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180 km Grünes Band: Auf dem Pilgerweg der Freiheit

180 km Grünes Band: Auf dem Pilgerweg der Freiheit

Weitwanderwege faszinieren mich – deshalb hatte ich das Grüne Band schon lange auf dem Zettel. Bisher war es mir aber immer nicht weit genug weg. Ich dachte: „Wandern mitten in Deutschland? Das kannst du auch noch mit 80 machen!“. Nun, 2020 änderten sich bekanntlich die Voraussetzungen für Fernreisen drastisch und ich startete zur Schnuppertour auf dem Grünen Band: An vier Tagen im Juni und drei Tagen im Oktober lief ich, von Bad Elster aus, die ersten 180 km des Bandes bis Sonneberg.

Das Grüne Band ist schnell erklärt: Es ist die ehemalige innerdeutsche Grenze. Genau genommen vom „Dreiländereck“  Bayern/ Sachsen/ Tschechien nahe des sächsischen Posseck über rund 1.300 km bis nach Boltenhagen an der Ostsee. Bereits ab 1989 (!), also unmittelbar nach dem Mauerfall, verfolgten Aktivisten des BUND e.V. die Idee, den ehemaligen Grenzstreifen als „Grünes Band“ der Natur zu überlassen. Die Weitsichtigkeit und Konsequenz, mit der sie das taten, finde ich absolut bewundernswert – und in meinen Augen ist der Plan zu 90 % aufgegangen: Heute lassen sich auf dem Grünen Band Naturerfahrung und das Erleben innerdeutscher Geschichte nahezu perfekt verbinden. Warum nur „nahezu“? Nun, zu den 10 % Potential, die noch nicht erschlossen sind, später mehr.

Bei allen Erfolgen, die der BUND und dessen Mitstreiter an der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD erreicht haben: Als Fernwanderweg ist das Grüne Band bisher in erster Linie eine großartige IDEE. Eine durchgehende Beschilderung gibt es nämlich nicht. Der Nachteil: Die Orientierung ist nicht selbsterklärend. Der Vorteil: Der Wanderer wird in der Wegegestaltung eher kreativ sein. Die beiden sehr guten Wanderführer zum Grünen Band (von Anne Haertel bzw. Dr. Reiner Cornelius), die beide auch den kompletten Weg als gpx-Datei für Navigationsgeräte beinhalten, schlagen beispielsweise unterschiedliche Routen zum Startpunkt „Dreiländereck“ vor. Ich habe mich für eine dritte entschieden, die ich sehr empfehlen kann: Vom Bahnhof Bad Elster aus durch den Wald zwischen Arnsgrün und Bärenloh über Gettengrün und Ebmath zum Dreiländereck. Ich hatte mir zudem in den Kopf gesetzt, auch dann der ehemaligen Grenzlinie zu folgen, wenn das die Wanderwege nicht mehr tun. Auf dem Weg nach Mödlareuth streifte ich deshalb zwischen Feldern herum, wo mir noch die alten Grenzsteine zwischen Bayern und Thüringen den Weg wiesen – der ehemalige Todesstreifen war hier weit zurückgesetzt und ist mittlerweile überbaut worden. Nördlich von Lehesten hätte ich schon fast eine Machete gebraucht, um durch das Tannendickicht zu kommen, das dort den tatsächlichen Kolonnenweg mittlerweile überwuchert. Für alle, die solche Extratouren planen, ist es natürlich extrem hilfreich, ein Navigationsgerät dabeizuhaben, auf dem (als Orientierungshilfe) der empfohlene Track gespeichert ist. Denn es gibt für jeden Meter des Grünen Bandes, der nicht direkt auf der ehemaligen Grenze verlaufen kann, eine gut begehbare „Umleitung“, zu der man sich dann eben manchmal durchschlagen muss. Oder man bleibt gleich auf den erprobten, in den Wanderführern dokumentierten und im GPS angezeigten Wegen.

Ich habe keine gesehen. Wohl aber einen Fuchswelpen fünf Meter vor mir direkt auf dem Weg, mehrere Schwarzstörche, Mäuse, die unmittelbar neben meinem auf dem Nachtlager abgelegten Kopf Pilze geerntet haben und, neben unzähligen weiteren Hasen und Rehen, sogar miteinander kämpfende Rehböcke. Unmittelbar vor dieser tollen Entdeckung hatte ich übrigens den Moment der größten Furcht: Wisst ihr, wie sich Rehböcke anhören, wenn sie „schrecken“ oder „bellen“? Zumindest, wenn es zwei sind, die sich gerade ums Revier balgen, klingt das wie eine Horde Kampfhunde, die wild kläffend so schnell den Ort wechseln, dass man sich sicher sein kann, dass da kein Hundehalter dabei ist! Ich hatte die ungarische Salami schon mal als Friedensangebot bereitgelegt, mich aber trotzdem in respektvolle Entfernung zu dieser von meinem Nachtlager wegbegeben – eben auf die freie Fläche des Grenzstreifens. Und da sah ich die „Streithähne“, die mich offenbar nicht wittern konnten. Spektakulär! Im Juni habe ich die furchterregenden Geräusche eigentlich in jeder Nacht gehört, aber dann in aller Ruhe weitergeschlafen … Im Oktober dagegen gab es Pilze ohne Ende. Und, anders als die Tiere, ließen die sich auch widerstandslos fotografieren!

