Testbericht: Unterwegs mit der GPS-Uhr epix von Garmin

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planet tapir tapir | 12. August 2015

Ben hatte sich mit einer eher ungewöhnlichen Touridee für unser tapir-Testteam beworben und ist von uns mit einer Garmin epix im Juli auf die Reise ins Ötztal geschickt worden. Für ihn ging es auf einen Gletscherkurs – eine gute Gelegenheit, sich intensiv mit der Uhr zu beschäftigen, Tracks aufzuzeichnen, Routen nachzugehen und die Topo-Kartenqualität in den Bergen zu testen. Er ist sicherlich kein Techniknerd, aber auch kein GPS-Newbie. Es wird im Testbericht schnell deutlich, dass es wohl nicht seine erste GPS-Uhr ist. Seine Anmerkungen und Vergleiche haben seinen Testbericht zur epix auch für uns spannend gemacht, denn so ausführlich haben sich noch nicht alle tapire mit der neuen Garmin-Uhr auseinandergesetzt. Hier ist sein Bericht aus Tirol:

“Eine Uhr mit GPS – soweit nichts Neues. Nun bringt aber Marktführer Garmin mit der epix Topo die erste GPS-Uhr mit vollwertiger Kartendarstellung und Routingfunktion auf den Markt.  Mich hat vor allem interessiert: Hält das  Wunderwerk der Technik, was es verspricht? Das musste ich einfach mal testen!

Vollwertige Navigation am Handgelenk

Seien wir mal ehrlich: Es geht doch vor allem um eins, nämlich ums Gewicht. Möglichst wenig schleppen für möglichst viel „Funktion“. Das gilt für orkanfeste Zweipersonenzelte und steigeisenfeste Bergstiefel genauso wie für all die schönen technischen Helferlein, die das 21. Jahrhundert uns beschert. Die neue GPS-Uhr von Garmin namens „epix“ kommt da genau recht, denn sie scheint es dem GPS-nutzenden Wanderer zum ersten Mal zu ermöglichen, auf ein doch deutlich schwereres, klassisches Handgerät zu verzichten und stattdessen die gesamte Navigation am Handgelenk zu tragen. Wo man sonst ja sowieso eine Uhr hätte – und die Uhrzeit sehe ich auf der epix natürlich auch. Heißt ganz konkret: Die epix wiegt ca. 85 Gramm, ein Handgerät (z.B. die beliebten eTrex-Modelle) mindestens das Doppelte. Eine Tafel Schokolade darf ich also extra einpacken!

Was steckt drin?
Bei so viel Technik in so wenig Verpackung fragt man sich natürlich, wo man Kompromisse eingehen muss. Die technischen Werte sprechen jedenfalls für das neue Garmin-Flaggschiff: wasserdicht bis 50m („5ATM“), einsetzbar von -20 bis +55 Grad Celsius, und einen robusten Eindruck macht das Gehäuse auch. Bei der Bedienung hilft ein Touchscreen, die Uhr kann jedoch auch komplett per Knopf bedient werden – wichtig bei Handschuhwetter. Der Akku soll bis zu 50 Stunden halten, und der interne Speicher fasst 8GB. Da eine Europa-Karte vorinstalliert ist, bleiben davon noch ca. 5GB übrig, die per Garmin BaseCamp mit weiteren Karten gefüllt werden können. Als Uhr getragen, ohne GPS also, hält die epix einige Wochen durch. Smart-Funktionen stecken auch drin: Die Uhr kann mit dem Handy gekoppelt werden und dann nicht nur Nachrichten und Anrufe signalisieren, sondern auch aus dem Garmin Connect IQ-Shop mit zusätzlich Apps, Widgets, Datenfeldern und Watchfaces bespielt werden. Klingt kompliziert, funktioniert aber ganz hervorragend und wer mit dem Apple-Store oder dem Play-Store von Google klarkommt, findet sich sofort zurecht.

Fehlt irgendwas? Eigentlich nicht. Allerdings, das wird beim Test klar, die epix ist kein eTrex am Handgelenk. Manche Features vermisst man, aber vor allem funktioniert sie etwas anders.


Bergtauglich?
Obwohl man mit der Uhr so ziemlich alles machen kann – vom Open Water Swimming über das Kachelnzählen im Pool über einen gesamten Triathlon bis hin zu Alpinskifahren – wir gehen ganz klassisch in die Berge damit, und zwar auf einen Gletscher. Im Kaunertal soll die epix zeigen, was sie kann.

Denn der springende Punkt ist die Navigation, und dabei vor allem die Kartenansicht. Das ist das neue bei der epix und wir wollen wissen, ob das reine Spielerei ist oder etwas bringt. Den ganzen Rest gibt’s nämlich schon, auch von Garmin selbst (fenix). Vor allem die fenix 3 hat die Latte für GPS-Uhren ziemlich hoch gelegt, da sei die Frage erlaubt, ob und für wen die epix überhaupt Sinn macht.

Läuft!
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, die epix funktioniert. Und ja, sie hat ihre Berechtigung, auch im Vergleich zu klassischen GPS-Bergsport-Uhren à la fenix. Da wäre zum einen die Kartendarstellung, die deutlich mehr ist als ein Marketing-Gag. Tatsächlich kann man Details der Umgebung auf dem kleinen Display erstaunlich gut erkennen und das auch bei grellem Sonnenschein (auch wenn wir den nur selten hatten). Zwar kann man auch „nur mit Track“ sicher navigieren, aber zu wissen, was um einen herum ist, schafft einen deutlichen Mehrwert. Der zweite große Vorteil der epix ist die Bedienung. Durch die Kombination aus Touch- und Tasten-Bedienung lässt es sich ziemlich entspannt durch die Menüs blättern und Funktionen auswählen, auch das Verschieben und Zoomen der Karte funktioniert absolut geschmeidig.

