Testbericht: Hilleberg Rajd

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planet tapir Rando | 14. Januar 2015

Hilleberg führt das Rajd in der Kategorie „Blue Label“, die für spezialisierte Zelte steht. Konkret handelt es sich um ein einwandiges Tarpzelt – das Tarp wird dabei ergänzt um Seitenwände und Boden, so dass ein besserer Rundumschutz gegen Wind und Nässe entsteht. Als Material verwendet Hilleberg das dreifach silikonisierte und von den leichten „Red Label“ Vier-Jahreszeiten-Zelten bekannte Außenzeltmaterial Kerlon 1200 – und zwar auch am Boden. Ein Gestänge gehört nicht zum Lieferumfang, kann jedoch als Zubehör erworben werden. Unser Test verfolgte vor allem das Ziel herauszufinden, ob das Rajd mehr sein kann als eine Notfall-Unterkunft, ob also das einwandige Shelter als reguläre Unterkunft auf einer Wander- oder Trekkingtour taugt.

Der Test war zweigeteilt in eine einwöchige Mittelgebirgswanderung zu zweit und eine 3-Tages-Basecamp-Übernachtung, in der das Rajd nur einen Bewohner hatte. Das Wetter bot alles von trockenem Fön bis zu dickem Nebel und Starkregen.

Allgemeines

Der Standard-Lieferumfang des Hilleberg Rajd umfasst neben dem Zelt mit sechs vormontierten Abspannleinen lediglich 10 V-Heringe und bringt es so auf ein Gewicht von 1.100 g. Für den Test wurde das Rajd von Beginn an mit dem passenden Hilleberg Footprint (Zeltunterlage) versehen, um den Kerlon 1200-Boden zu schützen. Die Unterlage wird angeknotet und kann dauerhaft am Zelt bleiben. In dieser (sehr sinnvollen!) Konstellation bringt das Rajd dann 1.325 g auf die Waage – immer noch sehr wenig für ein 2-Personen-Zelt. Das optionale Gestänge (275 g) würde das Gesamtgewicht auf 1.600 g anheben; dies war für uns jedoch nicht erforderlich, da wir mit Trekkingstöcken unterwegs waren und diese zum Aufbau des Zeltes nutzen konnten. Alternativ geht das auch mit Ästen, Paddeln oder durch Spannen des Zeltfirstes mit Leinen nach oben. Wir haben allerdings dem Heringsmenü noch einige Rockpins hinzugefügt, so dass ein Reisegewicht von 1.420 g entstand. Hilleberg schneidet traditionell sehr geräumige Packsäcke, in die man Zelt und Footprint auch dann hineinbekommt, wenn beides nicht perfekt zusammengelegt werden kann und die Hände kalt und steif sind. Da das Rajd auf Grund des fehlenden Gestänges aber ein Zelt ist, das geradezu prädestiniert dafür ist, in den Packsack gestopft zu werden, haben wir für den Test den Original-Packsack gegen ein deutliches kleineres Konkurrenzprodukt mit 4 Litern Fassungsvermögen getauscht. Sicher möchte das Zelt so nicht dauerhaft gelagert werden – auf Tour war diese Größe aber problemlos bedienbar und sparte erheblich Stauraum im Rucksack. Material- und Verarbeitungsqualität können, Hilleberg-typisch, mit einem Wort abgehandelt werden: exzellent. Die Komfort-Ausstattung ist minimalistisch: Innentaschen, Wäscheleine, Lüfterabdeckungen etc. fehlen.

Aufbau

Um das Hilleberg Rajd perfekt aufzubauen, müssen die 10 vorhandenen Heringe gesteckt werden. Das ist zwar mehr, als bei vielen anderen Zelten erforderlich ist, bedeutet aber keineswegs, dass der  Aufbau kompliziert ist: Mit den ersten vier Heringen wird die Bodenfläche ausgespannt, dann benötigt man zwei Heringe zum Aufstellen des „Gestänges“ (ganz gleich, was als solches benutzt wird) und mit den letzten vier Heringen werden zum Schluss die Abspannleinen fixiert, die das Dach straffen. Der Aufbau kann ohne Probleme von einer Person in weniger als fünf Minuten bewältigt werden. Für die kleine Aufstellfläche des Rajd findet man auch in unebenem Gelände meist einen Platz.

