Testbericht Hilleberg Anjan 2

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tapir- testlabor Zelte Rando | 25. April 2012

Ist ein Hilleberg-Zelt auf einem Zeltplatz in Deutschland nicht etwas zu viel des Guten? Also erst einmal: Das bestimmt ja jeder selbst! Und zweitens: Es ist eine Vielzahl von Konstellationen denkbar, in denen ein Hilleberg auch auf einem mitteleuropäischen Zeltplatz genau richtig ist. Wir testeten das Hilleberg Anjan 2 auf einer kombinierten Paddel- und Wandertour mit einem Packraft – dabei waren kleines Packmaß und geringstmögliches Gewicht elementar notwendig, da das Raft eng und beim Wandern als zusätzliches Gewicht mit dabei war.

Um das kleinstmögliche Packmaß für unser Hilleberg Anjan 2 zu erreichen, haben wir zu einem gaaanz alten Trick gegriffen: Wir haben das Gestänge (Segmentlänge 43 cm) separat verpackt. Dann haben wir das gute Stück samt Heringstüte in einen 4 L – Fremdpacksack gequetscht. Packmaß nun: 25 x  Ø 13,5 cm. Gewicht: Gestänge + Gestängesack 355 g, Zelt + Heringe + Fremdpacksack 1.415 g. Das „Übergewicht“ zu den von Hilleberg im Katalog angegebenen 1.700 g Komplettgewicht rechnen wir mal dem Fremdprodukt zu  :-)   Tatsächlich ist das Hilleberg Anjan 2 aber auch mit den von uns gewogenen 1.770 g noch ein Raum- zu Gewichts-Wunder! Zum Raum später mehr…


Zuerst einmal zum Aufbau: Ich gebe zu, ich habe schon das ein oder andere Zelt aufgebaut. Aber selbst mit null Erfahrung hätte ich wohl nicht länger als 10 Minuten für das Aufstellen gebraucht. So haben (scharfrichterlich gestoppte!) 3:26 min ausgereicht. Zugegeben: für den Stand mit den vier Grundheringen ohne weitere Abspannleinen. Es ist ja aber auch nichts weiter zu tun, als zwei Gestängebögen zusammenzusetzen und in die richtigen Gestängekanäle zu schieben (dabei hilft eine rote Markierung am vorderen, längeren Gestänge und Kanal). Anders als bei  anderen Hilleberg-Zelten muss man beim Anjan 2 nicht mal mehr schauen, auf welcher Seite der Gestängekanal offen ist. Die Gestänge-Endstifte sind so geformt, dass das Gestänge beim Spannen von der anderen Seite des Zeltes aus zuverlässig in der Öse bleibt, in der es zuerst fixiert wurde. Übrigens: Es gibt zwei Ösen in jedem Aufstellband – das bedeutet, dass auch das Drei-Jahreszeiten-Zelt Anjan 2 in jedem Kanal durch einen zweiten Gestängebogen zusätzlich verstärkt werden kann!

Intuitiv hatte ich das Zelt vorn so abgespannt, dass wir den Eingang in der Mitte hatten. Damit ist das Innenzelt optimal wettergeschützt und das Rein und Raus sind recht komfortabel. Unter die beiden Seitenflügel der Apsis passt aber nicht so wahnsinnig viel Gepäck. Jetzt kommt eines der wunderbaren Details des Hilleberg Anjan 2 ins Spiel: Man kann mit drei Handgriffen (und OHNE den Hering umstecken zu müssen!) die Abspannung vom linken Seitenflügel der Apsis auf deren Mittelteil umhängen und nun den linken Flügel als Tür benutzen. Und siehe da: Zwei Rucksäcke plus Packraft plus Trangia-Kocher verschwinden unter dem rechten Vorraumdach und der Einstieg über links ist nur minimal schmaler als die Variante „Mitteltür“. Der lange Eingangs-Reißverschluss ist sehr effektiv gegen alternative Energien geschützt: Er kann mit einem Knebelknopf zuverlässig gegen ungewolltes Öffnen durch Windkraft gesichert werden. Die Bedienung ist durch Schieber mit großen Ringen sehr unkompliziert – aber Achtung: Wer morgens den Knebelknopf lösen und die Tür von unten öffnen möchte, muss sich auf die Länge des gesamten Vorraumes ausfahren um die Bedienelemente an der Spitze des Zeltes erreichen zu können. Vorteil 1: Die Wirbelsäule wird nach der langen Nacht gestreckt. Vorteil 2: Kondensfeuchtigkeit auf der Wiese und am Außenzelt macht den Verschlafenen bei Körperkontakt gleich munter. Alternative: Den oberen Schieber benutzen und beim ersten morgendlichen Ausstieg die flache, unten noch geschlossene „Resttür“ übersteigen. Später kann man dann von außen alles so richten, wie man es schön findet…

