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Kolumbien: Klettern in Suesca

Kolumbien: Klettern in Suesca

Suesca wird häufig als das Kletter-Mekka Kolumbiens bezeichnet. Und tatsächlich: Wenn man in Kolumbien klettern möchte, ist das kleine Dorf etwa zwei Fahrstunden nördlich von Bogotá DER Ort dafür. Der scharfkantige Sandstein macht es vor allem für Kletterneulinge nicht gerade einfach, doch kommen auch diese zweifellos auf ihre Kosten. Erfahrene Trad- und Sportkletterer finden auf über 500 Routen ebenfalls so manche Herausforderung, die bis in die 8er-Schwierigkeitsgrade reichen.

Nach einer mehrwöchigen Reise durch Kolumbien blieben gegen Ende noch ein paar unverplante Tage. Da ich seit langem nach Möglichkeiten suchte, meinen Erfahrungsschatz beim Felsklettern zu erweitern, stieß ich nach kurzer Internetrecherche auf Suesca. Die für europäische Verhältnisse enorm günstigen Preise überzeugten mich schlussendlich, einen viertägigen Kletterkurs mit einem lokalen Guide zu machen. Angefangen bei Sicherungs- und Klettertechniken im Vorstieg, über Ankerbau bis hin zur Drei-Seillängen-Multipitch-Route – von diesen gut investierten rund 200 Euro (vier Tage Guide inkl. Equipment) profitiere ich noch heute.

Schwierigkeiten am Sandstein

Da ich bereits einiges an Boulderexpertise (indoor sowie outdoor) hatte und auch etwas Toprope-Erfahrung mitbrachte, konnten wir an Tag 1 die absoluten Basics überspringen und zunächst einfach etwas klettern, um mit der Beschaffenheit der Felsen vertraut zu werden. Obwohl ich dachte, dass die Hornhaut auf meinen Handinnenflächen robust und widerstandsfähig sei, schmerzten meine Hände bereits nach wenigen Routen. Der Sandstein von Suesca ist berühmt-berüchtigt. Zwar sind die Griffe auf den einfachen Routen (Schwierigkeitsgrad 4-5) meist groß und anfängerfreundlich, doch das scharfkantige Gestein macht sie zu einer gelegentlich schmerzhaften Angelegenheit. Aber da muss man durch und spätestens am zweiten Tag hat man sich daran gewöhnt und vergisst es irgendwann ganz.

Einige der Routen in Suesca sind mit Bohrhaken und einer Kette am Top versehen und eignen sich daher zum Sportklettern. Viele Routen sind jedoch traditionell und benötigen somit einen Anker am Ende der Kletterei. Falls man nicht über den Felskopf aussteigen kann, sind für den Anker zwei Metallringe im Felsen verbohrt. Da für dieses Unterfangen etwas Know-how im Seilmanagement vonnöten ist, übten wir das zunächst mit beiden Füßen auf dem Boden. Auch der Einsatz von Klemmkeilen und sogenannten Cams muss zunächst einmal gelernt sein, damit die Zwischensicherungen auch die nötige Last aushalten und tatsächlich als Sicherungen dienen können. Guide Carlos entpuppte sich als sehr guter und detailversessener Lehrer, dem kein Knoten gut genug und Ordnung des Equipments heilig war.

 

