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Teaserbild: Mit dem Fahrrad durch Turkmenistan

Mit dem Fahrrad durch Turkmenistan

Wir folgen lediglich dem Highway von Sarakhs nach Farap zur usbekischen Grenze, denn Abstecher verbietet die Polizei noch einmal ausdrücklich am Grenzübergang. Innerhalb von 5 Tagen müssen wir etwa 500 km schaffen, wer das Transit-Visum überzieht, zahlt! Ein 14 tägiges Touristen-Visum inklusive obligatorischem Guide würde unser Budget sprengen. Wer es irgendwie einbauen kann, der sollte sich den lodernden Derweze-Krater inmitten der Karakum-Wüste nicht entgehen lassen. Da wir bei Gegenwind und Hitze eher langsam vorankommen und die usbekische Grenze unter allen Umständen aus eigener Kraft erreichen wollen, passieren wir die größeren Städte nur und lassen alle Sehenswürdigkeiten links liegen. Wer schneller ist, sollte einen kurzen Besuch der schmucken Innenstadt Marys einplanen.

Unsere Radreise führt entlang der ehemaligen Seidenstraße von Iran weiter gen Osten. Um nach Usbekistan zu gelangen, bleiben zwei Optionen: die Querung der turkmenischen oder – nach vorheriger Fährüberfahrt – kasachischen Steppe. Da Turkmenistan direkt auf unserer Route liegt, fällt die Entscheidung leicht. Dennoch wissen wir: das Land ist ein heißes Pflaster – klimatechnisch und politisch.

Räder und Ausrüstung
Bereits Anfang Mai steigt das Thermometer auf über 40 °C. Da zwischen einzelnen Shops und Tankstellen teils nichts als Ödnis liegt, nutzen wir 10 Liter-Wassersäcke von Ortlieb zum Wassertransport. Mit den handlichen, leichten Filtern von Sawyer lassen sich sämtliche Keime eliminieren. Zudem tragen wir regelmäßig Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 auf. Andere Radreisende schützen sich mit Basecaps unter den Helmen. Die Straßenverhältnisse an sich stellen keine besonderen Ansprüche an die Räder. Wir sind unterwegs mit den Terra-Modellen der Marke Patria.
Wer zeltet, sollte seine Schuhe abdecken und morgens gut ausschütteln, auch beim morgendlichen Packen ist Vorsicht geboten: zahlreiche giftige Skorpione und Spinnen krabbeln nachts um das Zelt und verstecken sich im Gepäck. Und, wir hätten es nicht gedacht: ein Insektenrepellent ist auch in der Wüste lebensnotwendig! Wir zelten mitunter in der Nähe von Bewässerungskanälen und erleben die schlimmsten Mückenplagen jemals. Die Plagegeister umschwirren uns so dicht, dass wir lieber nackt und schwitzend im Zelt essen als uns draußen leersaugen zu lassen.

Straßen/Verkehr
Der Highway ist größtenteils radlerfreundlich geteert. 100 km Flachland pro Tag klingen deshalb nach einer akzeptablen Herausforderung – aber, aber … Nach einer Kontrolle zäher als Kaugummi überqueren wir die Grenze erst zur Mittagszeit. Die Sonne erweicht den Teer zu klebrigem Honig, in flirrender Hitze haben wir bisweilen das Gefühl durch Treibsand zu fahren. Schnurgerade Straßen führen durch topfebene Wüste und stetiger Gegenwind treibt turmhohe Windhosen über das Land.
Um Kräfte zu sparen, fahren wir in wechselseitigem Windschatten. Wer von West nach Ost radelt, den treibt der Wind dagegen an. Ab und an erweist sich der Highway als baufällig, Schlaglöcher bremsen uns aus. Wann immer möglich weichen wir deshalb auf die neu geteerte Fahrbahn aus, noch nicht offiziell für den Verkehr freigegeben, aber parallel zur Hauptstraße führend. Fahrzeuge passieren uns alle paar Minuten, im Notfall ließe sich also immer Nahrung und Wasser oder eine Mitfahrgelegenheit auftreiben.

Übernachtung und Verpflegung
Wir zelten in Ortsnähe oder rollen unsere Isomatten für wenige Manat in Truckstops aus. Inmitten der Wüste zu schlafen vermeiden wir, um am nächsten Morgen ausreichend Wasser für unterwegs auftanken zu können. Meist essen wir günstig in kleinen Restaurants am Straßenrand, „Kafes“ genannt, dort sind auch Wasser, Saft und Brausen erhältlich. Wasser geben uns zudem die Polizisten der unzähligen Kontrollposten mit auf den Weg.
Als Daniel zu Beginn zu wenig trinkt, erleidet er einen Schwächeanfall, anschließend sind wir achtsamer und trinken nach festem Zeitplan: etwa 1 l Wasser pro 20 Fahrkilometer. Da uns die Grenzpolizisten verbieten, nach Sarakhs einzubiegen, essen wir im etwas versteckten Truckstop neben der ersten Tankstelle nach dem Grenzübertritt, danach kommt lange nichts. Zwischen Repetek und Ucajy (60 km) besteht keinerlei Verpflegungsmöglichkeit.