Stimmt, klingt bescheuert. Kolonnenweg wurde innerhalb der Grenztruppen der DDR der Kontrollweg genannt, der parallel zu den Grenzsicherungsanlagen verlief. Heute ist er über weite Strecken der „Wanderweg“ des Grünen Bandes und damit eigentlich die einzige echte technische Schwierigkeit der Tour. Die Beton-Lochplatten machen nämlich schnell fußmüde und vor allem erlauben die Abstände der Löcher einen normalen Gang eigentlich nur für Seeleute oder Extrem-Machos. Breitbeinigkeit ist hier ein unschätzbarer Vorteil! Die Alternative ist der Mittelstreifen zwischen den beiden Fahrspuren, aber der ist oft sehr uneben oder man läuft dort kilometerweit durch nasses Gras, was letztlich auch den härtesten Schuh zur Kapitulation in Bezug auf Wasserdichtigkeit zwingt! Die Brutalität, mit der dieser Weg durch die Landschaft geprügelt wurde, nötigte mir aber schon ein wenig schaudernden Respekt ab. Eine Grenze richtet sich ja oft nicht nach dem Geländerelief und so braucht man auf dem Kolonnenweg auch keine Serpentinen zu fürchten: Es geht auf kürzestem Weg rauf auf die Kuppe und auf der anderen Seite genauso wieder runter. Flankiert wurde der Weg ja früher vom KFZ-Sperrgraben, der eigentlichen Mauer und etlichen anderen ingenieurtechnischen Meisterwerken zur Freiheitsberaubung. Die Manpower, das Know-how und die Kohle, die die DDR in diesem Meister-Monsterbauwerk versenkt hat, hätte vermutlich für hunderte gut funktionierender Fabriken zur „Konsumgüterproduktion“ gereicht – und damit für eine Beendigung der ewigen Knappheit an allem in der DDR. Na ja, Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen …

Also für mich gilt: OHNE diesen Bezug zur jüngsten innerdeutschen Geschichte würde ich das Grüne Band nicht laufen. Eine wirkliche Herausforderung stellt Wandern in deutschen Mittelgebirgen nun mal nicht gerade dar. Die Landschaft ist, wie der Name sagt, grün und sie ist schön – spektakulär ist sie nicht. Wirklich in Erinnerung bleiben werden mir die Begegnungen mit Wildtieren und, vor allem, die unfassbar vielen Beispiele von Grenzwillkür und -brutalität, mit denen man konfrontiert wird, wenn man sich auf den geschichtlichen Aspekt des Grünen Bandes einlässt. Ich wusste zuvor einiges über tragisch gescheiterte Fluchtversuche – das war hart genug und wird auf Tafeln am Wegesrand teils drastisch illustriert. Wer auf dem Grünen Band unterwegs ist, läuft aber auch immer wieder an geschleiften Orten vorbei und erfährt dabei von unzähligen Menschen, die in tiefsten Friedenszeiten ohne jedes Widerspruchsrecht aus ihrer Heimat vertrieben wurden, damit der Todesstreifen weiter ausgebaut werden konnte. Solche Plätze waren es, die dazu geführt haben, dass ich für mich das Grüne Band dann – zugegeben: etwas pathetisch – den „Pilgerweg der Freiheit“ genannt habe.

Da sind wir beim nicht gehobenen Potential! Die schon jetzt super gelungene Verbindung von Naturerlebnis und Geschichtsvermittlung ließe sich grandios abrunden, wenn es auf dem Grünen Band eine echte Fernwanderwegs-Infrastruktur gäbe, wie ich sie beispielsweise in Estland kennengelernt habe: kostenlose Biwakplätze direkt am Weg mit (natürlicher) Wasserversorgung, Müllcontainer und Trockenklo. Die Wartung dieser Infrastruktur wäre über die vorhandenen Zufahrtswege und den Kolonnenweg selbst problemlos möglich – man muss es ja nicht so weit treiben wie die Esten, die an jedem Platz auch Feuerstelle und Feuerholz samt Holzspalter vorhalten! Ohne diese Plätze bewegt man sich auf dem Grünen Band in einer Grauzone 😊 Beide Grünes-Band-Wanderführer gehen konsequent von Übernachtungen in Ortschaften links und rechts des Weges aus. Wer das Band nicht verlassen möchte, weiß oft nicht ganz genau, ob eine Übernachtungsstelle in einem Landschaftsschutzgebiet (von denen es viele gibt entlang des Weges) liegt oder nicht. Natürlich ist es selbstverständlich, dass man beim Biwakieren keine Spuren hinterlässt. Trotzdem wäre hier eine klare Regelung mit festen Plätzen, gerade im Interesse der Natur, die bessere Lösung. Von dieser Unsicherheit abgesehen, ist es überhaupt kein Problem, entlang des Grünen Bandes wunderschöne Biwakplätze zu finden. Man sollte sich allerdings vorher Gedanken machen, wie weit einen die Füße tragen und ob da am Ende des Tages irgendwo Wasser ist. Biwakieren ohne Frischwasser ist ja nicht unmöglich, aber doch ziemlich unkomfortabel.