Respekt wahren, Angst überwinden

Nach dem ein oder anderen Probedurchlauf war ich schließlich bereit: Zum ersten Mal in meinem Leben kletterte ich am Fels im Vorstieg. Die ersten Züge waren die schwierigsten, denn aus irgendeinem Grund sind die ersten Bohrhaken in Suesca häufig erst nach mehreren Metern erreichbar. An den Gedanken, nicht ständig im Toprope gesichert zu sein, musste ich mich zunächst gewöhnen. Natürlich wählte ich für meine erste Kletterei im Vorstieg keine überaus schwierige Route, sondern etwas im Schwierigkeitsgrad 5a-5b. Und so konnte ich meine Angst schnell überwinden und ohne größere Schwierigkeiten zum Ende der Kletterei gelangen. Auf einem kleinen Felsvorsprung neben der Kette am Top der Route setzte ich mich kurz ab und genoss die Aussicht. Von hier aus ließ sich das gesamte Areal wunderbar überblicken. Eine kilometerlange Felswand auf der einen, landwirtschaftlich genutzte Felder und dichte Brombeerbüsche auf der anderen Seite. Dazwischen: eine alte Zugschiene. Ein paar Mal am Tag fährt auch tatsächlich unter lautem Getöse ein Zug entlang. Und hier und da grast eine dicke, fette Kuh gemütlich neben den Gleisen.

Am zweiten und am dritten Tag ging es vor allem darum, das Gelernte zu vertiefen. Auf verschiedenen Routen bis in den Schwierigkeitsgrad 6b lernte ich, einen Prusik anzulegen, Sport- und Trad-Routen vom Top abwärts abzubauen und verschiedenste Knotentechniken. Außerdem kletterte ich einige wunderschöne Routen. Der Canal de Panama, eine 5b nach französischen Schwierigkeitsgraden, ist ein herrlicher, bis zu 20 Zentimeter breiter Riss, der sich die Felswand hinauf schlängelt. Handjams kannte ich bislang nur aus Klettervideos und erfuhr zum ersten Mal, wie es ist, wenn es den ganzen Körper braucht, um sich einen Riss hinauf zu kämpfen. Nach einigen Anläufen schaffte ich die Route schließlich. Als ich oberhalb des Risses ankam und über mich blickte, sah ich, dass da noch eine ganze Menge Fels über mir ragt. Die 30 Meter lange Route ist nur ein Bruchteil der gesamten Felswand. 150 Meter misst der Kletterfels von Suesca an der höchsten Stelle. Darum schlug Guide Carlos für den nächsten Tag eine Multi-Pitch-Route über die gesamte Höhe vor.

 

Erste Mehrseillängenroute

CAEC sei die leichteste Multi-Pitch in Suesca, erklärte Carlos. Nach ein paar Routen des Warmmachens und erneuter Einweisung und Überprüfung aller gelernter Inhalte ging es los. Drei Seillängen: Carlos kletterte vor, ich hinterher. Den Schwierigkeitsgrad konnte ich nie in Erfahrung bringen, doch es war wirklich nichts allzu Schweres. Ein aus einem Zug bestehendes Boulderproblem ganz am Ende der ersten Seillänge war die einzige ernstzunehmende Herausforderung. Doch es ging hier ja auch um etwas anderes. Es war zum einen das Erlebnis und zum anderen ging es um das Erlernen der Techniken auf einer solchen Route: Seilmanagement, Knotenkunde, Ankerbau und -abbau wurden nun in der ultimativen Kombination angewendet.

Die zweite Seillänge endete kurz vor dem Ende der Felswand auf einer Slab-Wand – also einem wenig steilen Abschnitt des Felsens. Von hier aus waren es nur noch ein paar Meter bis ganz nach oben. Dort angekommen sah ich zum ersten Mal, wie es hinter der Felswand aussieht. Hier erstreckt sich die Landschaft zunächst über ein flaches Tal bis zum Fuß einer dicht bewaldeten Gebirgskette. Die Gipfel hingen in den Wolken und der Tag neigte sich auch schon dem Ende zu und damit auch mein Kletterabenteuer im kolumbianischen Suesca. Ein schöner Anblick zum Abschluss.