Gesellschaftspolitische Lage
Turkmenistan kann durchaus mit den diktatorischen Eigenheiten Nordkoreas konkurrieren. Das Land wurde nachhaltig durch den Alleinherrscher Niyazov geprägt, der sich selbst die Namen „Führer der Turkmenen“ und „Diamantenkranz des Volkes“ gab. Per Gesetz benannte er alle Monate und Wochentage nach Mitgliedern seiner Familie, dazu einen Meteoriten und eine Melonensorte nach sich selbst. Seine Minister mussten ihn noch zu Lebzeiten zum Propheten ausrufen.
Die Einnahmen aus den gewaltigen Erdgasvorkommen des Landes flossen sicher nicht ins Sozialwesen: alle Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt wurden geschlossen, die Renten gestrichen. Selbst der nachfolgende Präsident lockerte nur die aberwitzigsten Reformen (heute darf man wieder Musik im Auto hören), die Einwohner werden weiterhin von strenger Hand geführt. Doch wie auch in Iran treffen wir auf freundliche, hilfsbereite, wenn auch etwas zurückhaltendere Menschen. Schade, dass wir nur so wenig Zeit haben sie kennenzulernen.

Fazit
Was muss, das muss – getreu dem Sprichwort spulen wir 500 km in einem sich abschottenden Überwachungsstaat ab. Inmitten der Ödnis heitern uns dennoch Dromedarherden und freundliche, farbenfroh gekleidete Menschen auf. Nach striktem Zeitplan und in wechselseitigem Windschatten kommen wir unerwartet gut voran und erreichen glücklich wie erschöpft nach vier Fahrtagen die usbekische Grenze.

Reisezeit
Bereits Ende Mai steigt unser Tacho-Thermometer auf 42 °C im Schatten. In den noch heißeren Sommermonaten zu radeln, erscheint uns als schiere Quälerei. Hinzu kommt im Sommer ein besonders starker Nordostwind, die Durchquerung des Landes Richtung Osten wird dann noch einmal etwas anstrengender. Dem extremen Kontinentalklima geschuldet, versprechen die Wintermonate teils eisige -20 °C. Bestenfalls quert man das Land im März/April oder September/Oktober.

Anreise
Von Iran aus passieren wir die turkmenische Grenze über Land bei Sarakhs. Zudem ist es möglich, von den angrenzenden Ländern Usbekistan, Kasachstan und Afghanistan einzureisen. Darüber hinaus besteht eine unregelmäßige Fährverbindung von Aserbaidschan über das Kaspische Meer. Der einzige internationale Flughafen befindet sich nahe der Hauptstadt Ashgabat.

Einreise
Nur mit gültigem Visum möglich. Ein fünftägiges Transit-Visum zu erhalten gleicht einem Lotteriegewinn. Uns begegnen einige Radreisende, die Nieten zogen und einen Flieger nach Usbekistan nehmen mussten. Wer einreisen darf, scheint völlig willkürlich. Wir reichen die Visa-Unterlagen persönlich bei der turkmenischen Botschaft in Berlin ein und stellen bestürzt fest: nicht alle notwendigen Dokumente werden auf der Homepage angegeben! Wichtig ist zudem die korrekte Angabe des geplanten Grenzübertritts. Die genannten Ein- und Ausreise-Orte sind auf dem Visum verzeichnet und erlauben keine Alternativen. Beim Grenzübertritt selbst ist eine Einreisegebühr von 12 Dollar pro Person fällig.

Sprache
Amtssprache ist Turkmenisch, mit Russisch wird man allerdings überall weiterkommen. Englisch sprechen nur wenige Grenzpolizisten, mit Tourismus Vertraute sowie Stadtbewohner.

Geld
1 € entspricht etwa 4 turkmenischen Manat. Pro Tag geben wir zu zweit etwa 13 € aus, inklusive Mittag- und Abendessen sowie einem kleinen Obolus für Übernachtungen in Truckstops. Kreditkarten werden nur in wenigen Hotels in Ashgabat akzeptiert, auch gibt es kaum Geldautomaten, die VISA- oder Master-Cards annehmen. Wir wechseln direkt an der Grenze ausreichend Dollar in Manat. Möglicherweise begegnen einem aber auch andere Radler, mit denen man tauschen kann.

caravanistan
Aktuelle Informationen zu Grenzübergängen und Visabestimmungen.

freedomhouse
Wissenschaftlich fundierter Überblick über die aktuelle gesellschaftspolitische Situation und Entwicklungen.

zeit
Gelungener Artikel über den verrückten Diktator Turkmenbashi.

Bradley Mayhew et al, Central Asia Multi-Country Guide, Lonely Planet, 2014.
Wir sind zwar keine Fans des „hippen“, nervigen Schreibstils der LP-Autoren, dennoch ist der Reiseführer kompakt bestückt mit den wichtigsten Informationen zu Turkmenistan und Co. Im Sommer 2018 erscheint die Neuauflage.

Landkarte Zentralasien (1:1.700.000): Usbekistan, Kirgisistan, Turkmenistan und Tadschikistan, Reise Know-How, 2016.
Eine sinnvolle, übersichtliche Ergänzung zur Navigation mittels GPS. Viele Langzeitradler sind damit auf der Seidenstraße unterwegs.

Becker, Elke, Russisch – Wort für Wort, Kauderwelsch Sprachführer, Reise Know-How, 2015.
Liefert zentrale sprachliche Basics, um zumindest Einkaufen und Organisatorisches regeln zu können.

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