Zum Innenzelt des Hilleberg Anjan 2 muss man nicht viele Worte machen: Er ist gut dimensioniert für zwei Bewohner, die aus Gewichtsgründen ohnehin mit schmalem Gepäck unterwegs sind. Bei einer maximalen Innenzelthöhe von 100 cm (nur vorn an der Tür) wird Sitzriesen allerdings gelegentlich der Mittelscheitel mit dem soften Innenzelt-Nylon gestreichelt werden. Das Innenzelt verfügt über eine Wäscheleine/ Laternenaufhängung und über zwei Netztaschen, die die Kontaktlinsen und andere Dinge aufnehmen, die im üblichen Zeltchaos nicht verschwinden sollten. Wer Isomatten mit 51 cm Standardbreite nutzt, hat an den Seitenwänden noch genügend Platz, um dort Bekleidungsteile zur Isolation gegen Seitenkälte zu platzieren. Bei schlechtem Wetter ist das Hilleberg Anjan 2 ein Zelt der kurzen Wege: Der Linksschläfer kocht im Vorraum den Kaffee, der Rechtschläfer holt die Kekse aus dem Rucksack und deckt den Tisch. Keiner verlässt seinen Schlafsack!


So – und nun zum Wesentlichen: Warum ist das Hilleberg Anjan 2 „nur“ ein Drei-Jahreszeiten-Zelt? Jedenfalls nicht wegen des Gestänges! Hier verwendet Hilleberg das gleiche 9 mm DAC Featherlite NSL Gestänge wie zum Beispiel im Vier-Jahreszeiten-Klassiker Allak. Also wegen des Außenzelt-Materials?  Die Reißprobe des neuen Kerlon 1000 beweist sehr schnell: Auch ein Gewebe mit 10 kg Weiterreißfestigkeit kann mit bloßer Hand nicht so leicht weitergerissen werden. Unsere Wochenend-Tour war natürlich nicht geeignet herauszufinden, ob das Material nun bis Windstärke 10 hält oder doch bis 12. Aber Wind gab es schon an der Saale und damit auch eine Überraschung: Das Anjan 2 verhielt sich weitgehend still! Tatsächlich: Bei ordentlich abgespanntem Zelt bleibt trotz der dünnen Materialstärke das befürchtete Gewebegeknatter aus. Das gilt für Wind – bei Sturm haben wir nicht getestet. Aber wer bei Sturm angstfrei und tiefenentspannt  in seinem Zelt abmatten möchte, der muss doch entweder komplett betrunken oder ein Idiot sein. Sprich: Falls es da knattern sollte, dann stört das jedenfalls nicht beim Schlafen – es erhöht höchstens den Adrenalinpegel der sowieso schon (zu Recht und zur eigenen Sicherheit) angespannten Einwohner.

