Testbericht: ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men von The North Face

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planet tapir | 7. Dezember 2016

Im Vorfeld unserer diesjährigen Testtour stellte sich mir eigentlich nur eine entscheidende Frage: Welche Jacke ziehe ich da an? Geplant war eine Fahrradtour Ende Oktober im Leipziger Umland bei herbstlichen Temperaturen, laut Wetterbericht waren tagsüber etwa 7 – 11 °C zu erwarten. Erschwerend hinzu kam die für Fahrradtouren typische Spezialbeanspruchung von Funktionstextilien, welche sich aus der Notwendigkeit ergibt, bei Steigungen und anderen Strampeleien den Hitzestau möglichst effektiv zu reduzieren, andererseits aber bei Abfahrten und Windattacken ausreichend vor Unterkühlung zu schützen. Diese beiden Kontraste, Schwitzen und Frieren, mittels funktionaler Ausrüstung gleichermaßen unter Kontrolle zu bringen, stellt ja nun bekanntlich DIE existenzielle Krux seit Erschaffung des Outdooruniversums dar. Und bei Fahrradtouren präsentiert sich diese in ihrem Extrem. Steigungen und schwieriges Terrain fördern Transpiration ungemein, lange Abfahrten mit frostigem Gegenwind oder Pausen senken dagegen die Körpertemperatur schneller als einem lieb ist.

Ich bin der Meinung, dass bei allen Aktivitäten im Freien eine ordentliche Regenjacke zur Standardausrüstung gehören muss, es sei denn, die Reise geht in die ewige Sonne oder ins ewige Eis. Leider disqualifiziert sich eine Regenjacke aufgrund ihrer eingeschränkten Atmungsaktivität für die permanente Nutzung bei Trekking- oder Fahrradtouren. Auch ist Isolation nicht gerade die Paradedisziplin einer Hardshell.


Als besonders vielversprechende Alternative für anspruchsvolle Stop’n’Go-, oder On/Off-Aktivitäten bei niedrigeren Temperaturen bieten sich besonders Hybridisolationsjacken an. Diese zeichnen sich durch eine spezielle Konstruktion aus, bei der zwei verschiedene Isolationsmaterialien miteinander kombiniert werden. In der Regel besteht so eine Jacke im vorderen Torsobereich aus einer stärker isolierenden Kunstfaserfütterung in Verbindung mit einem sehr windabweisenden Außenmaterial. Ergänzt wird diese durch einen Fleecestoff im Ärmel- und Rückenbereich, der in Ruhephasen zwar auch Wärme spendet, bei schweißtreibenden Aktivitäten aber besonders atmungsaktiv und v.a. winddurchlässig ist. So soll Überhitzung durch kontrollierte Ventilation reguliert werden. Optimal ergänzt werden solche Hybridisolationsjacken durch Unterwäsche aus Merinowolle, wahlweise je nach Außentemperatur in Form eines Longsleeves oder T-Shirts. Die hygroskopische Eigenschaft von Wolle gewährleistet, dass derlei Textilien auch nach Phasen intensiven Schwitzens wärmen bzw. sich nicht so feucht anfühlen.

Noch ein Schlauchtuch für den Hals dazu und fertig ist die Oberkörperbekleidung.

Während unserer mittlerweile ohne Übertreibung als legendär zu bewertenden Rad-Testtour hatte ich nun also die große Ehre, das ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men von The North Face ausgiebig und intensiv zu testen.

 

