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Teaserbild: Radreise durch das chinesische Yunnan

Radreise durch das chinesische Yunnan

Die Provinz Yunnan ist etwas größer als Deutschland, aber deutlich weniger dicht besiedelt und die zweitärmste der Volksrepublik. Die Landschaft ist deutlich abwechslungsreicher und reizvoller als der immer dichter besiedelte Osten des Reiches. 36 Minoritäten bilden zudem in ihren bunten Kostümen angenehme Farbtupfer im Einheitsgrau urbaner Betonlandschaften.

Wir landen in Kunming und verbringen einige Tage bei Warmshowers-Gastgebern, bevor wir Richtung Dali aufbrechen. Die Stadt ist schmuck hergerichtet und erinnert entfernt an tibetische Baukultur – von der originalen Altstadt ist allerdings fast nichts mehr übrig, stattdessen wurde der antike Baustil mehr oder weniger kitschig nachgestellt. Wir umrunden den Erhai-See und mäandern über unzählige Pässe zu den Reisterrassen der Hani bei Honghe, seit 2013 Weltkulturerbe und jetzt im Winter besonders hübsch anzusehen. Schließlich radeln wir über den Regenwald bei Xishuangbanna zur laotischen Grenze, die wir problemlos bei Mengla übertreten.

Räder und Ausrüstung

Yunnan ist extrem gebirgig (pro Kilometer schrubben wir so viele Höhenmeter wie nirgendwo sonst), An- und Abstiege von 30, 40 Kilometern sind an der Tagesordnung. Wichtig sind daher möglichst viele Gänge und starke Bremsen – wir fahren gut mit Rohloff und hydraulischen Scheibenbremsen. Fahrradfahren ist völlig out und Kindern, Alten und ein paar Studenten vorbehalten. Entsprechend rar sind Radläden, selbst in der Sechs-Millionen-Stadt Kunming gibt es nur eine Handvoll mit mäßiger Ausstattung. Alle wichtigen Teile daher mitführen oder per UPS aus Deutschland schicken lassen.

Wir befinden uns im kommunikativen Niemandsland: Wir sprechen kein Wort Chinesisch, die Einheimischen kein Wort Englisch und alle Schilder sind in unverständlichen Zeichen beschriftet. Manche Straßen werden mit arabischen Zahlen ausgewiesen, manche nicht, und wir können nicht einmal nach dem Weg fragen. Ohne Google-Übersetzer (als Offline-Variante!) und ein Smartphone mit GPS wären wir aufgeschmissen. Hervorragend funktioniert die App OsmAnd+, deren kostenlose OSM-Karten offline verfügbar sind und jeden Feldweg und Einkaufsladen kennen. Damit lässt es sich weltweit einfach und sicher selbst durch Millionen-Metropolen navigieren.

 

Straßenbedingungen

Der Flüsterasphalt Yunnans ist Balsam nach den Schotterpisten Zentralasiens. Traumhafte Steigungsgrade (selten > 5 Prozent) ermöglichen entspanntes Treten, trotz der Vielzahl an Höhenmetern. Die Straßen sind oft recht breit und mit schmalem Seitenstreifen ausgestattet, wir fühlen uns meist sicher. Wer ohne GPS radelt, braucht starke Nerven, denn die Provinz ist immer noch eine Endlosbaustelle. Kolonnen aus Schwerlasttransportern, Sattelschleppern und Traktoren krachen ununterbrochen an uns vorbei, offene Zweitaktmotoren ohne Schalldämpfer, die an den steilen Hängen dröhnen wie startende Düsenjets. Wir werden beständig von der Bahn gehupt – die Chinesen hupen IMMER, oft völlig unnötig, aber mehr aus Rücksichtnahme und weniger aus Boshaftigkeit. Unablässig ballert uns der Gegenwind Abgase und Zement ins Gesicht und wenn es regnet, verwandeln sich die Baustellen in zähe Schlamm- und Lehmpisten. In den vergangenen Jahren wurden allerdings viele Baustellen fertiggestellt, bald werden die allermeisten Straßen in perfektem Zustand sein. Viele Chinaradler empfinden das Reisen hier als angenehm und entspannt, uns hingegen hat es gestresst und eher überfordert.