Wer sich jetzt Sorgen macht, dass das doch alles sehr viel Strom verbraucht, kann sich wieder beruhigen. Tatsächlich hatten wir nach 2 Tagen (davon ca. 8 Stunden GPS-Nutzung im UltraTrac-Modus) noch über 70% Akkustand. Allerdings ist der UltraTrac-Modus nicht wirklich geeignet, um „ohne Sicht den Rückweg zu finden“ – dadurch, dass die Position dann nur noch alle 120 Sekunden ermittelt wird, sind die Abweichungen enorm. Nach dem dritten Tag und weiteren ca. 8 Stunden im normalen GPS-Modus mit zusätzlich aktiviertem GLONASS war der Akku auf ca. 20% geschrumpft. Absolut akzeptabel, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir häufig an der Uhr „rumgespielt“ haben und sie auch längere Zeit am Rucksack befestigt hatten, bei ca. 0 °C Außentemperatur. Außerdem war das Ergebnis eine hervorragende Track-Qualität mit Abweichungen von nur wenigen Metern. Mit einer kleinen Powerbank hat man die Uhr am Abend dann schnell wieder aufgeladen, so kommt man auch leicht über längere Touren.


Aber?
Ist die epix nun die eierlegende Wollmilchsau, auf die wir alle gewartet haben? Die Antwort lautet ganz klar „möglicherweise“. Grundsätzlich gibt es zwar kaum etwas, was die Uhr nicht kann. Allerdings merkt man ihr ganz klar die Herkunft an und die liegt doch eher im sportiven Bereich. Soll heißen, dass sie eher eine Multisport-Uhr ist, die um die Kartenfunktion erweitert wurde, als ein Navigationsgerät, das auf Handgelenks-Größe zusammengedampft wurde.

Das merkt man vor allem an der Bedienung, die doch etwas anders ist als bei eTrex, Oregon und Co., woran man sich aber gewöhnen kann. Beispielsweise ist ein aufgezeichneter Track bei der epix eine „Aktivität“ die man im „Protokoll“ findet – und dort muss man auch explizit auswählen, dass dieser Track auf der Karte angezeigt wird.

Es fehlen allerdings auch einige Funktionen wie zum Beispiel eine richtige Geocaching-App und die Wegpunkt-Mittelung. Auch die direkte drahtlose Übertragung von Tracks und Wegpunkten von Gerät zu Gerät ist nicht möglich, das geht nur per Bluetooth und mit Umweg übers Handy.

Im Bereich der Navigation kann man sich zwar, eine passende Karte vorausgesetzt, aktivitätsbezogen routen lassen (ja, mit Turn-by-Turn-Navigation!), aber es fehlt die Möglichkeit nach Adressen zu suchen. Suchbar sind Kartenpunkte (die man über die Kartenfunktion auswählt), Favoriten („POIs“) und Koordinaten. Bei der Nutzung der Navigationsfunktion merkt man übrigens auch, dass das Display dafür fast etwas klein ist, die magentafarbenen Navigationslinien nehmen einen großen Teil der Anzeigefläche ein.

Und schließlich wird der Tourengeher nach einer Möglichkeit suchen, die DAV-Karten auf die epix zu bekommen. Da die bisher nur als SD-Karte vorliegen, ist das leider nicht möglich. Man kann sich höchstens mit BirdsEye-Karten behelfen. Generell ist die epix aber für fast alles an digitalem Kartenmaterial offen, inklusive OSM (Open Street Map), genau wie die größeren Garmin-Geräte.

Und für manche Dinge besteht auch noch Hoffnung, denn Garmin rüstet immer wieder Funktionen nach. Toll ist beispielsweise, dass man nun endlich auch ohne GPS eine Höhenveränderung als Track aufzeichnen kann. Nützlich für einen ausgeschilderten Zustieg zur Hütte, bei dem man nur die Höhenmeter im Blick haben will, ohne die Batterie mit GPS zu belasten. Oder bei Mehrseilklettereien, wo GPS schlicht keinen Sinn macht. Dies war bei unserem Testausflug vor einigen Wochen noch nicht möglich und wurde kürzlich per Update nachgeliefert.

Also: Die perfekte Uhr für… ?
Die epix wirkt wie der weniger attraktive, aber klügere Bruder der fenix. Und das trifft es auch ziemlich gut. Die Kartenfunktion ist toll, die Bedienung per Touch macht Spaß. Auf dem Berg macht die epix richtig Sinn, und alle, die regelmäßig dort Sport betreiben, wo sie sich nicht auskennen, werden die Navigationsfunktionen zu schätzen wissen.

Reine Ausdauerathleten sind mit fenix 3 oder Forerunner 920XT wahrscheinlich besser beraten, die einen ähnlichen Funktionsumfang bieten, aber das wesentlich schlankere Design besitzen. Und der Wanderer, der Tourengeher, der Bergsteiger? Der muss sich entscheiden, ob ihm die Displaygröße und die Navigationsfeatures ausreichen, denn sonst ist er mit einem klassischen Handgerät besser beraten.

Unterm Strich ist die epix ein GPS-Gerät, das den „Eins für alles“-Gedanken im Bereich GPS beinahe vollständig – und konkurrenzlos – erfüllt.

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