Aber zurück zum Drei-Jahreszeiten-Zelt. Um die Definition zu rechtfertigen, bleibt also nur die Konstruktion – und damit sind wir auf der richtigen Fährte: Das Hilleberg Anjan 2 verfügt über eine Reihe von Merkmalen, die speziell für die Nutzung in gemäßigten bis warmen Regionen konzipiert wurden: Das Außenzelt endet seitlich etwa 15 cm über dem Boden und lässt sich am Heck leicht auf dieselbe Höhe anheben, wenn die Heringe nicht unmittelbar hinter dem Innenzelt gesteckt werden. Dazu muss einfach der Heringseinsteckpunkt mit Zeltleine oder Spannriemen nach hinten versetzt werden. Wenn Wind und Regen von der Seite kommen, lässt sich das Außenzelt auf dem Gestänge sehr einfach um etwa 5 cm zur Wetterseite verschieben. Die Bodenwanne des Hilleberg Anjan 2 ist so hoch gezogen, dass sie dabei auch die 20 cm Lücke zwischen Außenzelt und Boden auf der wetterabgewandten Seite abdeckt. Zusammen mit der Lüftungsmöglichkeit über die Außenzelttür und die großen Moskitonetzlüfter in der Innenzelttür sowie am Innenzeltheck erreicht man dank dieses Außenzeltschnittes schon bei wetterfest geschlossenem Zelt eine sehr gute Belüftung. Bei schönem Wetter geht es aber noch viel besser: Dann können das komplette Vorraumdach und das Außenzelt am Heck aufgerollt und so die Ventilation (und der Ausblick) optimiert werden. Für das hintere Cabriodach gibt es allerdings keine Fixierung am Gestängekanal. Wer also bei aufkommendem Wind nachts nicht raus möchte, der muss es vor dem Schlafengehen schließen. Ist es einfach nur heiß und Regen absolut ausgeschlossen, baut man das Innenzelt des Hilleberg Anjan 2 ohne Außenzelt auf. Das funktioniert, dank der klugen Verbindungen zwischen Innen- und Außenzelt, ohne jedes Zubehör. Als Zubehör und zur weiteren Steigerung des Klimakomforts ist ein reines Mesh-Innenzelt erhältlich.


Ist nun also „bestmögliche Belüftung“ gleich „keine Kondensfeuchtigkeit an der Innenseite des Außenzeltes“? Zumindest in unmittelbarer Wassernähe (wie bei unserer Tour) wohl nicht. Wir hatten Kondensfeuchtigkeit auf der Innenseite des Außenzeltes und dicke Wassertropfen auf der Außenseite, denn in der Nacht war es nicht nur windig – es hat auch mehrmals nicht sehr lange, aber heftig geregnet. Selbstverständlich war das Kerlon 1000 absolut dicht! Aber auch der nicht abgedeckte Eingangsreißverschluss über dem Vorraum (unter dem aber sowieso nur Wiese und kein Rucksack und schon gar keine Schuhe waren) gab keinen Grund zur Beanstandung. Was also tun, wenn das silikonbeschichtete Nylon die Tropfen so wunderbar konserviert und partout nicht trocknen will? Das Zauberwort heißt „abwischen“. Ich schreibe bewusst nicht „abtrocknen“, denn das erledigt dann der Wind. Indem man das Außenzelt von beiden Seiten abwischt, nimmt man einerseits tatsächlich einen Großteil der Feuchtigkeit auf – vor allem aber werden die Tropfen pulverisiert und das Wasser damit für den Wind besser greifbar. Und der macht seinen Job am schnellsten, wenn man ihm möglichst ungehindert Zugang zu den abzutrocknenden Flächen gewährt – in unserem Fall deutlich schneller als wir frühstücken konnten (wollten :-) ), sodass wir am Ende ein trockenes Zelt mit auf die letzte Tagesreise nahmen…

Fazit: Das Hilleberg Anjan 2 ist ein perfektes Zelt für alle, die zu zweit jenseits des Winters leicht unterwegs sein und deshalb sowieso nicht viel Gepäck mitschleppen wollen. Materialien und Verarbeitung bewegen sich auf Hilleberg-typischem, absolut höchstem Niveau und garantieren Wetterfestigkeit und Sicherheit auch jenseits der Baumgrenze und an exponierten Standorten. Die Details sind auf leichte Handhabung und eine Nutzung unter sehr unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen ausgerichtet. Und: Ja, es ist auch ein Zelt für den ganz normalen Sommerurlaub auf deutschen Zeltplätzen, wenn geringstmögliches Gewicht und bestmögliche Belüftung die höchste Priorität haben :-)

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8 Kommentare

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    kofi | 14. Mai 2012, 18:54