 

Verpflegung und Übernachtung

Wir genießen das reichhaltige Essen in kleinen Straßenrestaurants, einfach geordert, denn man kann auf die gewünschte Kost in den reichlich bestückten Kühlschränken zeigen, die direkt im Speiseraum stehen. Mit Google Translate erkläre ich problemlos, dass ich Vegetarierin bin. Unbedingt vorher Preise erfragen, diese variieren stark. Handeln ist möglich!

Nun zum schwierigsten Teil, den Übernachtungen: Wer mit üppigem Budget reist, der checkt einfach in eines der Hotels mit Ausländerlizenz ein – in üblichen Buchungsportalen online zu finden. Wir empfehlen nicht zu reservieren, da vor Ort der Übernachtungspreis verhandelt werden kann und manche Hotels weder über saubere noch rauchfreie Zimmer verfügen. Hotels, auch die für westliche Gäste, werden selten durch Schilder ausgewiesen, sind aber meist als solche zu erkennen (große Foyers mit Weltuhren, Tresen etc.). Aufgrund unseres begrenzten Budgets zelten wir meist wild, ein recht nervenaufreibendes Unterfangen. An den steilen Bergflanken finden sich kaum Zeltmöglichkeiten und flaches Terrain wird vollständig landwirtschaftlich genutzt. Wir quetschen uns zwischen Gewächshäuser und Plantagen für Kaffee, Bananen und Zuckerrohr, zelten versteckt auf Trampelpfaden inmitten des Regenwaldes. Häufig karren wir die Räder steile Terrassen hinauf, um nicht einsehbar zu sein. Offiziell ist Wildzelten in China verboten, aber in Yunnan schert sich keiner um die fremden Radler im Zelt. Privatleute nicht direkt nach Übernachtungsmöglichkeiten fragen, um sie vor der Polizei zu schützen: Ihnen ist es nicht gestattet, Ausländer zu beherbergen.

Verständigung und Kulturschock

Nach den zentralasiatischen, häufig auf Subsistenzwirtschaft basierenden Ländern sind wir schockiert über das Konsumverhalten der Chinesen. Ankunft im chinesischen Kunming: Unser Abendessen verschwindet fast in dessen Verpackungsmüll, am Nachbartisch bleiben ganze Menüs unangetastet zurück, genauso halbvolle Kippenschachteln – Verschwendung gilt als Statussymbol. Ein Konsumtempel reiht sich an den nächsten, Werbung prasselt unablässig auf die Passanten ein, die vertieft in ihre digitalen Begleiter unfreiwillig zusammenstoßen. Die SUV blitzen und blinken und wenn sich die Türen öffnen, entsteigt zunächst das Smartphone, dann der Selfie-Stick, zuletzt der Fahrer. Erstmals werden wir nicht neugierig gefilmt und fotografiert, die Chinesen knipsen sich lieber selbst, permanent. Ich kann mich auch nach Wochen schwer an die animalischen Tischmanieren gewöhnen, das Schmatzen und Schlürfen, das geräuschvolle Spucken, als ob sich jemand erbreche, das aber der inneren Reinigung dient. Auch stört, dass immer und überall gequalmt wird, selbst während des Essens. Mütter animieren ihre Kinder, in Mülleimer oder den Eingang des Restaurants zu pinkeln, direkt neben uns. Manch einer popelt, dass ich Angst um sein Riechzentrum habe. Und die unüberwindbare Sprachbarriere hindert uns daran, tieferes Verständnis für diese Eigenarten zu entwickeln.