Material und Konstruktion
Bei dem ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men handelt es sich um einen Paradevertreter der beschriebenen Hybridisolationsjacken mit Kapuze. Im vorderen Torso- sowie im Schulterbereich und der Kapuze wird das ThermoBall™- Isolationsmaterial verwendet, am Rücken und den Armen ein mitteldickes Fleecematerial in Strickoptik. Das ThermoBall™-Material ist eine Kunstfaserfütterung, die exklusive von Primaloft in Kooperation mit The North Face hergestellt wurde. Ihr besonderes Merkmal ist die Struktur, mit welcher die einzelnen Fasern im Verbund angeordnet sind. Bei den meisten Kunstfaserfütterungen sind die einzelnen Fasern „endlos“ und ohne zusätzliches Organisationsraster stukturiert. Mit andern Worten: Sie wurschteln wild durcheinander und bilden eine Art Fleece mit sehr hohem Loft. Luft wird in den zwischen den Fasern entstehenden Räumen gehalten und wirkt isolierend. Zack, fertig: warm! Gleichzeitig wird Feuchtigkeit schnell durch dieses Material hindurch geleitet. Also: atmungsaktiv! Nun ist es aber so, dass dieses Fasergewirr nach häufigem Gebrauch an Spannkraft bzw. Elastizität verliert und die Fütterung so mit der Zeit verflacht und verfilzt. Dem wirkt die ThermoBall™-Konstruktion gezielt entgegen. Die Kunstfasern werden nicht einfach chaotisch miteinander verwirkt, sondern als ballförmige Faserbündel strukturiert. Diese kleinen, runden Synthetik-Cluster speichern Luft noch effizienter. Der Hersteller spricht in diesem Zusammenhang gar von einem Isolationsvermögen und einer Komprimierbarkeit die sich äquivalent zu einer Daune mit einer Bauschkraft von 600 cuin verhalten. Zudem verfilzen die Fasern weniger schnell und behalten ihre Formstabilität, also ihr Isolationsvermögen, länger. Dass Kunstfaser auch im feuchten Zustand wärmt, worin im Grunde der eigentlich einzig wahre Vorteil im Vergleich zu Daune begründet ist, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Das im vorderen Torsobereich sowie an Schultern und Kapuze eingesetzte Außenmaterial ist leicht, äußerst strapazierfähig und relativ winddicht. Das an Armen und Rücken verwendete Fleecematerial ist ein klassisches 150er-Fleece in schöner Strickoptik und weich-flauschiger Innenseite.


Schnitt und Passform
Der Schnitt ist The-North-Face-untypisch etwas körpernaher und alpin, soll heißen: Die Jacke ist nicht mit übermäßiger Rückenlänge konfektioniert. Dennoch wurde der rückwärtige Bereich oberhalb meines Gesäßes beim Fahrradfahren nicht völlig frei gelegt, es blieb also in Kombination mit einem Merinowoll-Shirt alles einigermaßen warm und zugfrei. Der Saum kann durch einen elastischen Kordelzug weitenreguliert werden, die Ärmelbündchen sind elastisch eingefasst, aber nicht verstellbar. Die Kapuze ist nicht übermäßig innovativ geschnitten, aber verstellbar und bei Ruhepausen extrem nützlich.
Lediglich zwei leichte Einschränkungen seien erwähnt: So kann es in Abhängigkeit von der Anatomie des Trägers sein, dass das ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men bei bestimmten Körperhaltungen wie etwa nach vorn gestreckten Armen (siehe: Radfahren!) im Schulterbereich ein wenig spannt. “Angel-wing-movement” ist auf jeden Fall anders. In Kombination mit einem Longsleeve gestaltet sich außerdem das Anziehen der Jacke ein wenig reibungsintensiver, da die Fleeceärmel nicht völlig frei über andere Textilstoffe gleiten. Dennoch bleibt ein ausgesprochen positiver Gesamteindruck. Die Jacke sitzt im Schulter- und Achselbereich so wie sie soll. Auch in Kombination mit etwas dickerer Unterwäsche ermöglicht die Passform ordentliche Bewegungsfreiheit und der Tragekomfort ist äußerst angenehm. Ich hatte die Jacke schlussendlich die gesamte Zeit über an und sowohl bei Aktivität als auch in Ruhepausen fühlte ich mich zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt oder behindert, zumindest nicht mehr als sonst.

 

Performance
Nun ist nach all diesen formalen Kriterien aber die eigentlich wesentliche Frage zu beantworten: Hat das ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men auch funktional überzeugen können? Mit einfachen Worten: Ja, es hat! Und zwar richtig. Bei Steigungen und anderen anstrengenden Passagen erwies sich Atmungsaktivität als außergewöhnlich gut. Selbst, wenn das Material nach extremen Verausgabungen doch mal etwas nasser wurde, trocknete es in Windeseile. Bei anschließenden Abfahrten konnte es dann zwar etwas frischer werden, jedoch liegt dies in der Natur der Sache. Auch The North Face vermag thermo-kinetische Gesetzmäßigkeiten nicht außer Kraft zu setzen. Es war vielmehr so, dass eine wärmere Jacke in dieser Situation zwar besser isoliert hätte, dafür aber vorher für deutlich mehr Transpirationsnässe gesorgt hätte und folglich das Resultat im Endeffekt ähnlich ausgefallen wäre. Insgesamt erwies sich die Winddichtigkeit der ThermoBall™-Isolierung als absolut effektiv, die Isolation bis auf Extremsituationen als völlig ausreichend. Ein zusätzliches Plus stellt die Strapazierfähigkeit des Außenmaterials der ThermoBall™-Isolierung dar. Wie bei vielen Isolationsjacken für moderat kühle Einsatzbereiche wurde auch hier ein sehr leichtes Außenmaterial verwendet. Es ist, wie viele andere Gewebe dieser Kategorie auch, ziemlich winddicht und leicht wasserabweisend. Allerdings ist es deutlich abriebfester als andere Materialien, die üblicherweise Verwendung finden. Zwar ist die Jacke nicht komplett rucksacktauglich, da droht das Fleecematerial im rückwärtigen Beckenbereich dann doch mit Pilling. Aber für Touren mit mäßiger Last, etwa Hütten- oder Klettersteigtouren, ist das Material definitiv robust genug.
Insgesamt ist zu konstatieren, dass das ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men mit einem beeindruckenden Funktionsumfang aufwartet und eine Vielzahl von Einsatzbereichen abdeckt. Besonders hervorzuheben sind die hervorragenden thermoregulatorischen Eigenschaften dieser Hybridisolationsjacke. Bei schweißtreibenden Aktivitäten während kühler Außentemperaturen wird das Körperklima optimal reguliert und Wärmestau verhindert. Dies liegt neben der an und für sich bereits guten Atmungsaktivität vor allem an der Ventilationswirkung, welche auf das winddurchlässige Fleecematerial im Ärmelbereich zurückzuführen ist. Bei kühleren Temperaturen hält es hingegen zuverlässig warm. Hierbei ist anzumerken, dass es jedoch auf keinen Fall eine richtig warme Isolationsjacke für abendliche Regenerationsphasen ersetzt.


