-Shell-Jacke daher ca. zweieinhalb Jahre, trug sie sowohl bei zwei regenreichen Trekkingtouren in Irland und Schweden im Herbst als auch auf einer Schneeschuhtour im Winter im Harz. Vor allem jedoch trug er sie im Leipziger Alltag, wo ihm, also dem Regenschutzpanzer, eine manchmal leidenschaftlich-erniedrigende und respektlose Behandlung zuteil wurde oder er temporär fast verwahrloste. Deshalb können wir nun guten Gewissens weiterhin vermelden, eine Active-Shell-Jacke nicht nur intensiv getestet, sondern auch einer Langzeitbelastung ausgesetzt zu haben. Aus dem täglichen Gebrauch resultieren Belastungen in Form von Schmutz, Schweiß und mechanischer Beanspruchung, denen die meisten leichten Regenjacken nicht gewachsen sind. Gerade beschichtete Jacken, aber auch Gore-Tex® Paclite-Jacken geben hier oft nach 2-3 Jahren auf, da v.a. sämtliche aufgeklebte Nahtbänder (zuallererst im Nackenbereich) der zersetzenden Wirkung von Körpersalzen und -fetten nicht auf Dauer standhalten können. Zudem sorgt das häufige Tragen von Rucksäcken und Umhängetaschen für ordentlich Abrieb, wodurch viele beschichtete Regenjacken ihre Wasserdichtigkeit mit der Zeit einbüßen.

Die Gore-Tex® Active-Shell-Jacke ist jedoch nach zweieinhalb Jahren so wasserdicht und atmungsaktiv wie am ersten Tag. Zermürbender Alltag und extreme Touren haben es  nicht vermocht, dem Material so zuzusetzen, dass die Jacke aufs Altenteil geschoben oder gar entsorgt werden müsste. Vor allem im Frühling und im Herbst, wenn die Temperaturen noch moderat, das Regenrisiko aber vergleichsweise hoch waren, hat sie sich auf dem Radweg zur Arbeit als ideale Obertrikotage erwiesen. Durch strömenden Regen zu rasen und dabei sowohl von außenseitigen Wasserein- als auch massiven Schweißausbrüchen verschont zu bleiben, das war schon spektakulär und sehr überzeugend.

Zusammenfassend kann also gesagt werden: Es handelt sich um hochfunktionale, dichte und atmungsaktive Jacken, die sich trotz ihrer minimalistischen Ausstattung und ihres dünnen Materials als absolut alltagskompatibel erwiesen haben. Sie sind somit uneingeschränkt für alle Aktivitäten mit leichtem Gepäck und Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes zu empfehlen. Dieser letzte Punkt Bedarf allerdings einer weiteren eingehenderen Erklärung, stellt er doch eine wesentliche Einschränkung dar.

Außentemperaturbedingte Komforteinschränkung

Ein nachteiliger Effekt des dünnen, extrem atmungsaktiven Materials ist folgender: Es isoliert nahezu überhaupt nicht. Zwar ist die Jacke mehr als ausreichend winddicht, jedoch leitet sie bei kälteren Temperaturen Feuchtigkeit so gut vom Körper weg, dass jegliche vom Körper erzeugte Wärme unmittelbar nach draußen „geatmet“ wird. Sofortiges Frieren, teilweise auch bei anstrengender Aktivität, ist garantiert. Handelt es sich um den täglichen Jogging-Wahnsinn im winterlichen Parcours, mag dies vielleicht noch gewollt sein, auf dem Radweg zur Arbeit bei -10°C fiel es jedoch deutlich nachteilig auf.

Fazit

Für alle Freunde der schnellen Fortbewegung und der intensiven Ertüchtigung, für Trekking-Minimalisten und schlussendlich auch für Stadtmenschen, die unter ihrer Regenjacke im Alltag zu sehr schwitzen, ist diese aktive Jacke geradezu ideal. Man kann bei dieser Belastungskategorie guten Gewissens davon ausgehen, dass das dünne Material standhält und lange Schutz vor den Elementen gewährt. Wer sich dahingehend noch etwas unsicher ist, da ein Rucksack (bis ca. 36 Liter) bei ihm zur täglichen Grundausstattung gehört, der sollte einfach darauf achten, dass er ein Modell mit verstärktem Schulterbereich erwirbt.

Eine Active-Shell-Jacke stellt damit eine sehr lohnenswerte Alternative zu beschichteten Regenjacken, vor allem aber zu Softshells dar. Gegenüber Ersteren punktet sie eigentlich in allen Kategorien: Sie ist deutlich wasser- und winddichter, sehr viel widerstandsfähiger und deutlich atmungsaktiver. Dies überrascht jedoch wenig und war voll und ganz zu erwarten. Aber auch ein Softshell wird durch ein Active-Shell-Modell mehr als lohnend ersetzt. Bei gleicher bzw. teilweise sogar besserer Atmungsaktivität ist ein Active-Shell deutlich wasser- und winddichter. Einzig sehr robuste oder aber elastische Softshells können hier noch mit Funktionsvorteilen punkten. Zwar hat eine Active-Shell-Wetterjacke gegenüber beschichteten Regenjacken und Softshells einen etwas höheren Preis, aber in Anbetracht der besseren Leistungs- und Widerstandsfähigkeit ist dieser aus unserer Sicht mehr als berechtigt. Schlussendlich muss man daher anerkennen, dass Gore-Tex® die Regenjacke zwar nicht neu erfunden hat, jedoch stellt das Active Shell zweifelsohne eine der innovativsten Produktweiterentwicklungen der letzten Jahre im Outdoorbereich dar.

Weiterschmökern:


Kommentar-Feed Kommentar schreiben oder Trackback einrichten

Vorheriger Eintrag
Nächster Eintrag


2 Kommentare

  1. avatar
    1
    Michael | 25. Juli 2017, 19:51

    Guten Abend,

    wie sieht es den 3 Jahre später aus? Wie lang haben eure Active Shells gehalten (oder tun sie es noch immer)?
    Wie viel Pflege lasst ihr euren Jacke zuteil werden?

    Liebe Grüße
    Michael

  2. avatar
    2
    Gabriel | 26. Juli 2017, 16:16

    Hallo Michael!
    Unsere Active-Shell Jacken sind bei moderatem Gebrauch auch 3 Jahre später noch komplett einsatztauglich. Sowohl Wasserdichtigkeit als auch Atmungsaktivität funktionieren uneingeschränkt, zudem traten weder Delaminationen an Material und Nahbändern, noch Verschleiß an intensiv beanspruchten Stellen wie Ärmelbündchen, Reißverschluss etc. auf. Ergänzend sei erwähnt, dass die Jacken nicht als Alltagjacken verwendet werden. Nach der intensiven Testphase hat sie das Schicksal aller Regenjacken ereilt und sie wurden vor allem im Rucksack täglich als Back-up für eventuelle Wolkenbrüche mitgeführt. Dabei kamen Sie auch regelmäßig zum Einsatz, jedoch wurden sie eben nicht der täglichen Belastung im eigentlichen Sinne ausgesetzt. Dies ist aber unserer Meinung auch nicht ihre Bestimmung, wobei dies nicht bedeutet, dass sie nicht auch diese Bewährungsprobe bestehen würden. Sowohl das Model von Arcteryx als auch die Gore-Testjacke sind im Verhältnis zu ihrem geringen Gewebegewicht ordentlich strapazierfähig.

Kommentar schreiben