Nichtsdestotrotz sind die Chinesen nett, sehr sogar, hilfsbereit und angenehm distanziert. Manchmal sogar zu kontaktscheu, zu sehr mit dem eigenem Vorankommen beschäftigt. In den vergangenen zehn Jahren installierte China 80.000 km Autobahn, das längste Netz für Hochgeschwindigkeitszüge, die längste Brücke (164 km) und selbstverständlich auch das größte Einkaufszentrum der Welt – mit 1.500 Geschäften. Innerhalb von drei Jahren fraß der Bauwahn mehr Beton als die USA im gesamten 20. Jahrhundert. Die Kommunistische Partei braucht Superlative, um die Spannungen zwischen Bettelarmen und Superreichen, Bauern und Großstädtern zu glätten und den Unmut gegen Korruption, horrende Mieten und vergiftete Babynahrung zu besänftigen. Präsident Xi Jinping will mit Nationalstolz den gesellschaftlichen Flickenteppich noch enger knüpfen. Er kreierte den markigen Slogan vom „Chinesischen Traum, dem Wiederaufstieg der chinesischen Nation“, der nun von Kashgar bis Peking das Volk auf monumentalen Plakaten antreibt. Bis 2049, dem 100-jährigen Geburtstag der Volksrepublik, soll China DIE geopolitische, wissenschaftliche, militärische und natürlich wirtschaftliche Weltmacht sein. Auf dem Rad bekommen wir das fleißige Streben, die Eile der Truckfahrer, den Bauboom täglich zu spüren, auch die krassen Unterschiede zwischen Hightech-Citys und ärmsten Weilern.

 

Fazit

Wir sind dankbar, das vielschichtige, mitunter gnadenlos voran strebende China sehr intensiv auf dem Rad erleben zu dürfen. Nach zwei Monaten verlassen wir das Land jedoch erleichtert. Wir fragen uns, wie man inmitten all des Staubs und Geräusch-Terrors leben kann. Zudem stellt dieser Abschnitt der Reise die Beziehung auf die Probe: Wir sind völlig auf uns alleine gestellt, niemand spricht Englisch, keiner sucht Kontakt, jeder wirtschaftet fleißig vor sich hin. Zwei Monate einsam zu Zweit, das zehrt. Wir blicken wehmütig zurück auf die entspannt-plaudernden, offenen Zentralasiaten. Ich bedauere, dass der Westen dem Osten kein alternatives Fortschrittsmodell anbieten konnte, im Gegenteil: China treibt unseres noch auf die Spitze. Wohlstand und Fortschritt versprechen viel, meinen jedoch in ihrer jetzigen Ausformung nur das gleiche wie Zerstörung und Desozialisierung. Natürlich wussten wir das irgendwie verschwommen im Voraus, aber durch dieses „Wirtschaftswunder“ mit dem Fahrrad zu fahren und am eigenem Leibe zu spüren, wie die Moderne alles niederwalzt, bringt uns völlig aus der Fassung.

Reisezeit
Die Provinz Yunnan erstreckt sich ganz im Norden bis in das tibetische Hochplateau, ganz im Süden jedoch in subtropische Gefilde. Ein Besuch Tibets (Lijiang und noch weiter gen Norden) bietet sich im Spätsommer an, dann ist es meist trocken mit guten Fernsichten und noch nicht zu kalt. Spätestens ab Oktober muss hier mit Schnee gerechnet werden, der oft bis Mai liegenbleibt. Der Winter wird von extremer Kälte beherrscht und ist generell nicht zu empfehlen. Die Gegend ist dann noch verlassener als sonst und Wölfe treiben des nachts ihr Unwesen.

Der subtropische Süden wird im Sommer unangenehm heiß, die beste Reisezeit ist hier von Herbst bis Frühjahr. Rund um die Neujahrswende fallen die die Temperaturen manchmal unter den Gefrierpunkt. Nicht selten starten wir morgens im dampfenden Tiefland, queren die Wolkendecke in dichtestem Nebel und bibbern in eisigen Winden auf der Passhöhe. Das größere Ungemach jedoch bringt die manchmal extrem hohe Luftfeuchtigkeit von knapp 100 Prozent. Am Morgen ist unser Hab und Gut pitschnass und wir haben Mühe, die Utensilien im Laufe des Tages wieder zu trocknen.

Anreise
Internationale Flughäfen liegen bei Kunming, Dali, Lijiang und Xishuangbanna. Die Einreise über Land ist von Vietnam, Laos und (recht aufwendig) von Myanmar aus möglich.

