Bikepacking mit Ortlieb: Handlebar-Pack, Seat-Pack und Accessory-Pack im Test

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planet tapir Anne | 10. Juli 2017

Im Mai ging es mit dem Mountainbike und allen sieben Sachen von Zelt bis Kocher durch Slowenien. Neben einem Fahrradrucksack waren auch drei Taschen aus der relativ neuen Bikepacking-Familie von Ortlieb dabei: das Handlebar-Pack, das Seat-Pack und das Accessory-Pack. Natürlich ist jede dieser Taschen aus wasserdichtem und sehr robustem Material gefertigt. Wie sich das Equipment in Sachen Geländegängigkeit und Handhabung bewährt, konnte ich auf der 10-tägigen Tour ausgiebig testen.

Radreisen habe ich bisher eher „klassisch“ mit Back-Roller und einem wasserdichten Packsack auf dem Gepäckträger absolviert. Einen solchen wollte ich aber keinesfalls ans Mountainbike montieren, sondern lieber leicht und beweglich unterwegs sein. Insgesamt vier Taschen bietet der Platzhirsch in Sachen Radreisen in seiner neuen Serie (seit 2016 auf dem Markt) als Gepäcklösung an. Sie kommen in einem schicken Graphit-Farbton mit orangefarbenen Akzenten (- was zufällig ganz hervorragend zum Fahrrad passte) und großzügigen Reflektoren. Da mein Rahmendreieck nicht groß genug für das Frame-Pack (erhältlich in zwei Größen) ist, war ich nicht mit dem kompletten Set unterwegs, sondern mit drei Taschen:

Das Handlebar-Pack wird, wie der Name schon sagt, am bzw. unter dem Lenker befestigt. Die „Rolle“ fasst 15 Liter und bespielt damit eine ganz andere Wiese als die Ultimate-Modelle, die vielleicht den meisten Menschen in den Sinn kommen, wenn sie den Begriff „Lenkertasche“ hören. Nein, im Handlebar-Pack finden nicht nur Kamera, Geldbörse und Müsliriegel ihren Platz, sondern grob die Hälfte der mitgenommenen Ausrüstung! Bei mir waren es der Schlafsack, sämtliche Bekleidung (abgesehen von den Regensachen, die ich immer griffbereit im Rucksack hatte) und kleineres Equipment wie Stirnlampe & Co. Das Handlebar-Pack ist von beiden Seiten über einen Rollverschluss zugänglich. Das macht die Tasche zum einen komplett wasserdicht und erleichtert außerdem das Packen. Dank der flexiblen Verschlusslösung lässt sich die Tasche immer mittig packen, selbst wenn mal weniger Ausrüstung dabei ist – dann werden die Rollverschlüsse einfach einige Male mehr umgeschlagen. Zwei Kompressionsriemen regulieren das Taschenvolumen und unter die elastische Kordelspinne lässt sich beispielsweise eine Regenjacke oder Karte unterbringen. Das Handlebar-Pack lässt sich eindeutig besser beladen, wenn man es dazu vom Rad nimmt. Der Vorgang ähnelt dann dem Stopfen eines Packsacks und es lässt sich dadurch jede noch so kleine Lücke mit Ausrüstung füllen. Verbleibt die Tasche am Lenker, entstehen doch unnötig viele Hohlräume.

Montage

Die Fixierung am Lenker wird über drei Riemen gewährleistet: An der Lenkstange wird das Handlebar-Pack über Klettbänder und zusätzliche Zugriemen incl. Sicherheits-Steckschließe befestigt und am Steuerrohr über einen einfachen Riemen. Um unterschiedliche Lenkerdurchmesser oder Brems-/Schaltkabelführungen ausgleichen zu können, liegen Distanzstücke aus Schaumstoff bei.

Handhabung und Performance

Nach einigen Experimenten mit den Distanzstücken gelang die Befestigung am Lenker zunehmend gut und war auch allein gut zu bewältigen. Für die Steuerrohrbefestigung wäre für die Zukunft eine doppelte Riemenlösung wie an der Lenkstange wünschenswert, da die Kunststoffstege doch ein paar Spuren am Lack hinterlassen haben. In Sachen Performance lässt sich dem Handlebar-Pack eine ausgezeichnete Bewertung verleihen: Selbst im rauen Gelände und bei rasanten Downhills saß die Tasche absolut stabil am Lenker – so muss das sein!

Ergänzt habe ich die Frontbeladung durch das Accessory-Pack. Dieses wird mit insgesamt vier Metallhaken an den vorgefertigten Ösen des Handlebar-Pack befestigt – eine Sache von Sekunden! Die kleine Tasche mit einem Volumen von 3,5 Litern ist einerseits als Volumenerweiterung gedacht, lässt sich aber auch solo am Lenker befestigen und mit den beiliegenden Gurten als Umhängetasche beim Promenadenbummel verwenden. So habe ich sie nicht genutzt, aber dafür konnte ich meine Fahrradkarte zwischen die beiden Taschen klemmen und hatte sie so immer schnell zur Hand, wenn die Wegführung mal wieder Rätsel aufgab.