Für europäische Verhältnisse ist Suesca sicherlich nicht der dankbarste Felsen. Der scharfkantige Sandstein hinterlässt nach mehreren Tagen deutliche Spuren. Doch wer ohnehin in Kolumbien ist und Lust auf ein paar Tage Tapetenwechsel hat, kommt in Suesca in den Genuss, in die kolumbianische Kletterszene einzutauchen und neue Erfahrungen zu sammeln. Preislich sind die Kletterguides in Suesca absolut im Rahmen und die Nähe zu Bogotá macht den Abstecher ebenfalls erträglich. Für mich hat sich der Ausflug definitiv gelohnt, da ich seitdem auch in Europa häufiger am Fels bin und die Möglichkeit hatte, das Handwerk von einem Profi zu lernen.

Beste Reisezeit

Wer schonmal in Bogotá war, weiß, dass es dort kälter als an anderen Orten Kolumbiens ist, da die Stadt auf fast über 2600 Metern liegt. Suesca liegt ähnlich hoch, allerdings nicht in einem Tal wie das bei Bogotá der Fall ist. Darum ist es kalt und häufig sehr windig. Wenn ich nicht gerade am Klettern war, musste ich eine Jacke drüberziehen und gelegentlich regnete es sogar ein wenig. Ansonsten ist das Klima in Suesca über das ganze Jahr recht beständig ohne allzu große Schwankungen. Die Monate Januar und Februar gelten als die regenärmsten. Grundsätzlich empfiehlt es sich, unter der Woche nach Suesca zu fahren, da die meisten Kletterer Kolumbianer sind, die nur am Wochenende herkommen können – es kann dann auch mal ganz schön voll werden.

Ein- und Anreise

Die Anreise nach Kolumbien ist für EU-Bürger problemlos. Den Einreisestempel für einen Aufenthalt für 90 Tage gibt’s kostenlos on arrival. Um von Bogotá nach Suesca zu kommen, muss man mit dem Transmilenio (Bogotás Bussystem, das wie eine Tram funktioniert) zur Portal Norte fahren. Von hier aus fährt alle 20 Minuten ein Bus Richtung Suesca für 7000 COP (Stand Dezember 2019). Für die Fahrt vom Zentrum in Bogotá bis nach Suesca sollte man mindestens zwei Stunden einplanen. Am besten sagt man dem Busfahrer oder der Busfahrerin, dass man nach Rocas de Suesca oder Suesca Rocks möchte. Der Zugang zum Kletterfelsen liegt einen Kilometer vor dem Ort selbst. Ein kleiner Pfad rechts von der Hauptstraße führt zu den Gleisen, denen man nach links folgen muss, um zur Felswand zu gelangen.

Geld

Die übliche Währung in Kolumbien ist der kolumbianische Peso. In großen Shops kann man häufig mit Kreditkarte zahlen, allerdings sollte man sich nicht darauf verlassen. Vor allem in Suesca gibt es meines Wissens keinen ATM, sodass man unbedingt Bargeld mitnehmen sollte. Die Unterkunft musste ich bar zahlen, den Kletterguide über Paypal.

Sprache

In Kolumbien wird Spanisch gesprochen. Englisch verstehen viele zwar, sprechen es aber selbst nur bruchstückhaft. Vor allem außerhalb der Touristenmetropolen kann es vorkommen, dass NUR Spanisch gesprochen wird. Wenn man einen Guide in Suesca anheuert und kein Spanisch spricht, sollte man sicherstellen, dass dieser Englisch spricht. Carlos, mein Guide, sprach verbesserungswürdiges Englisch, gab sich aber unfassbar viel Mühe. Zusammen mit meinem deutlich verbesserungswürdigen Spanisch konnten wir uns bestens verständigen, sodass die Sprachbarriere nicht zum Sicherheitsproblem wurde.