Das Grüne Band könnte die perfekte Einstiegsdroge für alle sein, die mal Mehrtages-Wanderungen mit Biwak probieren wollen:  Die körperlichen Anstrengungen sind überschau- und die Orientierung ist beherrschbar, der Weg führt durch wirklich sehr schöne Landschaften und Begegnungen mit Wildtieren sind garantiert! Wer auf dem Grünen Band unterwegs ist, darf sich dann den Genuss aber nicht vom teilweise gewöhnungsbedürftigen Wege-Untergrund und fehlenden offiziellen Biwakplätzen verderben lassen.

Ein Muss ist das Grüne Band für diejenigen, die sich hautnah mit der jüngeren innerdeutschen (Grenz-)Geschichte auseinandersetzen möchten! Eine gelungenere Verbindung zwischen entspanntem Naturerlebnis und einprägsamer Geschichtserfahrung kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Ich habe diese Geschichtslektion sehr genossen und ich werde auch die restlichen 1.120 km noch laufen – nicht am Stück, aber Stück für Stück.

Beste Reisezeit

Frühjahr bis Herbst. Achtung: Ab August ist Jagdsaison – die Hochsitzdichte auf dem Grünen Band ist größer als die Hochhausdichte in Manhattan.

An- und Abreise

Mit der Bahn: Leipzig – Bad Elster 2,5 h / Probstzella – Leipzig 2 h / Sonneberg – Leipzig 3 h (über Bamberg (!), weil leider die wunderschöne Strecke Sonneberg – Probstzella stillgelegt wurde

Meine Tagesetappen

Juni: Bad Elster – Troschenreuth – Saalbachquelle – Loquitzquelle – Probstzella (110 km)
Oktober: Probstzella – Klettnitztal – Föritz – Sonneberg (70 km)

Gepäck

Größer als 45 Liter muss der Rucksack bei einer 4-7 -Tage-Tour mitten in Deutschland nicht sein. Wer länger läuft, legt Waschtage ein, statt mit 70 Litern zu starten.

Übernachtung

Biwak (Isomatte, Schlafsack, Tarp). Alternativ: Pensionen und Gasthöfe in Ortschaften nahe des Grünen Bandes (siehe Wanderführer).

Verpflegung

Problemlos in Orten, die passiert werden. Ich war allerdings autark, hatte Trekkingnahrung und Kocher dabei.

Geld

Habe ich nicht gebraucht, hatte aber für alle Fälle eine EC-Karte dabei – Geldautomaten findet man in den Ortschaften in der Nähe des Grünen Bandes.

  • Die Wegequalität auf dem Grünen Band ist im wahrsten Sinne des Wortes HART. Gut gedämpfte Wanderschuhe sind deshalb das Allerwichtigste! Wenn sie einen hohen Schaft haben (was nicht unbedingt sein muss), schützen sie auch vor dem Umknicken beim Tritt in ein Lochplatten-Loch.
  • Trekkingstöcke sind Knieschoner für steile Bergab-Passagen des Kolonnenweges und Aufstellhilfe für das Tarp.
  • Ein Trinksystem hilft, die relativ langen wasserlosen Passagen zu überbrücken. Man kann es beim Biwakieren auch als „Wassersack“ zum Wasserholen einsetzen.
  • Sehr zur Entspannung trägt ein Navigationsgerät bei, auf dem der Track des Grünen Bandes gespeichert ist.
  • Das Grüne Band – Wandern im wilden Deutschland, Dr. Reiner Cornelius, Bruckmann Verlag, aktualisierte Auflage 2018, ISBN 978-3-7654-6041-8
  • Grünes Band – Der Süden, Anne Haertel, Trescher Verlag, aktualisierte Auflage 2020, ISBN 978-3-8979-4533-3
  • Kompass-Karte 805, Vogtland Saaletalsperren, 1:50.000
  • Kompass-Karte 813, Östlicher Thüringer Wald, 1:50.000

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