Das Seat-Pack ist die Gepäcktasche für das Fahrrad-Heck. Sie wird direkt an der Sattelstütze und an den Sattelstreben befestigt und ist somit nicht nur für klassisches Bikepacking spannend, sondern ebenso für alle Touren- und Gelegenheitsradler*innen, die keinen Gepäckträger nutzen. Das „zuckertütenförmige“ Seat-Pack bietet ein Volumen von bis zu 16,5 Liter. In der hinteren Tasche war neben Isomatte, einem dicken Buch, Waschtasche und Gaskartusche mein gesamtes Essen untergebracht. Da sich das im Verlauf der Tour immer mehr reduzierte, konnte ich die Tasche über den Rollverschluss immer weiter komprimieren. Der Bereich der Tasche, der direkt unter dem Sattel sitzt, ist kunststoffverstärkt, da dort die Befestigungsriemen angebracht sind, die den stabilen Halt gewährleisten.

Montage

Das Seat-Pack muss zwingend sehr straff montiert sein, um bei Geländeritten ein Schlackern und ein Aufschlagen der Tasche auf den Reifen zu verhindern. Die Riemen zur Befestigung an den Sattelstreben ließen sich bei meinen fabrikneuen Taschen nur mit großem Kraftaufwand festzurren. Obwohl ich glaube, dass das im Laufe der Zeit etwas leichtgängiger wird, hätte ich mir ein bisschen längere Riemen gewünscht, um beim Festziehen besser zugreifen zu können. [UPDATE: Auf der OutDoor in Friedrichshafen konnte ich ein neueres Modell ausprobieren und bei diesem liefen die Riemen flüssiger.] Gut gefallen mir die zusätzlichen Sicherungsschnallen, die verhindern, dass sich bei Erschütterung die Riemen lockern. Dem Seat-Pack liegt außerdem ein Riemen bei, mit dem man das nach hinten abstehende und in der Luft hängende Ende der Tasche zusätzlich an der Sattelstütze sichern kann. So schlägt die Tasche selbst dann nicht auf dem Hinterad auf, wenn man sie etwas luftiger gepackt hat. Das ist allerdings mein Pro-Tipp: Je strammer das Seat-Pack gefüllt ist – über die Kompressionsriemen und das Luftventil lässt sich das gut einrichten –, desto besser und ruckelfreier ist die Performance im Gelände.


Fazit

Auch im Bikepacking-Sektor kann Ortlieb positive Akzente setzen. Die Taschen überzeugen durch ihre absolute Wasserdichtigkeit, robustes Material (PS21R = PU-beschichtetes Ripstop-Nylon) und einwandfreie Verarbeitung. An dem ein oder anderen Detail bei den Befestigungssystemen können die Heilsbronner noch ein wenig feilen, um die Taschennutzung noch geschmeidiger zu gestalten. Im Gelände konnten Handlebar-Pack, Seat-Pack und Accessory-Pack mit ihrem kompromisslos stabilen Sitz überzeugen. Bonus: Abgesehen davon, dass man sich beim Bikepacking mehr noch als beim Radreisen auf das nötigste bzw. sehr kleinvolumiges und leichtes Gepäck (bei uns waren es z. B. der perfekt komprimierbare Schlafsack Summerlite, die leichte Isomatte Synmat UL von Exped und das minimalistische NEMO-Zelt Hornet™ 2P) beschränken muss, sprich: automatisch leichter unterwegs ist, kann man diese Taschen auch im Zug am Rad lassen, da sie weder in der Länge noch in der Breite die Dimensionen das Fahrrads überschreiten.

 

Vorschau auf 2018
2018 wird Ortlieb die Bikepacking-Serie erweitern. Auf der OutDoor, der größten Branchenmesse in Friedrichshafen, konnte ich die neuen Modelle schon mal anschauen: Das Handlebar-Pack und das Seat-Pack wird es im nächsten Jahr in einer kleineren Größe S geben (9 Liter bzw. 11 Liter). Gerade beim Handlebar-Pack ist das sehr sinnvoll, da die kleinere Variante auch im vollgepackten Zustand an einen Lenker mit nach unten gebogenen Griffen montiert werden kann. Die hier getesteten Versionen mit 15 und 16,5 Liter wird es natürlich weiterhin geben! Das Portfolio wird erweitert um das Frame-Pack Toptube, eine schmale Rahmentasche mit 4 Litern Volumen, die nicht mit einem Flaschenhalter im Rahmendreieck kollidiert. Diese Taschen sind – logisch! – wasserdicht. Schutzstandard IP53, also nicht die völlige Wasserdichtigkeit, bietet das neue Cockpit-Pack, eine kleine Werkzeug- und Kleinutensilientasche mit 0,8 Litern Volumen, die zwischen Lenker und Oberrohr fixiert wird. Mit der Option, an einen Lowrider weitere Taschen zu befestigen (Ortlieb Gravel-Pack, das schon in diesem Jahr erhältlich ist), lässt sich einiges an Gepäck mit auf das Bikepacking-Abenteuer nehmen. Die Möglichkeit, aus einem reichhaltigen Portfolio – ab 2018 immerhin 9 verschiedene Modelle! – sein Reisegepäck modular zusammenstellen zu können, ist sehr durchdacht und trägt den individuellen Bedürfnissen eines/einer jeden Radreisenden Rechnung. Gefällt!

Weiterschmökern:


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