Raumangebot

Zwei Standard-Isomatten mit 51 cm Breite finden im Hilleberg Rajd entspannt Platz. Wird das Rajd als 1-Personen-Zelt genutzt, muss man sich auch wegen des Gepäcks keine Gedanken machen: Es ist genug Platz, um auch eine umfangreiche Ausrüstung mit ins Zelt zu nehmen. Wer sich allerdings für das einwandige Tarpzelt als Standardunterkunft für eine Mehrtagestour entscheidet, dürfte wohl auch insgesamt eher minimalistisch und leichtgewichtig unterwegs sein, sprich: nicht viel Überflüssiges dabei haben. Auf der Mittelgebirgs-Tour war unser Gepäck für zwei Menschen in einem 50 Liter – Rucksack (Bach Daydream) verstaut. Da wir auch beide nicht besonders groß sind, konnten wir unsere komplette Habe ohne Stress am Fußende der Isomatten unterbringen. Klar, Ordnung geht anders, aber da der Equipment-Berg nicht allzu hoch ist, findet man jedes benötigte Teil in vertretbarer Zeit. Lediglich der Kocher blieb draußen unter einem der beiden Vordächer stehen, die die Eingänge schützen. Einen Vorraum hat das Hilleberg Rajd nämlich nicht. Wenn es also zwei recht großen Menschen als Übernachtungsplatz dient und die Ausrüstung deshalb eventuell draußen bleiben muss, sollte diese gut wettergeschützt, zum Beispiel unter dem Rucksack-Regenschutz, untergebracht werden. Auch an der Kopf- und Fußseite des Rajd gibt es Dach-Überstände, die als Ausrüstungs-Wetterschutz dienen können. Bei heftigen Wettern muss aber definitiv alles, das draußen lagert, noch zusätzlich ummantelt werden. In jedem Fall sehr gut ist die Innenhöhe unter dem Zelt-First (115 – 120 cm). Sie erlaubt entspanntes Sitzen und bei schlechtem Wetter auch komfortables Packen im Zelt, da der Rucksack aufgestellt werden und sein Besitzer kniend packen kann. Diesen Komfort gibt es in den allerwenigsten Leichtgewichts-2-Personen-Zelten.

Belüftung

Die einander gegenüberliegenden Seitenwände des Hilleberg Rajd verfügen nicht nur jeweils über einen Eingang, sondern auch über einen großen, dreieckigen Einsatz aus Moskitonetz. Diese Moskitonetz-Fenster lassen sich nicht verschließen, was das Zelt für einen Wintereinsatz eigentlich ausscheiden lässt. In den gemäßigten Jahreszeiten reicht es jedoch völlig aus, wenn durch die geschlossenen Nylon-Türen die warme Haftluft am Schlafsack bleibt, während im Zeltfirst zwischen den Lüftungsfenstern die Luft zirkuliert. Bei einer Belegung mit zwei Personen und eigentlich ständig hoher Luftfeuchtigkeit (Nebel, Flußnähe) hatten wir trotzdem in jeder Nacht Kondensfeuchtigkeit auf der Zeltinnenseite. Hier bewährt sich ein kleines Trekkinghandtuch oder ein Lappen als Anti-Kondens-Werkzeug. Wer das nicht gelegentlich einsetzen möchte, der sollte seine Ausrüstung (vielleicht auch mit dem Rucksack-Regenschutz) schützen, da die Kondensfeuchtigkeit bei starkem Anfall an den Dachschrägen in Richtung Kopf- und Fußende des Zeltes ablaufen und unten auch abtropfen kann. Letzteres passiert unserer Erfahrung nach jedoch so weit unten, dass die Schlafenden nicht getroffen werden – anders als die Ausrüstung am Fußende. In der Testsituation mit nur einem Bewohner im Rajd gab es dieses Phänomen überhaupt nicht und teilweise blieb das Zelt innen sogar komplett trocken, was für eine hervorragende Ventilation über die Moskitonetz-Einsätze spricht. Insgesamt ist das Thema Kondens im Hilleberg Rajd also gut handhabbar für Nutzer, die bereit sind, die Komforteinbußen eines Einwand-Zeltes zugunsten seines minimalen Gewichtes in Kauf zu nehmen.

Fazit

Das Hilleberg Rajd ist ein Drei-Jahreszeiten-Shelter, das sich nicht nur als Not-Zelt, sondern definitiv auch als Tourenzelt für kürzere Unternehmungen eignet, wenn die Nutzer auf die zu erwartenden Komforteinbußen beim Wohnen (kein Vorraum, Kondensfeuchtigkeit im Wohnraum) eingestellt sind. Belohnt werden sie dafür mit viel Komfort (Leichtigkeit, geringes Packmaß), wenn das Zelt getragen wird. Für längere Touren ohne Zivilisationskontakt würde ich das Rajd nicht empfehlen, da für andauernde Schlechtwetterphasen der Platz- und Klimapuffer größerer doppelwandiger Zelte fehlt. Der Preis von 475 € für ein Zelt ohne Gestänge ist für all jene eine gute Investition, die das Zelt lange und intensiv nutzen wollen und deshalb auf beste Material- und Verarbeitungsqualität Wert legen.

+   minimales Packmaß und Gewicht
+   vielfältige Aufbauoptionen ohne Gestänge
+   kleine Aufstellfläche
+   einfacher, schneller Aufbau
+   sehr komfortable Höhe
+   gute Belüftung und Kondensfeuchtigkeits-Management

-    10 Heringe müssen für Aufbau gesteckt werden
-    Innenraum kann bei zwei großen Bewohnern nicht das komplette Gepäck aufnehmen

 

 

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