Einreise
Nur mit gültigem Touristenvisum gestattet. Da eine Vielzahl von Formularen und Bestimmungen die Beantragung des Visums verkompliziert, empfehlen wir die Inanspruchnahme einer Visaagentur. Die Beantragung kann nur bei einem der (je nach Wohnsitz verantwortlichen) chinesischen Konsulate in Deutschland erfolgen – derzeit erhält man kein Visum in den Ländern entlang der Seidenstraße. Das Visum ist drei Monate gültig, allerdings braucht man auf dem Rad von Deutschland üblicherweise deutlich länger, um die chinesische Grenze zu erreichen. Wir beantragen daher vor Reisebeginn einen Zweitpass, füllen alle Visaformulare aus und beauftragen eine Agentur, diese später einzureichen und uns den Zweitpass mit Touristenvisum unterwegs zuzusenden. Wer eine Einladung eines chinesischen Staatsbürger vorzeigt, spart sich lästige Hotel- und Flugreservierungen im Voraus und erhält mehr als die üblichen 30 Tage Aufenthaltserlaubnis.

Trotz Visums: Die chinesische Grenzkontrolle kann sich über Stunden hinziehen. Wer über Land einreist, sollte Messer, Feuerzeuge, selbst Nagelscheren gut eingewickelt (geräuschlos beim Schütteln) im Fahrradrahmen verstecken.

Geld
Chinesische Yuen lassen sich in vielen größeren Städten problemlos mit Visa-Karte an Geldautomaten der Bank of China abheben. Das Essen ist in Garküchen mit zwei bis fünf Euro pro Person preisgünstig, selbst kochen lohnt kaum. Für touristische Attraktionen werden allerdings oft aberwitzige Eintrittspreise verlangt. Auch Übernachtungskosten für Hotels mit Ausländerlizenz (siehe Übernachtung) variieren extrem: Zwischen fünf und 50 Euro oder mehr. Um das Budget nicht überzustrapazieren, zelten wir sooft wie möglich wild. Unsere Tagesausgaben betragen letztlich etwa 20 Euro pro Tag zu zweit, viele Radreisende berichten jedoch von wesentlich höheren Ausgaben.

Sprache
Fast im ganzen Land wird Mandarin gesprochen – das der deutschen Zunge aber so fremd und unaussprechlich vorkommt, dass wir nicht einmal „Deutschland“ herausbringen, ohne vielleicht irgendeine Mutter zu beleidigen. In sieben Wochen treffen wir nur zwei Chinesen, die Englisch sprechen, selbst das Flughafenpersonal kann kein Wort. In Yunnan pflegen die zahlreichen Minoritäten darüber hinaus Dutzende lokale Sprachen.

Weblinks
osmand.net/

Kostenlose OSM-Karten, offline verfügbar.

 

www.deutschlandfunk.de/sozialkredit-system-china-auf-dem-weg-in-die-it-diktatur.724.de.html?dram:article_id=395440

Aufschlussreicher Beitrag über das Rating chinesischer Bürger ab 2020.

 

www.planet-wissen.de/geschichte/diktatoren/mao_zedong_gnadenloser_machtmensch/index.html

Zusammenfassung über Maos Aufstieg und brutale Herrschaft.

 

Literatur/Karten

Reißfeste Landkarte China, Ost, 1:2.700.000, Reise Know-How, 2015.
Ermöglicht einen guten Überblick, dennoch ist ein GPS-Gerät unentbehrlich, um sich in den zahlreichen Großstädten zu orientieren.

Vermeer, Manuel, KulturSchock China, Reise Know-How, 2018.
Es fiel uns selbst nach Wochen noch schwer, so manche chinesische Eigenart zu verstehen (Angst vor Gesichtsverlust, geräuschvolles Essen, Verschwendung als Statussymbol) – das Buch hilft dabei.

 

Rehage, Christoph, The Longest Way: 4646 Kilometer zu Fuß durch China, 2016.
Unterhaltsam beschreibt Christoph Rehage seinen Marsch durch China. Wir haben ihn zufällig unterwegs in Usbekistan getroffen, sein Ziel: Deutschland.

Ausrüstung

  • GPS oder Smartphone zur Navigation, Wörterbuch oder Übersetzer-App
  • Ungestörtes Surfen und der Besuch zahlreicher sozialer Netzwerke und Mailing-Dienste ist nur mit VPN möglich (gute Erfahrungen machen wir mit Express-VPN)!
  • Ohrenstöpsel (gegen unsäglich laute chinesische Hotelgäste und Verkehrslärm)
  • Wasserfilter, je nach Region
  • Windbreaker und Regenkleidung sowie warme Unterwäsche und Schlafsack
  • Steckdosenadapter sind nicht nötig

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