    Schöner ausführlicher Erfahrungsbericht, danke dafür. Wir wollen uns das Anjan zulegen und haben es zu Hause mal aufgebaut. Mir macht der große Abstand zwischen Außenzelt und Boden zu schaffen. Wirkt starkt Wind- und Kälteanfällig. Auch das Innenzelt ist halt Ultralight und sehr dünn. Kannst du etwas über die Wärmehaltefähigkeit des Anjan in kalten (Saale-) Nächten berichten?
    Viele Grüße Kofi

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    rando | 14. Mai 2012, 20:34

    Wir hatten einstellige Temperaturen – das war mit Drei-Jahreszeiten-Schlafsäcken und guten Isomatten null Problem. Und so ist das Zelt ja auch gedacht: Es ist im Sommer viel komfortabler als Nallo, Nammatj & Co., im Frühjahr und Herbst bietet es die gleiche Performance, wenn die restliche Ausrüstung auch stimmt – für Wintertouren muß man ein anderes Zelt kaufen.

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    Jens | 19. April 2013, 21:31

    Wir konnten das Zelt bei Windstärke 9 und Regen auf der Osterinsel testen. Es war nach 24 Stunden Dauersturm das einzige von 15 Zelten, das noch stand. Wir reisen nun schon seit 8 Monaten durch die Welt und haben bisher nur gute Erfahrungen mit dem Zelt gemacht. Selbst in der Mongolei bei Minus Temperaturen war bis auf etwas Kondenswasserbildung alles ok.

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    Werner | 16. März 2017, 05:15

    Hallo,

    vielen Dank für die tollen Berichte.

    Was mir helfen würden: wie groß sind die Menschen gewesen, die im Zelt übernachtet haben? Ich finde das Anjan grundsätzlich interessant, habe aber Vorbehalte bei 1,90m Körpergröße, weil man leicht anstößt… Andererseits ist das Keitum schwerer und weniger gut belüftet (dafür deutlich länger innen)…

    Danke!

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    rando | 16. März 2017, 10:37

    Hallo Werner,
    wir sind 172 und 158cm niedrig :-) Für einen 190cm-Menschen empfehle ich unbedingt das Kaitum! Es ist übrigens keineswegs schlechter belüftet – bei schlechtem Wetter, wenn Eingänge geschlossen bleiben müssen und das Außenzelt (beim Anjan) auch nicht hochgerollt werden kann, spielen die beiden gegenüberliegenden großen, hoch gelegenen Lüfter am Kaitum ihre Stärke aus. Auch der größere Innenraum trägt zu weniger Kondensfeuchtigkeit bei. Das Kaitum ist auch deshalb schwerer, weil es eben mehr Komfort-Features hat. Das Konzept des Anjan dagegen ist minimalistisch voll auf niedriges Gewicht ausgerichtet.

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    6
    Werner | 30. März 2017, 05:36

    Hallo nochmal,

    ich habe das Kaitum bestellt und auf einer Holzplattform aufbauen wollen – leider lässt es sich dabei extrem schwierig abspannen, weil die Plattform genau so lang ist wie das Kaitum (ohne GT). Unter solchen Bedingungen scheint dann wohl eher ein Allak oder anderes freistehendes Zelt seine Stärken zu haben. Das Zelt stand zwar, hatte aber keine schön glatte Oberfläche und die Außenhaut berührte teilweise das Innenzelt. Frage: wenn man ein Zelt häufiger unter schlechten Bedingungen aufbauen will, muss man wohl auch als großer Mensch eher ein Allak (oder anderes) nehmen?!

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    rando | 30. März 2017, 10:54

    Ich würde eher zusätzliche Zeltleine und andere Hilfsmittel verwenden, um das Zelt auch unter schwierigen Bedingungen abspannen zu können. Die Abspannpunkte müssen ja nicht auf der Plattform sein – es reicht, wenn dort das Innenzelt steht.

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    Werner | 1. April 2017, 11:49

    Nochmal herzlichen Dank für die schnelle Antwort. Toll, dass man hier online so kompetent beraten wird. Ich habe das Kaitum erstmal behalten :-)

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