  • Kletterschuhe: Zwar kann man in den Klettershops und bei den Guides in Suesca auch Schuhe leihen, doch am besten klettert es sich mit den eigenen. Nur wenige Routen in Suesca haben wirklich deutlichen Überhang, sodass ein krasser Downturn-Schuhe fehl am Platz wäre. Am besten eignet sich ein Allrounder, mit dem man sowohl gemütlich Mehrseillängen als auch anspruchsvolle Sportrouten klettern kann.
  • Cams und Nuts: Wer Trad-Klettern will und das bereits vor der Abreise aus Europa weiß, sollte die eigenen Cams und Klemmkeile mitbringen, da das Material vor Ort womöglich nicht ausleihbar oder von mangelhafter Qualität ist. Das gleiche gilt theoretisch für das Seil, allerdings nimmt das schon deutlich mehr Platz und Gewicht im Reisegepäck ein als ein sparsam angelegtes Trad-Rack.
  • Seilschutz: Wer doch mit eigenem Seil anreist, sollte sich unbedingt auch einen Seilschutz zulegen. Wie bereits erwähnt ist der Fels in Suesca extrem scharfkantig. Das gute Seil möchte man schließlich nur ungern über vorstehende Felsen schleifen sehen …
  • https://www.suescalada.com/: Ich buchte meinen Klettertrip in Suesca bei Suescalada. Leonardo ist der Besitzer und ist selbst als Guide in Suesca tätig. Er betreibt allerdings auch einen Outdoorshop in Bogotá, weshalb ich mit dem in Suesca lebenden Carlos unterwegs war. Je nach Gruppengröße und Länge des Aufenthalts variieren die Preise. Ein Guide lohnt sich vor allem dann, wenn man gleichzeitig auch Equipment ausleihen muss. Die Leihe in Suesca selbst ist meist recht teuer und Helm, Gurt, Seil und Schlingen kosten pro Tag beinahe genau so viel wie ein Guide, bei dem die Ausleihgebühren ohnehin inklusive sind.
  • Hostal Caminos de Suesca: Das Hostal Caminos de Suesca wird von Felipe geleitet, einem unfassbar freundlichem Kletterbegeisterten, der selbst auch als Kletterführer in Suesca arbeitet. Mit 5 Euro pro Nacht ist es die günstigste Unterkunft in Suesca. Doch wer nicht mehr als ein Bett, Gemeinschaftsbad und Gemeinschaftsküche benötigt, ist hier genau richtig. Außerdem ist der gemütliche Aufenthaltsraum des Hostels meist Treffpunkt der Kletterszene in Suesca. Felipe verleiht auch Klettermaterial wie Seil, Klemmkeile und Expressschlingen.
  • https://www.thewanderingclimber.com/suesca-climbing-guide/: Ein Blogger, der sicherlich mehr vom Klettern versteht als ich, gibt auf dieser Seite seine liebsten Routen in Suesca preis.
  • Ketterführer Suesca: Einen Kletterführer in Buchform gibt es für Suesca meines Wissens nicht. Im Internet sind die Angaben zu Topos und Schwierigkeitsgraden der Routen sehr unübersichtlich. Meist findet man unbestätigte Klassifizierungen und auch die Guides geben die Zahlen eher nach eigenem Gutdünken an. Die Website https://mestefan.wixsite.com/guiadeescaladasuesca verfügt immerhin über das umfassendste Repertoire an Routen, Topos und Schwierigkeitsangaben.
  • Lonely Planet Kolumbien: Von Suesca überhaupt erst erfahren habe ich im Lonely Planet. Da ich überhaupt nicht geplant hatte, während meiner Kolumbienreise klettern zu gehen, stieß ich eher zufällig auf den Abschnitt über Suesca. Allerdings sind die Informationen sehr limitiert, sodass man um eine eigene Recherche nicht umhinkommt. Hilfreich für die Orientierung und den Transport innerhalb des Landes ist der Reiseführer allemal.
  • „Hundert Jahre Einsamkeit“: Ein gutes Buch sollte immer im Gepäck sein. In Kolumbien nahm ich mir endlich das Werk des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez vor. Der Roman prägte das Genre des magischen Realismus und spielt in einer fiktiven, kolumbianischen Kleinstadt – nicht ganz unpassend für einen Aufenthalt in Suesca.

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