Fazit
Das ThermoBall™ Gordon Lyons Hoodie Men ist etwas schwerer als andere Hybridisolationsjacken aber deutlich leichter als gemeine Softshells, zu denen es meiner Meinung nach in ernstzunehmender Konkurrenz steht. Es eignet es sich ideal für Trekkingtouren im Frühling und Herbst bei Temperaturen zwischen 0 und 15 °C mit etwas mehr Gepäck und steilem Anstieg. Je nach Befindlichkeit kann es dabei mit einem Langarmshirt oder einem T-Shirt kombiniert werden. Alles in allem ist es ein sehr intelligentes Allround-Jäckchen mit hohem Lieblingsteil-Potential!

 

 

 

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Kommentare

  1. avatar
    1
    Anne | 10. Dezember 2016, 19:32

    Wie an den Fotos im Artikel zu sehen, war ich mit der Frauenvariante des ThermoBall Gordon Lyons Hoodie unterwegs. Ich habe deshalb zur Testtour mein geliebtes Arc’teryx Atom LT Jacket zu Hause gelassen, das normalerweise meine wärmende Zwischenschicht bzw. äußere Lage bei moderaten Temperaturen ist. TESTtour heißt nicht ohne Grund so und so war ich froh, mal eine Alternative ausprobieren zu können (auch wenn Größe M für meine 166 cm/ 55 kg + eher kurze Arme ein bisschen zu groß war). Die Jacke ist zwar etwas schwerer als mein o. g. Vergleichssubjekt, was vorwiegend am recht dicken Fleece und dem sehr robusten Obermaterial der Isolationspartien liegt. Was allerdings den Tragekomfort und die Funktionalität betrifft, kann ich mich Gabriels Bewertung nur anschließen. Ich habe ein Tank Top (Merinowollmischgewebe) und ein Longsleeve (Merinowolle) darunter getragen und eigentlich ist mir erst am Ende der Testtour aufgefallen, dass mir das IMMER genügt hat – sowohl in Bewegung als auch bei Pausen. Das spricht in meinen Augen sehr für die Temperaturregulationsfähigkeiten dieser Jacke, denn weder überhitzt der Körper, noch kühlt er aus. Prima! Das Fleece ist auf der Innenseite herrlich weich aufgebürstet und trägt sich deswegen sehr angenehm. Ich habe auch die Fütterung des Ärmels (nur Vorder- bzw. Oberseite) sehr genossen. Denn die Arme sind beim Radfahren genau an dieser Stelle dem Fahrtwind hemmungslos ausgeliefert. Nur mit dem Gordon Lyons Hoodie eben nicht! :) Durch das Fleece im Achselbereich strömt jedoch immer ein sanftes Lüftchen und trägt die Schwitzfeuchte davon. Genau das erwarte ich von dieser Art Jacke – und das Versprechen wurde mit Bravour eingelöst. Wer also ein paar Gramm mehr nicht als störend empfindet, also nicht UL unterwegs ist, dafür aber den Wunsch nach einem robusten Wärmespender für vielfältig(st)e Aktivitäten verspürt, trifft mit dieser Jacke voll ins Schwarze. Apropos: Ich habe auf der Testtour farbtechnisch ein bisschen auf “graue Maus” gemacht, aber die Farbe deep garn red, ein abgemildertes Weinrot, sieht in meinem Augen noch eine Spur besser aus.

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